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Kalterherberg: Kindheitserlebnisse in der „Lange Stroß”

Kalterherberg : Kindheitserlebnisse in der „Lange Stroß”

Schnurgerade führte sie einst von Kalterherberg bis nach Elsenborn und heißt deshalb von jeher „Lange Stroß”, die Elsenborner Straße in Kalterherberg. Nun dient diese deutsch-belgische Verbindungsstraße sogar als Buchtitel.

„Merr var Lange Stroß” heißt ein Buch von Inge Huppertz aus Konzen, das die Erlebnisse einer Eifeler Familie von 1930 bis 1965 aus der Sicht der sechs Kinder beschreibt.

120 Seiten und viele alte Bilder

Auf immerhin über 120 Seiten mit zahlreichen schönen Fotos aus alten Familienfotoalben erzählt die Autorin (Jahrgang 1964) Geschichten, in denen sich viele Menschen der gleichen Generationen wiederfinden können. Beschrieben werden die allgemeinen Lebensumstände einer durchschnittlichen Eifeler Familie in den 30er Jahren, die Situation der Eifeler während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit. Der Zeitraum von 35 Jahren ist dabei in fünf Kapitel aufgeteilt.

Das erste Kapitel beschreibt die Zeit von 1930, dem Jahr der Hochzeit von Maria und Heinrich Andres, bis 1940. In dieser Zeit lebte die Familie im elterlichen Haus zusammen mit der Mutter und zwei Schwestern des Vaters. Es wurden sechs Kinder geboren, so dass die Familie mit acht Personen in zweieinhalb Zimmern lebte. Das Kapitel erzählt in einzelnen Episoden vom Alltag der Familie, von der Geldnot, der Armut, dem einfachen, anspruchslosen Leben vieler Familien dieser Zeit. Aber auch die Auswirkungen der Anfänge Hitlers und des Kriegsbeginns kommen zur Sprache.

Das zweite Kapitel behandelt die Zeit von 1940 bis Herbst 1944. In dieser Zeit lebte die Familie Andres in einem für damalige Verhältnisse komfortablen Haus im benachbarten Küchelscheid, das von 1918 bis 1940 zu Belgien gehörte, von Hitler aber „heim ins Reich” geholt worden war. Hier verlebte die Familie, insbesondere die Kinder, trotz des Krieges eine relativ glückliche Zeit.

Dieses Kapitel erzählt zum einen in amüsanten Episoden von den Spielen und „Lausbubereien” der Kinder, zum anderen vom Näherrücken des Krieges, vom Einmarsch der amerikanischen Soldaten und der ersten Kontaktaufnahme der Kinder mit den „Feinden”.

Angst und Schicksalsschläge

Das dritte Kapitel wird bestimmt durch die Angst und die Schicksalsschläge, die die Familie während der Evakuierung erleidet. Die Einwohner Kalterherbergs wurden im Oktober 1944 von den Amerikanern Richtung Westen gebracht und verbrachten die nächsten viereinhalb Monate in Kasernen in Malmedy und Homburg bzw. bei Verwandten in Weywertz. In dieser Zeit wurde die Familie durch widrige Umstände auseinander gerissen und erlebte die Schrecken des Krieges hautnah.

Das vierte Kapitel beschreibt die Zeit nach der Rückkehr der Familie in ein völlig zerstörtes Kalterherberg, in der zunächst das einzige Bestreben aller Familien darin bestand, nicht zu verhungern. Unter katastrophalen Verhältnissen kämpft auch die Familie Andres ums Überleben, und die Kinder lernen, den bekannten Eifeler Zusammenhalt unter den Menschen zu schätzen. So erobern die Kalterherberger Stück für Stück ihr altes Leben zurück und bauen ihren Ort wieder auf. Dabei hilft in nicht unerheblichem Maße die Schmuggelei, die schnell enorme Ausmaße annimmt, aber einiges an Gefahren und Angst mit sich bringt.

Das letzte Kapitel beginnt mit der Rückkehr der Familie in das Elternhaus 1950 und beschreibt die sich stetig verbessernde Situation der Familie, zum Beispiel durch den Einzug technischer Errungenschaften der 50er Jahre. Die Kinder werden erwachsen, gehen ihren Berufen nach, heiraten und gründen eigene Familien. Doch ehe es soweit ist, sind noch einige Krankheiten und Schicksalsschläge zu ertragen.

„Bald ist niemand mehr da”

Die Idee zu diesem Buch entstand Christi Himmelfahrt 2006, als bei einem Familientreffen der Andres´ ein Foto von 1935 der Anlass zu Gesprächen über die „gute, alte Zeit” war. „Dabei erstaunte es mich, wie viele interessante Begebenheiten und witzige Anekdoten meine Tanten und Onkel aus jener Zeit zu erzählen wussten”, erinnert sich Inge Huppertz und weiß noch wie heute, wie sich ihre Tante Margarethe an jenem Tag mit den Worten verabschiedete: „Wenn Dich das alles interessiert, dann frage jetzt. Denn bald ist niemand mehr da, den Du fragen könntest.”

Und so kam Inge Huppertz, geborene Andres, zum Entschluss, die Geschichten der Nachwelt zu erhalten. Sie ließ sich schon bald von ihrer Tante und deren fünf allesamt noch lebenden Geschwistern alles erzählen, woran diese sich noch erinnern konnten.

Lebensverhältnisse festgehalten

„Durch das Niederschreiben dieser Familiengeschichte wollte ich ein spannendes und amüsantes Werk schaffen, dass in der Lage ist, einer Generation von jungen Leuten die Lebensumstände näher zu bringen, unter denen ihre Großeltern aufgewachsen sind. Gleichzeitig kann es die alte Generation an ihre Jugendzeit erinnern und die Lebensverhältnisse dieser Generation für die Zukunft festhalten.”