Monschau: Kinder stürmten die Klassik-Burg

Monschau : Kinder stürmten die Klassik-Burg

Erst war es nur vereinzeltes Flöten, dann toste der Klang wie ein gewaltiger Chor: Weit über 4000 Kinder erstürmten am Montag, verteilt über drei Vorstellungen, die Monschauer Burg.

Im Zuge der „Open Air Klassik” wurde den Schülern, die aus der Stadt Aachen und dem gesamten Kreisgebiet mit Bussen bis zur Haltestelle „Parkhaus” gebracht wurden und von da aus über den Schaufenberg zur Festspiel-Arena hinauf marschierten, eine ihrem Alter gemäße Fassung der Mozart-Oper „Die Entführung aus dem Serail” geboten.

Zu zwei Vorstellungen waren die Kleinen von der Kulturstiftung der Sparkasse Aachen eingeladen; der dritte Termin ging über den freien Verkauf. Für Sicherheit sorgten - zusammen mit Kräften des Veranstalters - Schüler des Monschauer St. Michael-Gymnasiums.

Liebe zur Klassik

Ohne große Mätzchen, aber getragen von einer ansteckenden Liebe zur Klassik zog der sympathische Diener Pedrillo (Mario Verkerk) im Gewand eines Gärtners seine Zuschauer direkt in die Handlung der Oper hinein. Locker von der Leber weg erzählt er davon, warum sein Herr Belmonte (Martin Erhard) die geliebte Konstanze (Sandra Spiess) aus der Gefangenschaft des Pascha Bassa Selim befreien will - und schon folgt ohne Umschweife die erste Arie.

Engagiertes Spiel

Dass die Inszenierung des Baseler „Dreiländer-Theaters” und seines Regisseurs Dieter Ballmann (der in Personalunion auch den Bassa Selim verkörpert) so unmittelbar wirkt, hat in der Tat mit dem engagierten Spiel der Darsteller zu tun. Auch Belmonte führt sein Publikum erzählerisch an die Bühnenhandlung heran. Und mindestens in dem Maße, wie er Sänger ist, ist er auch Schauspieler: Er kauert sich an den Fuß der Bühne, belauert die Handlung, um im gegebenen Moment einzusteigen.

Die wichtigste Figur der Baseler „Serail”-Adaption ist indes eine Frau, die Dienerin Blondchen (Michaela Egloff). Sie ist es, die am ehesten einen Botschaft zu den Schülern rüberbringt, eine Botschaft, die - wie die Reaktionen des jungen Publikums zeigten - direkt verstanden wird.

„Mädchen sind keine Ware”, „Mädchen muss man ganz anders behandeln”: Diese Aussagen passen unmittelbar in diese Zeit und werden dankbar aufgenommen.

Nicht minder zauberhaft

So ganz nebenbei schleicht sich dann auch die Klassik in die Herzen der Kinder. Ganz leicht kommt sie daher, zwar für Synthesizer (gespielt von Gergana Schneider) bearbeitet, aber deswegen nicht minder zauberhaft - und ganz anders als in den Clips des Musiksenders Viva mit ihrer kurzatmigen Schnittfolge. Und dass des Paschas Diener Osmin mit einer Schaumstoff-Stange statt mit einer Keule hantiert oder Bassa Selim Konstanze mit Rosen bewirft, sorgt für Comedy-Effekte, die für eine unterhaltsame Ebene sorgen und der Aufnahme des Werkes förderlich sind.

Von A bis Z hat sich eine Künstlerin das vergnügliche Spektakel angesehen, die das Klassik-Metier aus dem Effeff kennt: Sopranistin Andrea Hörkens, die in ihrem Appartement am Maria-Hilf-Stift nach eigener Aussage vom munteren Geplapper der Schüler geweckt wurde. „Das ist genau das Richtige, wenn man das Interesse der Kinder an Klassik wecken will. Damit kann man gar nicht früh genug anfangen”, bekundete die Künstlerin im Gespräch mit unserer Zeitung.

Gegen den Trend

Früh zeigen, dass es nicht nur Pop und Rock mit schnelllebigen Trends gibt, sondern auch Musik (sprich: Klassik) mit einem längeren Atem - das sei ungeheuer wichtig. Ihr sei es als Kind in ihrem Mönchengladbacher Elternhaus nicht anders gegangen. Dass Mutter und Vater sich und ihr nicht in frühester Jugend Sinfonien und andere Werke vorgespielt hätten, habe ihr jedenfalls den Weg zur E-Musik und späteren Laufbahn geöffnet.

Verführung zur Klassik: Das hat sicher auch die „Serail”-Inszenierung auf der Monschauer Burg geleistet. Einhellig äußerten sich Lehrer und Schüler positiv - die begeisterten Gesichter der Kleinen sprachen in dieser Hinsicht Bände. Und schließlich hatten sich Schüler und Lehrer so zahlreich zur Vorstellung eingefunden, dass diese mit Verspätung beginnen mussten.

Doch in einer Hinsicht äußerten sich Besucher und Veranstalter eher negativ: Sie hätten es lieber gesehen, wenn die jungen Zuschauer stärker und aktiver in den Ablauf der Handlung eingebunden worden wären.

Kleines Verkehrschaos

Rund um die Bushaltestelle „Parkhaus” führte die An- und Abfahrt zu einem kleinen Verkehrschaos. Zeitweise stauten sich die Busse der Besucher übers Rathaus hinaus zurück. Doch dank der Disziplin aller Verkehrsteilnehmer war dieses Problem rasch wieder gebannt; die Fahrer der Linien nach Aachen, Simmerath und anderen Orten konnte ihre Haltestellen wieder anfahren.

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