Nordeifel: Kaffeeschmuggel: „Hinter jedem Baum konnte ein Zöllner sein”

Nordeifel: Kaffeeschmuggel: „Hinter jedem Baum konnte ein Zöllner sein”

Kaffeeschmuggel an der grünen Grenze: Da denkt jeder gleich in die Eifel. Auch wenn diese Zeit schon mehr als 50 Jahre zurückliegt, sind gerade bei den Beteiligten aus der damaligen Zeit diese Jahre voller Spannung und Risiko noch in bester Erinnerung.

Im Monschauer Land wurde die Schmuggelzeit jetzt noch einmal sehr präsent als Anfang Juni 2012 am Grenzübergang Mützenich ein Schmuggler-Denkmal aufgestellt wurde. Die lebensgroße Figur aus Bronze, die an einen Vennwacken gelehnt auf einer Verkehrsinsel (hier befand sich bis 1990 das Zollamtsgebäude) ihren Platz gefunden hat, hat so mancher schon aus nächster Nähe in Augenschein genommen. Bei näherer Betrachtung aber wird die Bronze-Figur dem Bild des Schmugglers aus der Nachkriegszeit nicht gerecht. In dieser Einschätzung sind sich die damals aktiven Grenzgänger einig.

Auch Ernst Faymonville aus Kalterherberg, der von 1949 bis 1953 massenweise Kaffee durch Wald und Venn von Eupen nach Eicherscheid transportierte, findet die Darstellung wirklichkeitsfremd. „Als Schmuggler trugen wir keinen Hut, der hätte uns nur behindert,” erzählt der 80-Jährige, der aus Eicherscheid stammt und seit 1987 in Kalterherberg lebt. Auch die Art und Weise, wie der Bronze-Statue der Kaffeesack auf die Schultern platziert wurde, sei weit von der Realität entfernt.

Ernst Faymonville hat sich die Mühe gemacht, zwei mit Gras gefüllte Säcke zur Demonstration mit Schnüren noch einmal so zu binden, wie es die Kaffeeschmuggler damals Tag für Tag praktizierten. Die 60 Pfund schweren Säcke wurden mit einem festgezurrten Strick in der Mitte in zwei gleich schwere Hälften geteilt. So lag der Sack so fest und sicher auf der Schulter, so dass notfalls auch einmal einen kurzen Sprint einlegen konnte, wenn Gefahr drohte.

Wenn Ernst Faymonville sich an diese „verrückte Zeit” zurück erinnert, dann nehmen die Anekdoten kein Ende. Als wäre es gestern gewesen, kehrt er zurück auf Schmugglerpfade und in nachtschwarzes Dickicht. „Ich würde es heute sofort wieder machen”, sagt der rüstige Senior, der als damals 18-jähriger gemeinsam mit seinem Kumpel Richard Hammerschmidt unterwegs war. Alles drehte sich um das Thema Kaffee.

Mittags gegen 14 Uhr brach man zu Fuß ins knapp 20 Kilometer entfernte Eupen auf, wo man gegen 18.30 Uhr eintraf. Am vereinbarten Punkt nahm die Gruppe das Schmuggelgut in Empfang, um gegen 21.30 Uhr schwer beladen den Rückweg anzutreten. Für 3,75 Mark das Pfund wurde in Belgien der Kaffee erworben, in Schmidt beim Wiederverkauf wurden 10 Mark erzielt. Einmal bis dreimal die Woche ging Ernst Faymonville auf nächtliche Tour - je nach Geldlage. „Manchmal hatte ich hatte ich ein dickes Bündel Scheine in der Tasche und manchmal gar nichts.”

Was aber konnte nicht alles passieren! Einmal musste die Gruppe ihre Kaffeesäcke abwerfen, obwohl man nur noch ein paar hundert Meter von Eicherscheid entfernt war. Der deutsche Zoll hatte wohl eine Ahnung gehabt, schoss Leuchtspurmunition in den Nachthimmel und erleuchtete damit taghell die Szene. Da konnte man nur noch die wertvolle Fracht abwerfen und hinweg über Stacheldrahtzäune, die im Sprung gleichzeitig nach unten getreten wurden, das Weite suchen. Aber so glimpflich ging es nicht immer ab.

Am Konzener Feuerbach, kurz vor den Bahngleisen, wurde die sechsköpfige Gruppe auf dem Hinweg nach Eupen von belgischen Zöllnern aus einiger Entfernung zum Stehenbleiben aufgefordert, schließlich verübte man gerade einen illegalen Grenzübertritt. Die jungen Männer aber stürzten sich unter Pistolenbeschuss ins Gebüsch und ergriffen die Flucht. Ernst Faymonville erlitt einen Durchschuss des linken Oberarms. Die Wunde wurde notdürftig behandelt, Einen Arzt suchte er „natürlich nicht” auf.

Das Verhältnis von Zöllnern zu Schmugglern reichte von gegenseitiger tiefgründiger Abneigung bis hin zu verständnisvollem Miteinander, verkennt Ernst Faymonville nicht die Tatsache, dass man die Grenzsituation auch für kleine Provokationen genutzt habe. „Die belgischen Zöllner durften ja nicht auf deutsches Gebiet - und umgekehrt.” Mitunter wurde der Kaffee auch mit dem Motorrad, eingeklemmt zwischen Fahrer und Beifahrer, von Eicherscheid nach Schmidt gebracht. Auch hier hier lauerten regelmäßig die Zöllner.

Doch die beiden Schmuggler aus Eicherscheid hatten das schnellere Motorrad... Faymonville kannte einen deutschen Zöllner aus Konzen. Dieser war stiller Mitwisser, wusste genau, wann die Gruppe am Entenpfuhl mit wieviel Personen auftauchte und ließ sie dann gewähren. Pro Sack Kaffee gab es 15 Euro Schweigegeld, die dem toleranten Beamten später in einer Wirtschaft im Vorbeigehen in die Tasche geschoben wurde. Dennoch konnte immer etwas schief gehen - jede Nacht. Ernst Faymonville: „Die Anspannung war unheimlich hoch. Hier jedem Baum konnte ein Zöllner stehen.”

Einmal aber schnappten die Zöllner zu. Von der Wirtschaft Fringshaus wanderten Ernst Faymonville und Richard Hammerschmidt direkt ins Eupener Gefängnis. Als sie nach drei Tagen mit einem Fußtritt und der Bemerkung „Jetzt aber ab zu Mutti” verabschiedet wurde, suchten sie in Eupen zunächst eine einschlägige Adresse auf, um noch je 60 Pfund Kaffee mit auf dem Heimweg mitzunehmen, „wenn wir schon einmal in Eupen waren....”

An seine „letzte Tour” im Jahr 1953 kann sich Ernst Faymonville noch genau erinnern. Da wurde er in Mützenich, dort wo jetzt das Schmuggler-Denkmal steht, von pflichtbewussten deutschen Zöllnern gründlich kontrolliert. Nicht nur in seinem langem Ledermantel fand man einige Päckchen mit Kaffee, auch in die Werkzeugkiste des Motorrades passte genau ein Pfund braune Bohnen. Der nächste Weg führte dann schnurstracks ins Amtsgericht Monschau, wo Richter Monshausen ihn wegen Schmuggels und illegalen Grenzübertritts zur 45 Euro Geldbuße verurteilte.

1953 war für Ernst Faymonville und auch alle anderen das Abenteuer Schmuggeln dann schlagartig beendet, als die Kaffeesteuer massiv verringert wurde. „Das war schade, aber es lohnte sich einfach mehr.”

In den Jahren 1945 bis 1953 wurden geschätzte 1000 Tonnen Kaffee illegal über die grüne Grenze im Raum Aachen-Nordeifel gebracht. Aufgrund der hohen Kaffeebesteuerung in der Bundesrepublik Deutschland und der Besatzungszone war das zwielichtige Geschäft mit den Kaffeebohnen aus Belgien lukrativ, aber auch höchst gefährlich. In diesen acht Jahren sollen 31 Schmuggler und zwei Zöllner ums Leben gekommen sein. Ein Drittel des gesamtes Kaffeeverbrauchs im Rheinland dürfte Schmuggelware gewesen sein.