Hilfe nach dem Tornado in Roetgen: Roetgener blicken nach vorne

Hilfsbereitschaft in Roetgen : Die Roetgener lassen sich vom Tornado nicht unterkriegen

So stark wie der Tornado am Mittwochnachmittag gewütet und Häuser und Landschaft zerstört hat, so stark sind auch der Zusammenhalt, die Hilfsbereitschaft und die Motivation der Roetgener – wenn nicht sogar stärker.

Nach dem verheerenden Wirbelsturm, der fünf Menschen leicht verletzte, 35 Wohnhäuser und zwei Lagerhallen beschädigte, schauen die Roetgener nach vorne und sind rastlos damit beschäftigt, die Schäden zu reparieren und gegen den anhaltenden Regen anzukämpfen, der durch die kaputten Dächer in die Häuser dringt.

Es ist ein Bild der Zerstörung, das sich am Tag nach dem Tornado zeigt. In den Dächern klaffen teils noch große Löcher. Andere sind bereits mit Planen abgedeckt, die versuchen, den nötigsten Schutz vor Regen und Wind zu geben. Dachdecker arbeiten auf Hochtouren. Keine leichte Aufgabe bei dem starken Wind und Regen, der auch am Donnerstag auf Roetgen einprasselte.

Auf den Wegen und in den Gärten liegen Trümmerteile, Ziegel, Äste und Überreste von Zäunen, die meterweit durch die Lüfte geschleudert wurden. Auf den Straßen fahren Lastwagen von Dachdeckern, Elektrikern und Glasern. Holzarbeiter in orangefarbenen Westen zersägen umgestürzte Bäume und räumen die Wege frei. Insgesamt waren 360 Einsatzkräfte verschiedener Hilfsdienste vor Ort und sind es am Tag danach immer noch. Da der Roetgener Wald ebenfalls vom Tornado heimgesucht wurde, teils Dächer in den Kronen hängen und weiterhin Bäume umzukippen drohen, ist der Wald bis auf Weiteres gesperrt und darf nicht betreten werden.

Noch klafft ein großes Loch in diesem Haus, der Regen hat freie Bahn. Dachdecker sind rastlos im Einsatz, um schnell Abhilfe zu schaffen. Foto: zva/Anne Schröder

„Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll“, sagt eine Anwohnerin, die starr am Straßenrand vor ihrem Haus steht und darauf wartet, dass die Handwerker zu ihr kommen. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Wir hätten hier doch nie mit einem Tornado gerechnet“, sagt sie und schaut schockiert die Hauptstraße hinunter, als könne sie die Zerstörung immer noch nicht richtig fassen. „Ich lag auf der Couch. Ich dachte erst, es sei starker Wind. Da habe ich auf einmal etwas Schwarzes gesehen. Plötzlich zerbrach die Scheibe und ich bin mit Wucht nach hinten bis in den Flur geschleudert worden. Das Ganze hat vielleicht 20 Sekunden gedauert, danach war Stille.“ Die Splitter verletzten sie am Oberarm, sie trug Prellungen davon, musste auf Anraten der Feuerwehr ins Krankenhaus. „Erst heute merke ich die Schmerzen. Eventuell habe ich auch etwas am Nacken.“ Kaum eine Scheibe blieb an ihrem Haus ganz, das Dach ist teils zerstört, der Regen hatte freie Bahn.

Dann kam etwas, worauf die Roetgener stolz sein können. „Kurz danach stand schon die Fußballmannschaft meines Sohnes bei uns auf dem Dach und hat uns geholfen, die Schäden einzudämmen. Es ist so eine große Hilfsbereitschaft hier, das ist wirklich fantastisch.“ Am Abend wurde noch das Nötigste abgedeckt und aufgeräumt. An Schlaf war nicht zu denken.

Der Tag nach der Windhose: In Roetgen ist Aufräumen angesagt

Roetgens Bürgermeister Jorma Klauss spricht von einer „Welle der Solidarität“. Der gute Zusammenhalt und die hohe Hilfsbereitschaft seien generell typisch für die Gemeinde. „Besonders in einer Extremsituation wie dieser merkt man das. Ich bin sehr beeindruckt und es macht mich stolz“, sagt Klauss. Die Gemeinde hat am Donnerstag vor Ort, auf Höhe der Hauptstraße 161, eine Anlaufstelle eingerichtet, an die sich die Anwohner wenden können, die Hilfe benötigen. Ob sie auch am Freitag da steht, soll nach Bedarf entschieden werden. Diejenigen, die gerne helfen möchten, können sich auch dorthin wenden. Und helfen, das wollen viele.

Obwohl die Feuerwehr ihre Hauptarbeiten bereits am Mittwoch abgeschlossen hatte, sind viele Ehrenamtler der Wehr noch vor Ort, die sich verantwortlich fühlen und helfen.

Christopher Albrecht arbeitet bei einem Roetgener Unternehmen und hat von seinem Chef freibekommen, damit er helfen kann, die Schäden am Haus seiner Mutter zu beseitigen. Foto: zva/Anne Schröder

In der Gemeindeturnhalle, die noch am Mittwochabend als Betreuungsstelle eingerichtet wurde, musste niemand übernachten. Anwohner, die nicht in ihr Zuhause konnten (zehn Häuser waren unbewohnbar), sind bei Freunden oder Familie untergekommen. So auch Marina Albrecht, die bei ihrer Tochter übernachtet hat. Eine beschädigte Stromleitung über ihrem Haus bot eine zu große Gefahr, über Nacht zu bleiben. Das Dach auch hier zerstört. Zudem sei ein Ziegel durch das Fenster in die Wohnung geschossen und blieb in der Wand stecken. „Hätte in dem Kinderbett jemand gelegen, der hätte es nicht überlebt“, sagt ihr Sohn Christopher Albrecht. Er hilft am Tag danach, den Schutt aufzuräumen und das Haus wieder bewohnbar zu machen. Von seinem Arbeitgeber hat er dafür extra freibekommen. „Ich arbeite hier im Gewerbegebiet bei einem lokalen Unternehmen. Mein Chef hat uns selbstverständlich zum Helfen nach Hause geschickt“, sagt Albrecht. Ein Vorteil, wenn man sich in der Gemeinde gut kennt. „Die Häuser sind teilweise sehr alt, Menschen haben hier ihr ganzes Leben verbracht. Alle wissen, welche Bedeutung das hat und dass man handeln muss.“

Nicht nur vor Ort helfen Menschen und bringen Einsatzkräften und Anwohnern beispielsweise warme Getränke und Essen, sondern auch im virtuellen Raum wird geholfen. Auf Facebook wurde am Donnerstagmorgen die Gruppe „Windhose Roetgen 2019“ von dem Roetgener Karsten Kreitz gegründet, die Ideen und Hilfsangebote sammelt. Er selbst ist nicht betroffen. „Aber jeder kennt hier jemanden, der jemanden kennt. Ich wäre auch dankbar, wenn es mein Haus wäre und ich Hilfe bekäme“, sagt er. Die Zahl der Mitglieder wächst kontinuierlich. Am Nachmittag zählt die Gruppe mehr als 200 Mitgleider. Kreitz bringt Hilfsbedürftige mit Helfenden in Kontakt, postet Adressen, wo noch Verstärkung gesucht wird. Andere bieten Radlader, Motorsägen und Bullis an. Tierbetreuung, Kinderbetreuung, Kleidungsangebote werden auch in der Gruppe diskutiert.

„In erster Linie wird bei uns von den Anwohnern nach Entsorgungsmöglichkeiten gefragt, weil überall Schutt liegt. Jetzt gilt es, Container herzuschaffen“, sagt Bürgermeister Klauss. Viele helfen sich schon selbst, haben Freunde und Familie vor Ort. An der Anlaufstelle vor Ort werde vor allem geguckt, wo Hilfsbedarf besteht und dann entsprechend koordiniert. „Die emotionale Verarbeitung sowohl bei mir, als auch bei den Helfern und den Betroffenen kommt erst später, habe ich das Gefühl. Im Moment heißt es einfach, zu funktionieren.“