Eicherscheid: Klassenmitgliedauf vier Pfoten

Eicherscheid: Klassenmitgliedauf vier Pfoten

Der Besucher ist etwas überrascht, wenn ihn beim Betreten des Klassenzimmers neben den fröhlichen Schülern auch ein wuscheliger Vierbeiner schwanzwedelnd begrüßt. Die tierische Klassenkameradin heißt Sandy und ist eine knapp zweijährige Colliehündin.

Mit ihrer Besitzerin, Sonderpädagogin Birgit Hübner, hat Sandy eine spezielle Ausbildung absolviert und ist eine wichtige Hilfe bei der Arbeit mit lernbehinderten und erziehungsschwierigen Kindern und Jugendlichen.

Sandy nimmt jeden Tag am Unterricht der Klasse M1 teil und gehört fest zum Tagesablauf dieser Mittelstufenklasse. Meistens liegt die Hündin in einer Ecke und schläft, während um sie herum gearbeitet und gelernt wird. „Aber selbst damit verbreitet sie eine Atmosphäre der Ruhe und Entspannung”, wie Birgit Hübner festgestellt hat. Wird es plötzlich sehr unruhig oder laut in der Klasse, springt auch Sandy auf und läuft unruhig umher. „Die Kinder merken dann sehr schnell, dass es für den Hund stressig wird und sie rufen sich gegenseitig zur Ordnung”, berichtet Hübner.

Damit auch alle Kinder Sandys Gemütszustand wahrnehmen, zeigt eine „Hundeampel” an der Tafel an, ob der Hund gerade entspannt, angespannt oder gar gestresst ist. Wird sie auf Gelb gestellt, heißt das „Achtung!” In dem sehr seltenen Fall, dass die Ampel auf Rot gestellt werden muss, wird Sandy in einen ruhigen Raum gebracht, denn der Hund muss vor zu viel Stress geschützt werden. „Aber das ist bisher erst einmal passiert”, erzählt Schüler Mario. Und natürlich möchten die Schüler, die fast alle auch zuhause ein Haustier pflegen, dass Sandy bleibt.

Trotzdem muss Sandy natürlich einige Unruhe und auch mal eine zu stürmische Umarmung vertragen können.

Um sicher zu gehen, dass sie den Anforderungen in einer Schule gewachsen ist, musste Sandy mit ihrer Besitzerin in eine spezielle Ausbildung gehen. In Gangelt musste der Hund lernen, gut zu gehorchen und selbst in Stresssituationen keine Anzeichen von Aggressivität erkennen zu lassen. „Das Tier soll offen auf die Kinder zugehen und sich auch von ihnen führen lassen”, beschreibt Birgit Hübner das Ziel der Weiterbildung für Hund und Frauchen.

All diese Voraussetzungen hat Sandy erfüllt und ist seit Beginn dieses Schuljahres nicht nur der Klassenhund der M1, sondern der vierbeinige Star der ganzen Schule. In den Pausen ist auf dem Schulhof immer etwas los dort wo Sandy ist, die mittlerweile fast alle Schüler gut kennt. Jeden Morgen wird ausgezählt, wer denn den Hund zur Klasse M1 führen darf. Und dann darf natürlich das morgendliche Streicheln nicht fehlen.

Auch Spiele wie das Tunnelspiel, bei dem Sandy sich durch die gespreizten Beine der Kinder ein Leckerchen abholen geht, oder das „Spinnennetz”, bei dem der Hund von Kind zu Kind geht und so mit einer Schnur ein Netz flechtet, gehören inzwischen zu den Ritualen der Klasse.

Wie aber kam es dazu, dass Sandy zum täglichen Begleiter von Birgit Hübner in die Schule wurde, und was bewirkt die ständige Anwesenheit des Vierbeiners in der Klasse?

Dass ein Hund zur Verbesserung des Klassenklimas beiträgt, wurde schon beschrieben. Aber er tut noch viel mehr. Ein Hund geht ohne Vorbehalte auf Kinder zu. Ein Kind, das vielleicht schon vor dem Unterricht den ersten Krach gehabt hat, erlebt, wie es von Sandy schwanzwedelnd begrüßt wird. Das schafft Entspannung.

Ein Kind, das kaum noch ruhig sitzen kann, darf zwischendurch mal aufstehen und Sandy streicheln - danach kann es besser weiter lernen. Ein Kind, das traurig ist, kann die tröstende Nähe des Hundes spüren und fühlt sich nicht mehr so alleine. „Sandy unterscheidet auch nicht nach Markenkleidung oder Intelligenz. Und Schulnoten sind ihr ganz egal”, sagt Birgit Hübner. Alle Kinder sind ihr gleich wichtig - sie müssen nur lieb zu ihr sein. Und wenn die ganze Welt mal wieder gegen einen Schüler ist - der Hund mag ihn trotzdem, und das tut gut.

Die oben geschilderten Spiele machen den Schülern nicht nur Spaß, sondern es werden auch Rücksichtnahme und vorsichtiges Miteinander geübt. In manchen Unterrichtsfächern hat Sandy in ihrer Gurttasche Aufgaben, die gelöst werden müssen, oder Nummern, die für eine Gruppenbildung gezogen werden. Dann ist Sandy Co-Lehrer.

Auch in der Einzel- oder Kleingruppenförderung kommt die junge Hündin zum Einsatz. Sie hat hierfür eine Reihe kleiner Kunststücke bzw. Übungen gelernt, zum Beispiel Pfötchen geben oder Slalom um Stäbe zu laufen. Wenn Schüler diese Übungen mit ihr machen, ist das gar nicht immer so einfach. Sandy spiegelt dem Schüler ganz genau, ob sein Befehl überzeugend war oder nicht - dann bleibt sie einfach sitzen. Sich durchsetzen können ohne Gewalt anzuwenden, Geduld zu haben und den Hund für gute Leistungen zu loben sind wichtige Lerninhalte der „Spielstunde” mit Sandy. Und wenn die Übungen gut klappen, sind auch die jungen Hundeführer stolz.

Sandys Besitzerin muss dabei natürlich immer auch das Wohl ihres Hundes im Auge behalten. Die Hundesprache zu verstehen und vor allem Stresssignale bei einem Tier zu erkennen und für Abhilfe zu sorgen, sind wichtige Inhalte der Ausbildung zum Mensch-Hunde-Team. Denn Unfälle mit Hunden passieren dann, wenn die Signale des Hundes nicht erkannt und respektiert werden.

Sandy jedenfalls geht jeden Tag aufs Neue freudig über den Schulhof und in die Schule hinein. Welcher Schüler und welcher Lehrer kann das schon von sich behaupten?

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