Monschau: Haremsdamen waren in Monschauer Tuche gehüllt

Monschau: Haremsdamen waren in Monschauer Tuche gehüllt

Egal, von welcher Seite aus man die historische Altstadt Monschau betritt: Alle Wege führen zum Roten Haus, dem erhabenen und eleganten Tuchmacherhaus im Kern der Stadt gelegen, direkt am Zusammenfluss von Rur und Laufenbach.

Das über 250 Jahre alte Bürgerhaus war jetzt auch das Ziel für eine 20-köpfige Gruppe von Zeitungslesern, denen diese exklusive Tour im Rahmen der Aktion 7xSommer offeriert worden war.

Diese Ansicht des Roten Hauses in Monschau kennen Millionen Touristen und Einheimische: Aber das Haus von innen schauen sich jährlich nur etwa 15 000 Besucher an.

Auf dem roten Teppich im Foyer des Gebäudes wurde die Gruppe vom Hausverwalter-Ehepaar Dietmar und Bettina Gonnermann begrüßt, das auch mit ihren Kindern in der oberen Etage des Roten Hauses lebt. Bettina Gonnermann führte die Leser in einem spannenden und informativen Streifzug zunächst durch die Geschichte des 1752 erbauten Hauses, ehe die Teilnehmer dann individuell die einzelnen Räume bestaunen und begehen konnten.

Die gesamte Inneneinrichtung aller Räume des Roten Hauses ist authentisch erhalten und kann bestaunt werden — von Tisch bis Bett.

Auf fünf Etagen mit insgesamt 1200 Quadratmeter Wohnfläche steht aber nur ein geringer Teil der Räumlichkeiten der Öffentlichkeit zur Verfügung. Die dritte und vierte Etage ist dauerhaft für die Nachfahren des Hauserbauers Johann Heinrich Scheibler reserviert. Dieses Wohnrecht genießt inzwischen die achte Generation. Auch auf diesen Etagen unterscheidet sich die Ausstattung der Räume aber nicht wesentlich von den öffentlich zugänglichen Bereichen, abgesehen davon, dass sich die Nachfahren mit Badezelle und moderner Küchenzeile dem Komfort der heutigen Zeit angepasst haben.

Das Prunkstück im Roten Haus schechthin: Die freistehende geschwungene Eichenholztreppe über drei Etagen.

Die Anfänge der Tuchmacherfabrikation in Monschau sind untrennbar mit dem Pfarrerssohn Scheibler verbunden, der wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung Monschaus hatte. Die Unterteilung des Hauses in ein Wohn- und Arbeitshaus ist bis heute erhalten geblieben.

Im Gespräch: Verwalterin Bettina Gonnermann erläutert interessierten Lesern die Details .

Die markante Fassade des Hauses mit dem mächtigen Schieferdach und zahlreichen Fenstern hat schon Millionen von Monschau-Touristen als Foto-Motiv gedient, aber nur ein Bruchteil der Besucher verliert sich im Innern des Gebäudes. Auch viele Einheimische räumen immer wieder kleinlaut ein, dass sie das Rote Haus noch nie von innen gesehen haben. Rund 15.000 Besucher sind es jährlich, die in der Saison dem Haus einen Besuch abstatten.

Große Auswahl: Auch alte Stoffmuster können bewundert werden.

Den Erbauer Johann Heinrich Scheibler würde man aus heutiger Sicht als innovativen und zukunftsorientierten Geschäftsmann bezeichnen. Unter anderem importierte er Merinowolle aus Spanien, um diese durch Verbesserung bei der Verarbeitung sowie durch die Orientierung an aktuellen Modetrends als Luxusartikel anzubieten.

Dafür stellte er sowohl Spinner und Heimweber aus der näheren Umgebung als auch Personal aus Flandern ein. Zeitweise waren für ihn 6000 Männer und Frauen im Einsatz, um Wollprodukte für die feinen Kaufleute herzustellen. Die qualitätsvollen Stoffe aber wurden nicht nur im Monschauer Land getragen. In ganz Deutschland bis hin nach Polen und Russland führten die Handelswege, und es ist glaubhaft überliefert, dass sogar die Haremsdamen im vorderen Orient in feine Monschauer Tuche gehüllt waren.

Eigentlich war damit der Grundstein für ein Unternehmen von Weltruf gelegt, aber der Monschauer Tuchmacherkunst war am Ende nur eine kurze Blütezeit beschert, denn bereits im Jahr 1840 endete die Tuchherstellung im Roten Haus. Der Geschäftssinn war der Familie Scheibler aber dennoch nicht abhanden gekommen. Die nachfolgenden Generationen verlegten sich auf die Herstellung von Düngemitteln und gründeten ein Werk in Köln-Kalk.

Das Rote Haus diente der Familie ab dann als Wochenendhaus. Weil es durchweg zu Wohnzwecken genutzt wurde, ist der Nachwelt ein komplett eingerichtetes und authentisches Bürgerhaus erhalten geblieben, und wenn man den Speisesalon mit dem eingedeckten Porzellan auf dem Tisch betritt, hat man das Gefühl, als würden die Scheibler-Nachfahren sich hier gleich zum Festmenu einfinden.

Dennoch wurde die Unterhaltung des riesigen Gebäudes der Familie irgendwann zu aufwendig, so dass das Rote Haus im Jahr 1963 als Schenkung und Stiftung an den Landschaftsverband Rheinland übergeben wurde, was aber nichts daran änderte, dass auch bis zum heutigen Tag die Scheibler-Nachfahren ihr Wohnrecht behielten, und sie sich ein- bis zweimal im Jahr hier einfinden, um sich mit ihren Familien, die heute teilweise in Berlin leben, zu treffen.

Prunkstück des Hauses ist nach wie vor die freitragende Eichenholztreppe, die über drei Etagen nach oben führt und in deren Geländer in 21 Bildern die hohe Kunst der Herstellung von Wolle dargestellt ist.

Der Gang über diese Treppe gehörte selbstverständlich für die Teilnehmer zum Besuchsprogramm und vermittelte ohne das man es will dem Besucher durchaus das Gefühl der leichten Erhabenheit.

„Ich komme oft und immer wieder gerne ins Rote Haus“, sagte Annette Mauel. Für die Ur-Monschauerin ist das Wahrzeichen der Stadt „ein tolles Schmuckkästchen“, aber unwillkürlich müsse sie auch dann „an das arme Volk“ denken, das vor Jahrhunderten in direkter Nachbarschaft lebte. Sie findet, dass der Besuch des Roten Hauses „eigentlich zum Pflichtprogramm von Schulklassen gehören sollte.“

Hubert Baumsteiger aus Roetgen ist zum ersten Mal zu Gast im Roten Haus, und hatte eigentlich keine rechte Vorstellung von der Innenausstattung. Jetzt habe er die Gelegenheit für einen Besuch genutzt. Das Haus habe bei ihm einen „gewaltigen Eindruck“ hinterlassen.

Obwohl sie viele Jahre in Monschau gelebt hat, ist es auch für Jacqueline Gerards aus Rurberg der erste Besuch im Roten Haus. Am Anfang habe sie sich gefragt, „ob sich das wohl lohnt?“, doch jetzt sei sie begeistert von der reichhaltigen Ausstattung des Hauses und ebenso vom kompetenten und kurzweiligen Vortrag durch Bettina Gonnermann. „Der Besuch hat sich wirklich gelohnt“, lautet ihr Fazit, auch wenn ein Wunsch (noch) nicht erfüllt wurde. Sie hätte sich gewünscht, dass man eines der original Monschauer Tuche einmal zu Gesicht bekommen hätte.

(P. St.)