Städteregion Aachen: Klimawandel fordert auch Betriebe heraus

Städteregion Aachen: Klimawandel fordert auch Betriebe heraus

Welche Schäden ein Sturm wie „Sandy” in einem hoch industrialisierten Land wie den USA anrichten kann, konnte man kürzlich an der dortigen Ostküste verfolgen.

„Vor solchen Auswirkungen kann man sich kaum schützen”, sagt Professor Dr. Dirk Vallée. „Aber auch hier in der Städteregion werden wir mit gravierende Klimaveränderungen konfrontiert, auf die man sich vorbereiten kann”, sagt der Leiter des Instituts für Stadtbauwesen und Stadtverkehr der RWTH (ISB).

Im Rahmen eines bundesweiten Modellprojekts hat sich Vallée im Auftrag der Regionalentwicklung der Städteregion mit den Auswirkungen des Klimawandels insbesondere auf die Gewerbeflächen vor Ort befasst und einen Handlungskatalog erarbeitet, wie sich die Wirtschaft vor den erwarteten Gefahren und damit verbundenen Kosten schützen kann. Schon heute lassen sich die Veränderungen der Wetterlage spüren. Starkregen setzt Straßen unter Wasser, überflutet Keller und Gelände.

Sturmfronten reißen Ziegel und Fassaden von Gebäuden, heftige Schneefälle lassen Dächer einstürzen, und Hitzewochen im Sommer machen Mensch und Tier zu schaffen. Doch das sind nur erste Anzeichen einer gravierenden Veränderung der klimatischen Verhältnisse zwischen Puffendorf und Kalterherberg. Das haben die Experten des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung explizit für die Städteregion prognostiziert für die kommenden 50 Jahre.

Demnach wird im Sommer die Durchschnittstemperatur bis zu drei Grad steigen auf über 30 Grad. Dies hat im Winter einen Rückgang von Schnee und eine Zunahme den Regen zur Folge, während der Sommer um bis zu 20 Prozent trockener wird. In der Städteregion lassen sich deutliche Unterschiede ausmachen: Die Zunahme der Niederschläge im Nordkreis fällt deutlich stärker aus als im Eifelraum. Glaubt man den Klimamodellen, werden extreme Wetterlagen häufiger und intensiver: Hitze, Dürre, Sturm mit Tornados, Gewitter mit Hagel, langanhaltender Starkregen werden zunehmend den Alltag der Menschen beeinträchtigen - und auch zu einer Herausforderung für Gewerbe und Industrie werden, der man sich bereits heute stellen soll und kann, betont Professor Vallée.

Im Rahmen ihrer Klimaschutzkonzeption hatte sich die Städteregion vor zwei Jahren bei einem Wettbewerb des Bundesamtes für Bauordnung und Raumordnung beworben. „Als einer von nur neun Teilnehmern erhielten wir die Förderzusage für ein Konzept, das Anpassungsmaßnehmen aufzeigen soll”, erzählt Ruth Roelen. Als einzige hatte die Städteregion einen interkommunalen Ansatz für Gewerbeflächen vorgeschlagen. „Und heute stößt unser Konzept bundesweit auf große Resonanz”, sagt die Leiterin der Regionalentwicklung.

Kommunen wie Industrie interessieren sich für die Lösungsvorschläge, die unterschiedliche Ansätze berücksichtigen. Einerseits die Entwicklung von neuen Gewerbegebieten. „Durch vorausschauende Konzeptionierung und Auflagen können bereits im Voraus spätere Schäden vermieden, zumindest aber minimiert werden”, erklärt Vallée.

Ein weiterer Ansatz war die Betrachtung altindustrieller Standorte wie beispielsweise in Stolberg mit einer Lage in der Nähe von Flüssen und teilweise historischer Gebäudesubstanz. Oberhalb der Altstadt soll der Vichtbach bereits heute schon bei einem 50-jährlichen Hochwasser die Altstadt überfluten; Schäden in Millionenhöhe prognostiziert für diesen Fall der Hochwasseraktionsplan des Wasserverbandes Eifel-Rur.

Anders zu betrachten sind wiederum junge Gewerbeflächen an Ortsrändern, wie beispielsweise Königsbenden in Eschweiler, mit einer Vielzahl von Flachdachbauten. Oder aber auch großflächige Gewerbestandorte mit verwinkelten Gebäuden und vielen Freiflächen, wie sie beispielhaft an Logistikstandorten in Aachen untersucht wurden. Dabei wurden individuelle Risiken durch den Klimawandel analysiert und Lösungsansätze erarbeitet.

Mit im Boot waren bei dem Projekt neben der Regionalentwicklung und dem ISB auch die Industrie- und Handelskammer sowie die Handwerkskammer, die Agit, der Katastrophenschutz der Städteregion sowie als Vertreter von Versorgungsunternehmen die Stawag. „Es galt einen ganzheitlichen Ansatz gemeinsam mit allen möglichen Protagonisten zu erarbeiten”, sagt Roelen. Dabei müssen sich Gewerbetreibende im großräumigen Ernstfall von der Erwartung frei machen, dass ihnen als ersten geholfen würde, macht der Professor klar. Krankenhäuser, Altenheime, wichtige Infrastrukturobjekte für die Allgemeinheit führen die Prioritätenliste der Hilfsmaßnahmen an. „Rechtzeitige Vorsorge ist die große Chance für Gewerbetreibende”, verdeutlicht Vallée. Denn vielfältig können die Auswirkungen der Klimaveränderung zuschlagen.

Zerstörungen an Produktionsgebäuden, Überschwemmungen von Lagerflächen und Transportwege, durch Hitze aufgeweichte Asphaltflächen oder verbogene Gleise, Blitzeinschläge, der Ausfall von Versorgungsleitungen für Strom, Gas und Wasser. Die Auswirkungen sind vielfältig und können produzierendes Gewerbe oder Dienstleister unterschiedlich, aber hart treffen. „Niemand kann heute exakt vorhersagen, wann, was und wie uns solche Katastrophenlagen treffen werden, aber ziemlich sicher ist, dass sie uns in Zukunft hart treffen werden”, zeigt sich der Professor überzeugt.

Direkte Schäden ebenso wie der Ausfall zeitgerechter Lieferungen gehen jedoch kräftig ins Geld. Das lässt sich individuell berechnen. „Aber in jedem Fall ist eine Vorsorge wirtschaftlicher als der Ausfall”, betont Dirk Vallée. „Dafür gibt es bereits heute Beispiele.”

Hier setzt das KlimAix genannte Konzept an. Die „klimagerechte Gewerbeflächenentwicklung in der Städteregion Aachen” spricht Handlungsempfehlungen aus - nachzulesen in einer 86 Seiten starken Broschüre und nachzuvollziehen im Internet, wo man seinen individuellen Klimacheck mit persönlicher Risikoabschätzung durchführen kann.

Dabei wendet sich KlimAix in erster Linie an zwei Adressaten: Einerseits an die Planungsfachleute bei den Kommunen. „Sie können bei der Ausweisung von Gewerbegebieten bereits Vorsorge treffen”, nennt Ruth Roelen leistungsfähigere Regenrückhaltebecken, Entsiegelung oder Anforderungen an robustere Gebäudestrukturen als Beispiele. Zweiter Adressat sind die Geschäftsführer von Unternehmen, die einerseits bei Neubauten Vorsorge treffen oder den Bestand nachrüsten können. Vergleichbares gilt sicherlich auch für private Gebäude. Mit Präsentationen und Veranstaltungen sowie über die Kammern sollen die Adressaten nun für das Thema des vorbeugenden Klimaschutzes sensibilisiert werden. „Das muss in die Köpfe rein”, appelliert Dr. Vallée und hofft insbesondere die Unternehmer dort abholen zu können, wo sie besonders sensibel sind: beim Geld. „Vorbeugung ist die günstigere Lösung”.

Dabei sieht die Regionalentwicklerin Roelen in einigen Bereichen durchaus fließende Grenzen zwischen einer kommunalen Verpflichtung für Schutzmaßnahmen sowie einer individuellen Verantwortung der Gewerbetreibenden. Und sie bietet die Hilfe der Städteregion als Moderatorin an: „Wir haben als Städteregion keine eigene Planungshoheit, aber viele Ideen und können beratend zur Seite stehen”. Dirk Vallée und Ruth Roelen denken schon einen Schritt weiter. Ein Gütesiegel für ein klimagerechtes Gewerbegebiet kann in der Zukunft zu einem attraktiven Marketinginstrument werden. Und ein Anforderungsprofil kann wie die allseits akzeptierte DIN ISO zu einem Wettbewerbsvorteil für die Betriebe führen. Über solche Ansätze wird im Nachgang zu dem bundesweiten Projekt nun in Berlin nachgedacht.