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Faszinierende Glücksvögel: „Kraniche sind auch nur Menschen“

Faszinierende Glücksvögel : „Kraniche sind auch nur Menschen“

Ist in diesem Jahr noch mit weiteren Kranichen zu rechnen, die über unsere Region hinwegziehen? Wozu dient der markante trompetenähnliche Ruf der imposanten Vögel? Diese und viele andere Fragen beantwortet der Biologe und Kranichforscher Dr. Günter Nowald im Interview.

Der Biologe Dr. Günter Nowald erforscht seit vielen Jahren das Verhalten der Kraniche. Er ist der Leiter des Kranich-Informationszentrums des NABU in Groß Mohrdorf und Geschäftsführer von Kranichschutz Deutschland. Im Interview mit Andreas Gabbert spricht er über die besondere Faszination, die von diesen Vögeln ausgeht, und erklärt viele Fragen.

Über der Nordeifel und der Aachener Region waren in den vergangenen Wochen viele Kraniche unterwegs. Waren das jetzt alle, oder kommen noch welche?

Nowald: Tatsächlich haben Sie schon einen Großteil der Kraniche erleben dürfen. Viele sind schon durch. Am vergangenen Wochenende gab es noch einmal einen guten Zugtag. Die Kraniche haben vermutlich geahnt, dass jetzt ein Kälteeinbruch mit Schnee bevorsteht, und sind losgezogen. Es wird noch einiges kommen, aber nicht mehr die ganz großen Massen.

Wann ist denn mit den letzten Kranichen zu rechnen?

Nowald: Immer mehr Kraniche versuchen, in Deutschland zu überwintern. Das heißt, es werden nicht alle losziehen. In den letzten 15 Jahren hatten wir im Winter immer zwischen 5.000 bis 30.000 Kraniche in Deutschland. Wenn es doch noch mal einem richtigen Winter mit viel Schneefall gibt, kommt es zur Winterflucht. Dann machen sich diese Vögel, oder zumindest ein Teil davon, auch noch auf den Weg. Das hatten wir im vergangenen Jahr ganz ausgeprägt um Weihnachten herum. Da ist eine große Masse, also eine fünfstellige Zahl von Kranichen, losgeflogen. Die fliegen dann nicht mehr unbedingt bis ganz in den Süden in das traditionelle Überwinterungsgebiet nach Spanien – vor allem die Extremadura. Die bleiben oft weiter nördlich irgendwo in Frankreich hängen, wo sie genug zu fressen finden.

Also könnten auch Ende Dezember oder Anfang Januar noch Kraniche über Nordrhein-Westfalen zu sehen sein?

Nowald: Richtig! Das hängt vom Wetter ab.

 Dr. Günter Nowald entlässt einen soeben farbmarkierten Jungkranich zurück in die Freiheit.
Dr. Günter Nowald entlässt einen soeben farbmarkierten Jungkranich zurück in die Freiheit. Foto: Kranichschutz Deutschland/Hermann Dirks

Wie viele Kraniche gibt es denn überhaupt in Deutschland?

Nowald: In Deutschland haben wir im Sommer mittlerweile gut 13.000 Paare, also 26.000 Vögel. Wenn dann noch 5000 Jungvögel dazu kommen, sind wir bei über 30.000 Kranichen. Vermutlich kommen auch noch 10.000 bis 15.000 Nichtbrüter hinzu. Demnach haben wir im Sommer eine Population von rund 40.000 Kranichen.

Und wie viele fliegen im Herbst und im Frühjahr über Deutschland hinweg?

Nowald: Das sind vermutlich um die 400.000 Kraniche. Der Bestand hat in den vergangenen Jahren gut zugenommen. Das liegt aber auch daran, dass Kraniche aus Osteuropa den Zugweg gewechselt haben und auf den westeuropäischen Zugweg umgeschwenkt sind. Wahrscheinlich bietet dieser die besseren Bedingungen zum Rasten und Fressen.

Welche Zugrouten gibt es denn überhaupt?

Nowald: In Europa gibt es drei Zugwege. Der westeuropäische Zugweg ist der bedeutendste. Daneben gibt es den zentraleuropäischen bzw. baltisch-ungarischen Zugweg, der über Ungarn und Italien nach Nordafrika führt, und den osteuropäischen Zugweg, der vor allen Dingen von Vögeln aus Russland genutzt wird. Die fliegen über die Ukraine, die Türkei und Israel nach Afrika.

Die Vögel, die wir über der Nordeifel und der Aachener Region zu sehen bekommen, sind also auf dem westeuropäischen Zugweg unterwegs?

Nowald: Mittlerweile wird ganz Deutschland von den Kranichen überflogen. Über Nordrhein-Westfalen fliegen Vögel, die vor allem aus Skandinavien kommen. Weiter südlich über Hessen und dem Saarland fliegen eher Vögel, die aus dem Baltikum und Polen kommen.

Viele Menschen hatten den Eindruck, dass in diesem Jahr besonders viele Kraniche über unserer Region zu beobachten waren. Stimmt das?

Nowald: Tatsächlich habe ich viele Nachrichten aus Ihrer Region bekommen. Dort waren wirklich viele Kraniche unterwegs. Das ändert sich von Jahr zu Jahr ein wenig. Das ist vom Wind abhängig. Das sind ja riesige Vögel. Deshalb werden sie vom Wind etwas verfrachtet. Wenn er aus nordöstlicher Richtung weht, fliegen mehr Kraniche über die Eifel hinweg. Entsprechend wird das auch wahrgenommen.

Bevor man die Kraniche sieht, hört man meist schon ihren markanten trompetenähnlichen Ruf. Welchen Zweck hat das?

Nowald: Die Kraniche sind sehr ruffreudig und kommunizieren miteinander, um die Formation und vor allen die Familienverbände zusammen zu halten. Die Jungvögel fliegen gemeinsam mit ihren Eltern los und lernen so den Zugweg und die Rastplätze kennen. Wenn es neblig ist, rufen die Kraniche noch intensiver, um den Zusammenhalt herzustellen.

In diesem Jahr hatte man außerdem den Eindruck, dass die Vögel sehr tief geflogen sind. Hatte das einen besonderen Grund?

Nowald: Das ist davon abhängig, wo es die günstigsten Bedingungen gibt. Die Flughöhe orientiert sich daran, wo der Wind am günstigsten weht und die Thermik am besten ist. So sparen die Vögel Energie. Auch die Sichtverhältnisse spielen eine Rolle. Deshalb sind an Tagen mit günstigen Voraussetzungen besonders viele Kraniche unterwegs. Die Flughöhe liegt zwischen 50 und 2.000 Metern. Über den Pyrenäen erreichen Kraniche auch Flughöhen von bis zu 3000 Meter Höhe.

Und warum fliegen sie in der typischen Keilformation?

Nowald: Da geht es auch darum, Energie zu sparen. So profitiert der etwas versetzt hinterherfliegende Vogel von einer besseren Luftströmung.

Haben die eigentlich einen Chef an der Spitze, der allein die meiste Arbeit macht, oder wechseln sich die Vögel ab?

Nowald: Die wechseln sich auch ab, damit sich jeder mal etwas erholen kann. Vorne ist in der Regel aber immer ein sehr dominanter und kräftiger Vogel, der über viel Kondition und Erfahrung verfügt. Wenn man so will, gibt es mehrere Anführer, aber kein Leittier.

Kraniche faszinieren die Menschen seit jeher. Rund um die Welt haben sie einen Platz in den Mythen und Märchen, Sagen und Legenden, Fabeln und Geschichten. Woran liegt das?

Nowald: Dafür gibt es ganz viele Gründe. Einer davon ist der Traum vom Fliegen. Wer würde denn nicht gerne mitfliegen, wenn die Kraniche im Herbst in den warmen Süden aufbrechen? Wenn sie zurückkehren, verkünden sie den Frühling und bringen nach einem langen, kalten und dunklen Winter wieder Licht und Wärme mit. Sie sind Frühlingsboten und die Glücksvögel schlechthin.

Was fasziniert sie selbst an diesen Tieren?

Nowald: Was ich gerade gesagt habe, war ein Aspekt, der mich an die Kraniche herangeführt hat. Ich wäre auch gerne mit ihnen in den Süden geflogen, als ich in Osnabrück Biologie studiert habe. Meine Abschlussarbeit habe ich über die Kraniche geschrieben und später auch meine Promotion. Wenn man sich mit der Biologie und dem Verhalten der Kraniche näher befasst, dann wird man von diesem Vogel immer mehr in den Bann gezogen. Ich sage immer: Kraniche sind auch nur Menschen. Es gibt so viele Parallelen, gerade im Verhalten. Das ist Faszination pur!

Das Verhalten von Kranichen und Menschen ähnelt sich?

Nowald: Die Paare bleiben, wenn sie sich gut verstehen und erfolgreich Nachwuchs großziehen, ein Leben lang zusammen. Dabei kümmern sie sich liebevoll um die Aufzucht ihrer Nachkommen. Ihre Partnerschaft bekräftigen sie mit beeindruckenden Tanzeinlagen. Streitigkeiten versuchen sie durch Gebärden bzw. bestimmte Körperhaltungen zu vermeiden. Erst im allerletzten Moment, wenn sich die Streithähne so nicht einigen können, kommt es zu körperlichen Auseinandersetzungen. Das ähnelt doch alles sehr unserem Verhalten.

Ein Kranich im Landeanflug: Günter Nowald hockt oft viele Stunden in einem Versteck, um solche Aufnahmen von den faszinierenden Vögeln zu machen.
Ein Kranich im Landeanflug: Günter Nowald hockt oft viele Stunden in einem Versteck, um solche Aufnahmen von den faszinierenden Vögeln zu machen. Foto: NABU-Kranichzentrum/Günter Nowald

Sie haben viele tolle Fotos von diesen Vögeln gemacht. Was nehmen Sie dafür in Kauf?

Nowald: Wenn man richtig gute Fotos und Nahaufnahmen machen möchte, dann geht das nur aus einem Versteck heraus. Dort geht man morgens rein, bevor die Kraniche an diese Stelle kommen, und man muss den ganzen Tag dableiben, bis sie abends wieder zum Schlafplatz fliegen. Einige Fotos habe ich in Südschweden gemacht. Im Frühjahr sind es dort morgens in um 3.30 Uhr manchmal minus zehn Grad. Und wenn man abends um 20.30 Uhr rauskommt, ist es auch nicht besser. In diesem Fotoversteck ist es nicht gemütlich groß, es gibt keine Zentralheizung und ein Pizzaservice kommt auch nicht vorbei.

Aber sie nehmen diese Strapazen dennoch auf sich.

Nowald: Ja, weil man den Vögeln ganz nahe ist. Man wird mit wunderschönen Aufnahmen belohnt. Man dringt tief ein in die Kommunikation der Tiere: durch ihre Gebärden, Körperhaltungen und die unterschiedlichsten Laute. Während des Zuges hört man nur die etwas lauteren Äußerungen. In der Nähe vernimmt man die ganze Zeit ein Gemurmel. Es ist unheimlich faszinierend, wie viele unterschiedliche Lautäußerungen die Vögel kennen, um miteinander zu kommunizieren.

Manchmal scheinen die Kraniche orientierungslos über einer Stelle zu kreisen. Welche Ursache hat das?

Nowald: Dafür gibt es verschiedenste Begründungen. Das ist von der jeweiligen Situation bzw. dem Auslöser abhängig. Aufsteigende Luftmassen können ein Grund dafür sein. Dann löst sich die Formation auf, und die Vögel lassen sich empor tragen, bevor sie sich neu formieren, um im Gleitflug weiter zu fliegen. Manchmal verlieren Kraniche auch bei Nebel die Orientierung, besonders dann, wenn Nebelfelder angestrahlt werden, zum Beispiel durch Flutlichtanlagen. Es ist schon vorgekommen, dass Kraniche gegen Häuser geprallt oder auf der Autobahn gelandet sind.

Was sind denn die größten Gefahren auf der Reise?

Nowald: Eine der größten Gefahren geht von Hochspannungsleitungen aus, gerade wenn sie sich in der Nähe von Schlafplätzen befinden. Wenn die Vögel morgens losfliegen und die Sichtverhältnisse nicht gut sind, etwa durch Nebel, oder wenn beim Start ein starker Wind weht, geraten sie immer wieder in die Leitungen. Bei Nebel können die Vögel aber auch mit Bäumen kollidieren und sich die Flügel brechen.

Was ist mit Windrädern?

Nowald: Glücklicherweise sind die Windräder bei gutem Wetter für den Kranichzug nicht von großer Bedeutung. Bei schlechtem Wetter sieht es immer anders aus. Die Masse der Kraniche fliegt aber bei gutem Wetter.

Warum machen sich die Kraniche eigentlich nicht alle gleichzeitig auf den Weg?

Nowald: Weil sie nicht alle gleichzeitig brüten. Wenn die Kraniche bei uns im März und im April mit der Brut beginnen, dann ist hohen Norden noch alles gefroren und voller Schnee. Die Nordskandinavier fangen teilweise erst im Juni an. Entsprechend länger sind diese Vögel mit der Brut beschäftigt. Dadurch gibt es ein größeres Zeitfenster, in dem die Kraniche in mehreren Wellen über Europa hinweg ziehen.

Kraniche und Wildgänse werden gerne verwechselt. Wie lassen Sie sich im Flug unterscheiden?

Nowald: Gänse haben einen schnelleren Flügelschlag und ein unruhiges Flugbild. Charakteristisch für das Flugbild des Kranichs ist außerdem, dass die Beine gerade nach hinten weggestreckt werden und den Schwanz dabei deutlich überragen.

Freuen Sie sich schon auf das Frühjahr, wenn die Kraniche wieder zurückkehren?

Nowald: Und wie! In diesem Zusammenhang möchte ich Sie herzlich in die Ausstellung des NABU-Kranichzentrums nach Groß Mohrdorf einladen. Ganz in der Nähe können die charismatischen Glücksvögel auch aus unserer zweigeschossigen Beobachtungsstation, dem Kranorama, bei ihren wunderbaren Tanzdarbietungen bewundert werden. Herzlich willkommen!