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Kilian Schönberger im Interview über die Eifel

Instagram-Star Kilian Schönberger : „Die Eifel wird noch immer unterschätzt“

Kilian Schönberger zählt zu Deutschlands bekanntesten Landschaftsfotografen, auf Instagram ist er ein Star. In einem Buch verrät er seine liebsten Locations in Deutschland. Werden seine populären Bilder für die Natur zum Problem?

Die Eifel ist sein „Heimatersatz“, auf Instagram folgen ihm fast 400.000 Menschen: Kilian Schönberger ist Fotograf und Influencer. In seinem neuen Buch verrät er nun seine liebsten Locations. Unser Redakteur Marco Rose fragt ihn im Interview auch vor dem jüngsten Ansturm auf die Eifel: Sind seine traumhaften Fotos womöglich auch Teil eines wachsenden Problems?

 Die Eifel war lange sein „Heimatersatz“: Kilian Schönberger, Jahrgang 1985, stammt aus der Oberpfalz in Bayern und studierte Geografie in Bonn. Seit 2012 arbeitet er als freier Landschaftsfotograf.
Die Eifel war lange sein „Heimatersatz“: Kilian Schönberger, Jahrgang 1985, stammt aus der Oberpfalz in Bayern und studierte Geografie in Bonn. Seit 2012 arbeitet er als freier Landschaftsfotograf. Foto: Kilian Schönberger

Herr Schönberger, das Faszinierende an Ihrem Buch finde ich: Man sieht, dass Deutschland vom Norden bis in den Süden so viel Schönheit zu bieten hat, die man vielleicht manchmal übersieht. War das Ihre Intention, uns das zu zeigen?

Kilian Schönberger: Deutschland ist seit einigen Jahren mein fotografischer Schwerpunkt. Ich habe in Island oder Norwegen mit der Landschaftsfotografie begonnen. Irgendwann habe ich Deutschland für mich entdeckt. Denn es gibt eigentlich keine Ecke in unserem Land, wo man nicht schöne und besondere Motive findet. Man muss sich bloß darauf einlassen. Ich werde sicher einige Besonderheit hier im Westen vermissen, wenn ich nach Süddeutschland ziehe – zum Beispiel Laubwälder. Denn in Bayern gibt es einfach nicht so schöne Wälder wie etwa in der Eifel. Jede Region hat ihre Eigenheiten.

In Ihrem Buch empfehlen Sie den Lesern zwei Spots in der Nordeifel – die Monschauer Altstadt und die Narzissenwiesen im Perlenbach- und Fuhrtsbachtal. Zwei Klassiker, wenn man so will. Was reizt Sie persönlich an Monschau?

Schönberger: Städte mit historischen Fachwerkhäusern wie Monschau oder auch Monreal im Süden der Eifel sind natürlich bekannte Hotspots, die in keinem Reiseführer fehlen. In den vergangenen Jahren gab es zudem eine neoromantische Bewegung, man kann auch von einem neuen Biedermeier sprechen. Auch bei jungen Leuten gelten diese Städtchen wieder als cool. Sie wurden neu entdeckt, was man besonders auf Instagram verfolgen kann. Das ist die eine Sache. Für mich persönlich steht die Eifel aber vor allem für Natur. Die Eifel bietet von den deutschen Mittelgebirgen mit die abwechslungsreichste Landschaft, weil es sehr viele unterschiedliche Gesteine gibt. Von vulkanischem Gestein, über Schiefer bis hin zu Kalkstein. Dadurch finden wir hier sehr unterschiedlich geformte Felsen, aber auch Steinbrüche, Wasserfälle oder Wildbäche. Für mich wird die Eifel als Region noch immer unterschätzt. Wenn man sie mit dem Auto durchfährt, sieht man keine aufragenden Berge. Daher wissen manche gar nicht, was man hier entdecken kann – von Toskana-Landschaften bis hin zu Urwäldern, Richtung Hohes Venn dann sogar noch mit skandinavischer Anmutung. Und das alles ist auf einem vergleichsweise kleinem Gebiet zu finden. Für Fotografen ist deshalb hier noch viel zu erleben.

Man merkt: Sie sind als Geograph vom Fach und sehen die Welt nicht nur durch die Augen des Fotografen.

Schönberger: Ja, ich habe in Bonn studiert. Da war die Eifel für mich ein Heimatersatz, weil sie mich durchaus an Ostbayern erinnert, auch von der Weite der Landschaft. Deshalb bin ich in den vergangenen Jahren hier regelmäßig unterwegs gewesen.

Nun sind Sie längst nicht mehr der einzige, der die Schönheit der hiesigen Natur zu schätzen gelernt hat. Aufgrund der Beschränkungen in der Corona-Krise haben die Deutschen ihr Land im vergangenen Jahr bereist wie selten zuvor. Auch in der Eifel ist das nicht erst seit den Schneetouristen auffällig. Dem Vorwort zu Ihrem Buch „Vor der Tür“ merkt man an, dass Sie diese Entwicklung durchaus nicht ganz unkritisch sehen.

Schönberger: Das Problem ist eher, dass viele Menschen Natur heute nur als Kulisse sehen, um sich selbst dazustellen und sich zu amüsieren. Wenn man sich viele Instagram-Fotos der vergangenen Tage so ansieht, dann geht es oft nur darum, dass sich die Leute im Schnee inszeniert haben und sich eigentlich gar nicht mit der Natur und der Landschaft auseinandersetzen. Dazu kamen dann die durch Corona verursachten Probleme – geschlossene Gasthöfe, keine Toiletten. Der Hype um den Schnee wurde nicht zuletzt durch die Sozialen Medien befeuert, alle wollten plötzlich raus in die Eifel. Ich kann deshalb den Unmut der Einheimischen verstehen, wenn plötzlich tausende Menschen vor Ort sind, obwohl es dafür gar keine Infrastruktur gibt. Da waren ja auch Menschen dabei, die vorher womöglich noch nie in die Eifel gefahren sind.

Das Problem eines stetig wachsenden Ansturms auf bestimmte Ziele gibt es aber grundsätzlich in ganz Deutschland und das nicht nur im Winter. Hier hat es sich bloß sehr konzentriert. Sind wunderschöne Bilder auf Instagram womöglich mittlerweile Teil des Problems?

Schönberger: Ich fotografiere natürlich auch an diesen Orten und befeuere die Entwicklung damit ein Stück weit. Aber es zeigt sich, dass die Massen zum Fotografieren vor allem dorthin gehen, wo man leicht gute Bilder machen kann. In Sozialen Medien ist ein Wettbewerb um Likes und Follower entstanden. Und wenn man dort fotografiert, wo man auch unter normalen Bedingungen ein spektakuläres Bild machen kann, dann ist das natürlich wesentlich einfacher als einen Ort zu suchen, wo man bestimmte Wetterlagen braucht. Mein Ansatz, den ich mit meinem Kollegen Bastian Werner in dem Buch verfolge, ist deshalb, den Menschen zu zeigen: Ihr müsst nicht an die Hype-Spots, von denen sowieso schon 500.000 Fotos existieren! Schaut lieber vor eurer Haustür nach, beobachtet das Wetter – und wenn ihr die optimale Kombination erwischt, könnt ihr Bilder fotografieren, die einmalig sind und die nicht jeder andere auch hat. Deswegen haben wir in unser Buch nicht nur die bekannten Locations aufgenommen, sondern auch viele Ziele, die auf den ersten Blick unspektakulär sind und die nur unter bestimmten Bedingungen fotografisches Potenzial entwickeln. Das wäre meine Empfehlung und mein Appell: Meidet die überlaufenen Topspots!

Ihr Buch ist in dem Sinne sicher ein Kompromiss: Einerseits zeigen sie den Lesern mithilfe genauer Koordinaten, wie sie einfach ans Ziel gelangen. Anderseits beweisen Sie, dass auch abseits ausgetretener Wege viel zu entdecken ist.

Schönberger: Genau – man muss nicht nach Berchtesgaden fahren, man kann auch in der Eifel oder im Westerwald tolle Motive finden. Das Problem ist auch, dass viele Menschen erst einmal ein Bild sehen müssen, um das Motiv zu erkennen. Viele machen deshalb nur ein Bild von einem Bild, das sie auf Instagram gesehen haben. Man muss den Menschen etwas die Augen öffnen für die eigene Region. Davon profitiert letztlich auch die einheimische Infrastruktur.

Den auf Instagram vielleicht beliebtesten Blick auf Monschau und die Rur findet man in Ihrem Buch nicht. Um sich selbst zu inszenieren, überwinden inzwischen viele Besucher eine Absperrung am Stehlings, um auf eine private Terrasse zu gelangen. Eine bewusste Entscheidung?

Schönberger: Absolut! Wenn Menschen für Bilder soweit gehen, dass sie Eigentum oder auch Naturschutzgebiete missachten oder mit Drohnen in Innenstädten herumfliegen, dann geht das nicht. Das ist die Schattenseite dieses Wettbewerbs in den Sozialen Medien. Die Leute wollen etwas Besonderes fotografieren und überschreiten dafür Grenzen. Instagram und Co. sind in dieser Hinsicht kritikfreie Zonen: Jeder feiert sich da gegenseitig ab, aber wenn man Kritik äußert, ist man dort nicht so gerne gesehen. Das fehlt ein bisschen der Fotografie – dass man sich Gedanken macht, was man mit den eigenen Fotos auslöst und wie man die Natur womöglich negativ beeinflusst. Deshalb war mir bei der Auswahl der Motive für das Buch auch wichtig, dass darunter keine empfindlichen Zonen sind, wo es keine Wanderwege gibt. Das fände ich problematisch.

Was fasziniert Sie so an der Landschaftsfotografie? Es ist doch sicher oft frustrierend: Da stehen Sie mitten in der Nacht auf mit einer ungefähren Vorstellung davon, wie das Wetter an einem bestimmten Ort sein wird – und dann ist es vielleicht doch nicht so wie erhofft und der ganze Aufwand war für die Katz.

Schönberger: Bei Bastian und mir ist das etwas anders. Wir können das Wetter sehr gut lesen und fahren nur los, wenn wir die Bilder machen können, die wir erwarten. So ist die Trefferquote dann doch relativ hoch. Dass etwas völlig danebengeht, passiert sehr selten. Und dann muss man halt mit den Bedingungen vor Ort klarkommen und etwas anderes machen. Wenn man tausende von Locations in Deutschland kennt, kann man auch spontan umschwenken. Die Erfahrung zeigt, dass das Ergebnis dann oft sogar besser ist. Man darf sich nicht an dem Bild festklammern, das man im Kopf hat.

Haben Sie eine Strategie entwickelt, wie Sie neue Orte entdecken?

Schönberger: Ich bin so eine Art „Location-Schwamm“. Ich habe in den vergangenen Jahren in Deutschland 12.000 Orte markiert. Ich habe wahrscheinlich mehr Zeit mit der Suche nach Orten verbracht als mit dem eigentlichen Fotografieren. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, registriere ich im Augenwinkel alles, was potenziell funktionieren könnte. Später schaue ich mir auf Google Maps oder Earth die Route und die Orte noch einmal an und versuche, neue Motive zu entwickeln. Die Suche endet nie.