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Der Zug der Kraniche: In zwei Minuten stehen alle Windräder still

Der Zug der Kraniche : In zwei Minuten stehen alle Windräder still

Monitoring für den Münsterwald: Von Schmithof aus beobachten Biologen den Zug der Kraniche und bringen notfalls die Windräder zum Stillstand.

Herbstzeit ist Flugzeit. Die Zugvögel ziehen in den Süden. Allen voran die mächtigen Kraniche. Zu Tausenden machen sie sich auf den Weg aus der skandinavischen Sommerresidenz in den sonnig-warmen Süden.

Um die Schwärme der faszinierenden Vögel auf ihrem Zugweg zu schützen, ist die Stawag Energie verpflichtet, ihre Windenergieanlagen im Münsterwald abzuschalten. Aber an den Massenzugtagen drehten deren gefährliche Räder sich einfach weiter.

Dabei muss der Aachener Energieversorger einen großen Aufwand betreibten, um seine mitten im Forst errichteten Anlagen überhaupt betreiben zu dürfen.

Nach jahrelanger Projektierung, Kontroversen und juristischem Gegenwind gehen 2018 die ersten der heute sieben Anlagen auf Aachener Stadtgebiet in Betrieb. Mit im Umschlag bei der Genehmigung auf Basis des Bundesimmissionschutzgesetzes hat die Stawag klare Vorgaben erhalten, damit von den Windrädern kein erhöhtes Tötungsrisiko für die Vogelwelt ausgehe.

Jeden Massenzugtag im Blick

Dazu zählt beim Kranichzug ein umfassendes Monitoring. Im Frühjahr wie im Herbst bezieht dazu ein Fachgutachter Stellung an einem Bunker auf einer Anhöhe zwischen Friesenrath und Schmithof, um den Anflug der Kraniche auf die Windräder zu beobachten und die Anlagen ausschalten zu können.

„Der europäische Artenschutz ist schon ein scharfes Schwert“, sagt Richard Raskin. Sein Büro für Umweltplanung und -beratung ist vielfach im Spannungsfeld zwischen Naturschutz, Artenschutz, Eingriffsregelung und Umweltvorsorge für öffentliche Institutionen, Versorgungsunternehmen und Naturschutzverbände tätig.

 Biologe Dr. Richard Raskin (r.) sagt, wann Stefan Keutgen (l.) die Windräder im Münsterwald zum Schutz der Kraniche abschalten lassen soll.
Biologe Dr. Richard Raskin (r.) sagt, wann Stefan Keutgen (l.) die Windräder im Münsterwald zum Schutz der Kraniche abschalten lassen soll. Foto: Jürgen Lange

Der diplomierte und promovierte Biologe hat sich beispielsweise in der hiesigen Region ebenso mit dem populären Feldhamster im Gewerbegebiet Avantis und anderenorts befasst wie mit der Renaturierung von Moorheiden im Venn oder von Schwermetallfluren auf dem Breiniger Schlangenberg. Und für die Stawag Energie hat der renommierte Biologe den Münsterwald beim Kranichflug im Visier.

„Beim Zug in den Süden im Herbst ist das recht einfach“, sagt der 57-Jährige. „Wir werden informiert, wenn ich die Kraniche auf den Weg in unser Gebiet aufmachen“. Von Skandinavien kommend legen die Zugvögel Station auf der Mecklenburgischen Seenplatte ein, werden dabei von Vogelkundlern intensiv beobachtet.

Dabei gehen Informationen raus an die Beobachtungsstationen entlang der bekannten Routen. Dann rücken Raskin und seine Mitarbeiter vom nähen Büro in Brand zu ihrem Beobachtungspunkt bei Schmithof aus. Im Frühjahr bei der Rückkehr nach Skandinavien sind die Vorabinformationen noch etwas spärlicher. Dann ist der Beobachtungsaufwand höher.

Drei Wege wählen die etwa 1,30 Meter großen Vögel mit einer Spannweite von rund 2,40 Meter mit insgesamt rund 250.000 Exemplaren in Richtung Süden. Die westliche Route kann über den Münsterwald führen, muss es aber nicht. „Wir beobachten in den letzten Jahren ein verändertes Zugverhalten“, sagt Raskin. Extremadura, Andalusien & Co. werden nicht mehr grundsätzlich zur Überwinterung angeflogen. Immer häufiger endet die Reise vor Spanien im südlichen Frankreich. „Der Klimawandel macht sich auch beim Vogelzug bemerkbar“, sagt Raskin.

Viele neue Erkenntnisse

So wie das Zielgebiet mittlerweile von gewohnten Verhalten abweicht, passen sich die Vögel bei ihrem Zug den Windverhältnissen an. „Mit Rückenwind fliegt es sich halt leichter“; schmunzelt Raskin. So auch in diesem Jahr.

Auf der Westroute wählten die Trecks über Nordrhein-Westfalen vor allem die Lahntalroute. Von Göttingen und Kassel kommend, nahmen die Vögel den Weg über Marburg und Limburg, überquerten bei Koblenz den Rhein und zogen dann weiter die Mosel entlang. Am Folgetag wurde die Hessenroute bevorzugt. Die großen Trecks sparten die Eifel diesmal aus.

Selbst wenn die Kraniche den Weg über den Münsterwald wählen, bedeutet das nicht zwingend, dass die Windräder abgeschaltet werden müssen. Die Voraussetzungen sind klar definiert. „In der Regel halten die Kraniche einen deutlichen Abstand zu den Windenergieanlagen“, sagt Raskin.

Ohnehin liege die Mortalität der Kraniche niedriger als von vielen erwartet. Die seit knapp zwei Jahrzehnten zentral in Brandenburg geführte Schlagopferkartei dokumentiert insgesamt 24 von Windrädern erschlagene Kraniche; einen davon in Nordrhein-Westfalen. Im Vergleich dazu ist beispielsweise der Rotmilan deutlich gefährdeter. 600 Opfer sind nachgewiesen, 67 davon in diesem Bundesland.

„Solche Zahlen sind allerdings interpretationsbedürftig“, gibt Richard Raskin zu bedenken. Denn gleichzeitig sei nicht nur die Population dieser Gabelweihe gewachsen, sondern Vögel würden lernen, sich mit Windkraftanlagen zu arrangieren. Eine weitere Erkenntnis jüngerer Zeit sei, dass dunkle Rotorblätter besser wahr genommen werden, als helle. Zudem registrieren die Beobachter, dass sich als gefährdete Arten geführte Tiere nach dem Bau von Windanlage ausgerechnet in deren Umfeld neu ansiedeln.

„Wir gewinnen zunehmend neue Erkenntnisse über das Zusammenspiel von Windenergieanlagen und Natur“, sagt der Biologe. Sie würden sicherlich zukünftig auch Auswirkungen auf Genehmigungen und Betrieb der Infrastruktur finden.

 Wenn die Kraniche nach ihrer Rast in Norddeutschland weiter gen Süden aufbrechen, werden die Beobachter an der weiteren Strecke über den Vogelzug informiert.
Wenn die Kraniche nach ihrer Rast in Norddeutschland weiter gen Süden aufbrechen, werden die Beobachter an der weiteren Strecke über den Vogelzug informiert. Foto: Günter Nowald

Zurück in den Münsterwald und auf die Anhöhe von Schmithof. Raskins Beobachtungsgabe an jedem Massenzugtag ist vor allen Dingen dann gefordert, wenn schlechte Sicht- oder Windverhältnisse herrschen.

Eine Abschaltung ist dann erforderlich, wenn in weniger als ein Kilometer Nähe der Anlagen deutliche Abweichungen einzelner Trupps von den Zuglinien zu beobachten ist, wenn sich dort die Trupps auflösen und kreisen oder wenn sie unter 300 Meter ziehe oder ihren Zug abbrechen. Eine Abschaltung ist auch dann erforderlich, wenn starker Regen oder Nebel Sichtweiten von unter einem Kilometer unterschreiten, Gegenwind mit mehr als vier Beaufort herrscht oder das Wetter so schlecht ist, dass eine Beobachtung erst gar nicht erfolgen kann. Aber selbst dass muss vor Ort festgestellt und natürlich dokumentiert werden.

Beste Aussicht auf die Route

Im Normalfall ist aber die Sicht von der Anhöhe bei Schmithof brillant für die Biologen. Am nordöstlichen Horizont ist das Kraftwerk Weisweiler gut zu erkennen. „Von dort kommt der Vogelzug dann in unsere Richtung“, so Raskin weiter, „und zieht über den Münsterwald in südwestliche Richtung hinweg“.

Herrschen besagte schlechte Bedingungen, dann reicht ein Anruf in der Zentrale, die die Windenergieanlagen steuert. „Dann stehen in zwei Minuten die Räder still“, betont der Biologe und versäumt es nicht, einige Anekdoten von seinem Beobachtungsposten zu erzählen. Immer wieder kommt das Gespräch mit skeptischen Spaziergängern auf diesen Punkt zurück. Sie glauben nicht, dass die Anlagen so schnell abgeschaltet werden können.

„Das geht aber wirklich so schnell“, bestätigt Stefan Keutgen, der bei der Stawag Energie für die technische Betriebsleitung zuständig ist. Dabei ist der Ausschaltknopf nicht etwa an der Aachener Lombardenstraße zu suchen, sondern befindet sich zentral in Husum bei der Vestas Deutschland GmbH, sagt Keutgen.

Im Herbst des vergangenen Jahres musste der Schalter wegen des Kranichzugs übrigens an vier Tagen auf Aus gedreht werden – vom späten Nachmittag bis in den frühen Morgen für insgesamt gut 50 Stunden.

Im Vergleich zum Kranich muss die Stawag im Münsterwald wesentlich häufiger Rücksicht auf Fledermäuse nehmen. Im vergangenen Jahr wurde überschlägig für die Dauer von 650 Stunden die Anlagen abgeschaltet. „Das entspricht einem Anteil von 7,4 Prozent“, sagt Unternehmenssprecherin Vanessa Grein.

650 Stunden Fledermauspause

Auch einer möglichen Gefährdung von Fledermäusen wird aufwändig Rechnung getragen. Mit sogenannten Batcordern wird zwei Jahre lang an den Anlagen das lokale Flugverhalten der Fledermäuse analysiert und mit weiteren Parametern wie Temperatur, Licht und Wind ein Algorithmus entwickelt.

„Der sorgt dann nicht nur für eine automatische Abschaltung der Anlagen zu kritischen Zeiten“, so Stefan Keutgen weiter, sondern die Funktionalität dieses Schemas werde ein weiteres Jahr in der Praxis beobachtet und erforderlichenfalls angepasst.

Übrigens sind für die Windparks der Stawag Energie in Simmerath und Monschau die Auflagen nicht ganz so streng wie im Münsterwald. „Dort müssen wir meistens nur rausfahren, wenn die Witterungsbedingungen schlecht sind“, sagt Vanessa Grein. Bei guten Bedingungen geht man an Massenzugtagen davon aus, dass die Kraniche hoch genug fliegen und keine Gefährdung vom Windpark ausgeht.