Immer mehr Waschbären in der Nordeifel

Deutlich steigende Zahl in der Nordeifel : Fast täglich grüßen die Waschbären

Sie stöbern in Mülltonnen herum, tauchen im Garten auf und steigen auch schon mal in Häuser ein. Während die Waschbären zunächst nur vereinzelt in der Nordeifel auftauchten, ist ihre Zahl inzwischen deutlich gewachsen.

In Dedenborn und Hammer fühlen sich immer mehr Menschen von den niedlichen kleinen Bären mit den Zorro-Masken belästigt, und auch in anderen Orten werden sie immer häufiger gesichtet.

Wie hoch die Zahl der Waschbären inzwischen in der Nordeifel ist, kann niemand seriös sagen. Es ist aber davon auszugehen, dass die Population weiterhin wächst. Dafür spricht auch die Statistik der Unteren Jagdbehörde der Städteregion Aachen. Demnach wurden im Zeitraum 2015/2016 in der Städteregion 21 Waschbären erlegt und sechs weitere tot aufgefunden. 2016/2017 wurden 40 erlegt und wiederum sechs tot aufgefunden. 2017/2018 wurden 61 geschossen und fünf tot gefunden. 2018/2019 sind es jetzt schon 96, die getötet wurden, und zwölf, die gefunden wurden.

Dedenborns und Hammers Ortsvorsteher, Helmut Kaulard, hat die Tiere inzwischen schon oft beobachtet – einmal sogar an seinem Wohnzimmerfenster. „Die saßen zu zweit auf der Fensterbank. Sie starrten mich an und ich sie“, sagt Kaulard. Ein anderes Mal jagte einer der Bären seiner Frau einen Schreck ein, als sie nach dem Urlaub die Gelbe Tonne öffnete und angefaucht wurde. Bei anderen Leuten seien sie durch die Katzenklappe in das Haus eingedrungen und hätten für Chaos gesorgt. „Mit den Waschbären gibt es hier inzwischen fast tägliche Begegnungen in den Abendstunden oder nachts. Die zeigen absolut keine Scheu. Man darf nichts offen stehen lassen, sonst sind sie drin“, sagt Kaulard.

Die vier junge Waschbären in einer Biotonne in Dedenborn: Allein konnten sie sich nicht mehr befreien. Der Fotograf machte erst ein Bild und befreite die Tiere dann, in dem er die Tonne umlegte. Foto: Jean-Louis Glineur

Viele Bewohner der Rurtalorte Hammer und Dedenborn würden ihre Abfalltonnen inzwischen vorsorglich mit Pflastersteinen beschweren, um die Räuber von den Müllresten abzuhalten. In Gesprächen seien die Tiere oft ein Thema und man tausche in den Orten Verhaltenstipps aus berichtet Kaulard. Er sieht auf Dauer nur eine Lösung des Waschbärenproblems: nämlich den verstärkten Abschuss der Tiere. „Was will man denn anderes machen. Sie finden genügend Nahrung und lassen sich nicht vertreiben, da keine Scheu vorhanden ist“, sagt der Ortsvorsteher.

Laut EU-Liste unerwünscht

Die Tiere mögen niedlich sein, doch in Europa sind sie nicht gerne gesehen. Vor etwa drei Jahren wurden sie von der EU-Kommission auf eine Liste unerwünschter Tier- und Pflanzenarten gesetzt. Insgesamt umfasst diese Liste sogenannter invasiver fremder Arten 37 verschiedene Pflanzen und Tiere, deren Ausbreitung in Europa bekämpft werden soll.

Für Menschen sind die Waschbären zwar nicht grundsätzlich gefährlich, aber sehr wohl für die heimischen Tier- und Pflanzenarten. Denn sie verwüsten nicht nur Wohnungen oder plündern Mülltonnen, sondern sie dezimieren auch die Bestände von seltenen heimischen Vogelarten und Reptilien. Die anspruchslosen Tiere werden zur Gefahr für die erheblich weniger flexiblen heimischen Tierarten wie die Wildkatze.

Abfälle sind für die dreisten Räuber ein gefundenes Fressen. Mülltonnen sollten deshalb unzugänglich aufbewahrt werden. Foto: Jean-Louis Glineur

Die deutschen Waschbären gehen zum Teil wohl auf ein Pärchen zurück, das 1934 am hessischen Edersee ausgesetzt wurde. Andere sollen die Nachkommen einiger Waschbären sein, die 1945 entwischten, als eine Pelztierfarm in der Nähe von Berlin von einer Fliegerbombe getroffen wurde. Inzwischen gibt es wohl Hundertausende Exemplare in Deutschland.

Die Waschbären sind aber nicht einfach zu bejagen, denn die Tiere sind meistens nachtaktiv, und in der Nacht darf nicht gejagt werden – in Wohngebieten sowieso nicht. In der Vergangenheit wurden sie meist wegen ihres Fells gejagt. „Da Pelz aber mittlerweile unattraktiv ist, ist der Waschbär für die Jagd weniger interessant. Ein Jäger schießt nicht gerne auf Tiere, die nicht verwertbar sind. Wenn es aber darum geht, ein ökologisches Gleichgewicht zu schaffen und die Forderungen der EU zu erfüllen, dann ist der Jäger gefordert“, sagt Karl-Heinz Kuckelkorn, Jagdaufseher und Jagdberater der Städteregion Aachen.

Bejagung kontrovers diskutiert

Ob eine vehemente Bejagung die richtige Lösung ist, wird kontrovers diskutiert. Es gibt nämlich auch die Meinung, dass der Waschbär mittlerweile zu unserer heimischen Tierwelt dazugehört und somit das Recht auf eine friedliche Existenz hat. „Populationsökologisch hat sich auch gezeigt, dass Bejagung oder Fang mit dem Ziel, die Populationsdichte zu reduzieren, zumeist ohne Erfolg bleibt: Waschbären können Populationsverluste durch eine vermehrte Fortpflanzungsrate ausgleichen, auch würden bei einer ‚Entnahme‘ neue Tiere aus den umliegenden Gebieten in den dann unbesetzten Lebensraum nachrücken“, schreibt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) auf seiner Internetseite zum Thema Waschbär.

Mit Blick auf die Gefahr für heimische Tierarten sollte aus Sicht des Nabu vielmehr der Schutz der Lebensräume im Vordergrund stehen und nicht eine Bejagung des Waschbären die Konsequenz sein. „Insbesondere für kleinere Säugetiere, Amphibien und Vögel sollten geeignete Lebensräume zur Verfügung gestellt werden und durch Hecken oder alte Baumbestände Verstecke sowie ein größeres Nahrungsangebot geschaffen werden. Eine Bejagung von Waschbären aus Artenschutzgründen sollte stets genauestens geprüft werden und kann höchstens im Einzelfall etwas bringen“, schreibt der Nabu.

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