Kirchenchor Imgenbroich löst sich nach 150 Jahren auf

Es ist Schluss: Imgenbroichs Kirchenchor verstummt nach 150 Jahren

150 Jahre nach seiner Gründung wird sich der Kirchenchor der Pfarre St. Josef Imgenbroich am 17. März auflösen. An diesem Tag findet die letzte Generalversammlung statt, anschließend gibt es um 15 Uhr in der Pfarrkirche St. Josef Imgenbroich einen Abschiedsgottesdienst, der vom Kirchenchor aus Konzen und dem Chor Maranatha mitgestaltet wird.

Während in den vergangenen Jahren in der Nordeifel einige neue Chöre gegründet wurden, hatte der Imgenbroicher Kirchenchor Schwierigkeiten, neue Sänger zu gewinnen. Zuletzt verzeichnete der Chor nur noch acht Mitglieder.

Im Jahr 2016 hatten die Mitglieder nach der Sommerpause beschlossen, den Chor und den Förderverein aufzulösen. Fünf Sänger aus Imgenbroich fanden im Konzener Chor ein neues Zuhause und wurden herzlich willkommen geheißen. „Die Gründe für das Ende des Kirchenchores in Imgenbroich waren Personalmangel, aber auch körperliche Alterserscheinungen, die die Stimmen der Sänger beeinträchtigten“, sagt der Ehrenvorsitzende Günter Michaux.

Den Grund dafür, dass andere Chöre zeitgleich wachsen konnten, macht der Sprecher des Kirchenchores, Bruno Welter, an einer anderen Art zu singen fest. „Es ist nicht so, dass nicht mehr gerne gesungen wird“, sagt er. Bei den neuen Chören stehe aber nicht das traditionelle Liedgut eines Kirchenchores im Vordergrund, sondern Gospel, Pop und Rock. Es werde auch auf Englisch gesungen und sich zur Musik bewegt. „Da findet ein Chorleben statt, das jüngeren Leuten eher angemessen ist“, meint Welter.

Ehrenvorsitzender Günter Michaux (links), Chorleiter Willi Mertgens (Mitte) und Chorsprecher Bruno Welter gemeinsam vor der Chorfahne: Die Fahne ist wie der Chor selbst bereits 150 Jahre alt. Foto: Andreas Gabbert

Der Kirchenchor sei aber eher von Disziplin und Strenge geprägt gewesen, was die Mitglieder aber auch immer wieder zu gesanglichen Höchstleistungen angetrieben habe. Für das jährliche Konzert habe man mit Chorleiter Willi Mertgens immer ein komplett neues Programm einstudiert und es im Laufe der Zeit auf einen beachtlichen Fundus von rund 2000 Chorsätzen gebracht. Das Niveau der Konzerte sei immer außergewöhnlich hoch gewesen. „Die individuelle Freiheit, die junge Menschen heute suchen, hat unser Chor nicht ausstrahlen können“, sagt Welter, der mit 66 Jahren der Jüngste der Sänger ist.

Für ihn handelt es sich dabei um ein Phänomen, das nicht nur den Imgenbroicher Kirchenchor betrifft, sondern viele Vereine. Welter sieht darin auch ein Zeichen des Umbruchs des allgemeinen gesellschaftlichen Lebens. „Wir werden neue Formen entwickeln müssen, um unser zukünftiges gesellschaftliches Leben zu gestalten“, sagt Welter. Früher habe das Vereinsleben auch dazu gedient, um nicht allein zu sein, um Gemeinschaft zu erleben und getragen zu werden. „Heute tragen die jungen Menschen ihr soziales Netz in digitaler Form in der Hand“, sagt er. „So werden junge Chöre heute von ihren Smartphones und Chatrooms zusammengehalten!“

Er ist überzeugt, dass ein Zusammenschluss der Kirchenchöre aus Konzen und Imgenbroich vor 20 Jahren so noch nicht möglich gewesen wäre. Gerade diese Zusammenarbeit über die Dorfgrenzen hinweg sei aber in vielen Bereichen nötig. „Wir müssen das Kirchturmdenken aufbrechen und neue Strukturen aufbauen“, fordert Welter. Deshalb spricht er mit Blick auf das Ende des Kirchenchores auch lieber von „einem geglückten Umgang mit einer zeittypischen Krise“. Die Trauer sollte seiner Meinung nach nicht im Vordergrund stehen, denn: „Früher war nicht alles besser. Die Umstände verändern sich nur. Das muss nicht immer schlechter sein.“

Auch der Ehrenvorsitzende Günter Michaux ist mit sich im Reinen. Natürlich sei der Kirchenchor über die Jahre hinweg auch für ihn zu einer Herzenzangelegenheit geworden, „aber wir haben das Beste aus der Situation gemacht und sind dankbar für das, was wir erleben durften“, sagt er.

Über 60 Jahre lang hat Willi Mertgens den Chor lang geleitet. Er erinnert sich an viele schöne Konzerte und blickt etwas wehmütig zurück. Im Imgenbroicher Kirchenchor habe es viele gute Sänger gegeben, mit der Zeit seien es aber leider immer weniger geworden. In der Regel seien die Kirchenchöre überaltert und würden altersbedingt unter Schwund leiden. „Das ist ein Einschnitt, wenn man das so lange gemacht hat. Das ist nicht ganz einfach, aber was soll man machen?“, sagt er. Der 81-Jährige will aber auch weiterhin musikalisch tätig sein, schließlich leitet er noch das Akkordeon-Orchester Monschauer Land, das er 1975 gegründet hat.

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