Fotoausstellung im KuK in Monschau: Immer im richtigen Moment die richtige Zehntelsekunde belichtet

Fotoausstellung im KuK in Monschau : Immer im richtigen Moment die richtige Zehntelsekunde belichtet

Schwitzend steht Ludwig Erhard am Rednerpult. Über ihm hängt ein Plakat mit der Aufschrift „Es geht um Deutschland“, und da steht der Bundeskanzler unter Druck. Das Publikum bei der Wahlkampfveranstaltung 1965 in Dortmund sieht aufmerksam dabei zu, wie sich das Idol des Wirtschaftswunders mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischt.

Warum die Aufnahme von Max Scheler ein gutes Bild ist, kann Nina Mika-Helfmeier erklären. „Gute Fotografie wird Kunst, weil man dort eine klare Komposition erkennt“, sagt die Leiterin des Kunst- und Kulturzentrums der Städteregion (KuK). Komponieren ist für Fotografen nicht ganz einfach, Erhard und die Zuschauer lassen sich nicht einfach arrangieren wie Blumen in einer Vase. Scheler hat wohl in der Zeit des verblassenden Wirtschaftswunders genau die richtige Zehntelsekunde belichtet.

Weil ihm das oft gelungen ist, haben Mika-Helfmeier und ihr Team viel zu zeigen im KuK in Monschau. Etwa 150 Bilder des international renommierten Fotojournalisten sind von Sonntag bis zum 16. Dezember zu sehen. Die Ausstellung „Max Scheler: Von Konrad A. bis Jackie O.“ umfasst Fotografien aus Deutschland, China und den USA, die in den Jahren zwischen 1950 und 1972 entstanden sind.

Scheler – geboren 1928 in Köln – war damals als freier Fotograf für internationale Zeitschriften unterwegs, später arbeitete er als Fotograf beim „Stern“ an politischen und sozialen Themen in der ganzen Welt. Er kam ziemlich weit herum und brauchte immer wieder einen neuen Reisepass, weil seine Ausweise lange vor Ablauf der Gültigkeit mit Visa-Einträgen und Stempeln voll waren. Schon als junger Mann war Max Scheler in seinem Metier erfolgreich. 1951 zog er nach Paris, wo er Robert Capa begegnete, der ihn als Junior-Mitglied für die renommierte Fotografengruppe „Magnum“ warb. Später verlegte er seinen Wohnsitz nach Rom, wohl auch wegen der verkehrsgünstigen Lage der Stadt: Der Flughafen galt damals als wichtiges Drehkreuz zwischen Ost und West.

Max Scheler war Chronist bedeutender Ereignisse und bleib dabei seinem Hauptthema „Human Interest“ treu: Menschliche Verhaltensweisen, Freude und Trauer, Begeisterung und Verzweiflung prägen seine Bilder. Erschütterung ist gut zu erkennen in seinen Bildern von der Beisetzung John F. Kennedys, Unruhe auf dem Foto, das den Philosophen Jürgen Habermas bei einer Diskussion mit Studenten 1969 in Frankfurt zeigt. Mit einem Blick für das Skurrile im Alltag fotografiert er einen Malkurs für wohlhabende Pensionärinnen in der Wüste von Arizona. Der Fotograf kommt den Großen seiner Zeit ganz nahe, fotografiert den US-Präsidenten im Oval Office und Martin Luther King beim Kirchgang mit seiner Familie, aber dokumentiert auch die Ausschreitungen nach dessen Ermordung. „Er hat die Kluft in der amerikanischen Gesellschaft dargestellt“, sagt Mika-Helfmeier. Unter anderem. Scheler hat auch das Deutschland der Adenauer-Ära porträtiert, den Kalten Krieg, den aufkeimenden Wohlstand der Nachkriegszeit ebenso wie das Elend in Behelfsunterkünfte oder den Protest von Bergarbeitern, die um ihre Arbeitsplätze bangten.

Vom Fotograf zum Bildredakteur

Und das alles ohne eine professionelle Fotografenausbildung, dafür aber mit einem ausgezeichneten Lehrmeister: Den Fotografen Herbert List hatte Scheler in einer Pension in München kennengelernt, wohin er mit seiner Mutter im Kriegsjahr 1941 geflüchtet war. List wurde sein Mentor, Scheler assistierte ihm in der Dunkelkammer und bereiste mit ihm den Balkan bis hinunter nach Griechenland. Auch wenn der Schüler seine eigene Handschrift entwickelte, blieb er seinem Freund und Mentor treu: Scheler kümmerte sich ab 1991 um den Nachlass von Herbert List und kuratierte internationale Ausstellungen für den fast vergessenen Fotografen.

Seine eigene Laufbahn als Fotograf hatte er schon früher beendet. 1975 wurde Scheler Bildredakteur beim „Stern“, begleitete die Gründung der Zeitschrift „Geo“ und übernahm später die Bildredaktion der „Merian“-Hefte. An dem Bild, das viele von der Welt haben, hat er auch auf diese Weise mitkomponiert.

Zu sehen war das schon in Hamburg und München, nun kommt die Ausstellung ins beschauliche Monschau. Das Städtchen liege „in der Mitte zwischenParis und Berlin“, erklärt die KuK-Chefin gelegentlich Künstlern aus fernen Ländern. Das Haus an der Austraße hat sich mit dem Schwerpunkt Fotografie inzwischen einen Ruf erarbeitet, der weit ausstrahlt. Die letzte Ausstellung über Henri Cartier-Bresson lockte rund 11.000 Besucher in das Eifel-städtchen, sie kamen aus ganz Nordrhein-Westfalen, aber auch aus Belgien und den Niederlanden.

KuK-Chefin Mika-Helfmeier hält das für einen „schönen Erfolg“, der ihr auch die Arbeit erleichtert. Inzwischen meldeten sich Künstler bei ihr, die früher ihre Anfragen nicht einmal beantwortet hätten, erzählt sie. Mittleierweile kennt man die KuK-Leiterin in den einschlägigen Netzwerken, und die neue Ausstellung ist auch ihrem persönlichen Kontakt zu Peer-Olaf Richter, dem Direktor des Scheler-Nachlasses, zu verdanken. Der wird auch zur Eröffnung am 28. Oktober nach Monschau kommen.

Dann sieht er mal, was so los ist in der Mitte zwischen Paris und Berlin. Mika-Helfmeier rechnet damit, dass dieses Jahr die Besucherzahl auf über 30.000 steigt.

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