Simmerath: Gemeinsamkeit und Unterschiede lernen

Simmerath: Gemeinsamkeit und Unterschiede lernen

Ein Hauch von internationaler Politik wehte am Freitagabend durch den Sitzungssaal des Simmerather Rathauses. Eine repräsentative Sitzung des Gemeinderates zu ungewohnter Stunde bildete den würdigen Rahmen für den Besuch von Karl-Heinz Lambertz, dem Ministerpräsidenten der Deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgiens.

In der Gemeinde Simmerath hat man erkannt, dass eine verstärkte Kooperation mit dem deutschsprachigen Teil des Nachbarlandes längst überfällig ist. Diesem Vorhaben zog Karl-Heinz Lambertz dann auch gerne den Auftakt der Eupener Kirmes vor, womit dann auch ganz schnell wieder der Bogen von der internationalen Ebene zu den regionalen Prioritäten hergestellt war.

In Begleitung des Ministerpräsidenten befand sich die Ministerin für Kultur, Medien und Tourismus, Isabelle Weykmans sowie Kabinettschef Leo Kreins und Ministeriums-Mitarbeiter Dieter Cladders.

In Anwesenheit der Abteilungsleiter der Simmerather Gemeindeverwaltung, des langjährigen Simmerather Gemeindedirektors Leo Jansen und des zukünftigen Beigeordneten Roger Nießen, rückte Bürgermeister Karl-Heinz Hermanns als Ziel des Treffens die Verbesserung der Beziehungen und der Kommunikation mit den belgischen Nachbarn in den Blickpunkt. Durch grenzüberschreitende Förderprogramme habe man diesen Weg der Kooperation bereits erfolgreich eingeschlagen. Beispielhaft nannte er das EU-Projekt „Blue Sport - Hot Spot” mit einem Gesamt-Volumen von 5,4 Millionen Euro, wovon allein 1,2 Millionen Euro in der Gemeinde Simmerath verbleiben für die Umsetzung der „neuen Mitte” in Woffelsbach, wo ein Jugendferiendorf mit Freizeitlandschaft entstehen soll.

Nachdem Karl-Heinz Hermanns mit Zahlen und Fakten die 15 600 Einwohner-Gemeinde Simmerath vorgestellt hatte, gab Ministerpräsident Karl-Heinz Lambertz kurzweilig und mit souveräner Gelassenheit einen Einblick in das komplizierte politische Gebilde Belgien. „Wir kennen uns schon lange in der Grenzregion, aber wissen wir auch, mit wem wir es zu tun haben?”, fragte Lambertz in die Runde. Wichtig sei es, die Unterschiede kennenzulernen, aber auch die Chance zu ergreifen, gemeinsam zu handeln. Auch aus belgischer Sicht biete Deutschland, der große Nachbar im Osten, eine Vielfalt, die vielen Menschen in Belgien noch unbekannt sei.

Auch Tourismus-Ministerin Isabelle Weykmans warb dafür, die Situation der Grenzregion, wirtschaftlich wie touristisch, als Vorteil zu nutzen. Als aktuelles Beispiel nannte sie die Ravel-Route. Den grenzüberschreitenden Fahrradweg mit 350 Kilometer Länge müsse man heute auf die Beine stellen, „wenn wir morgen eine Top-Region sein möchten.” Das 11 Millionen-Euro-Projekt soll in drei Jahren abgeschlossen sein.

„Dieses Treffen war überfällig”, freute sich auch Städteregionsrat Helmut Etschenberg über die Initiative zu diesem Austausch. „Auf einer grenzüberschreitenden Plattform müssen wir voneinander lernen”, warb Etschenberg für den im vorigen Jahr ins Leben gerufenen Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ), eine Art Zweckverband der Städteregion Aachen, der Parkstad Limburg (Niederlande) und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Dieser Verbund als europäische Modellregion habe zum Ziel, eine verbindliche Grundlage der Zusammenarbeit zu schaffen, die nicht auf Zufällen oder persönlichen Sympathien basiere.

In der Praxis ist die Kooperation mit den Menschen in Ostbelgien bereits auf einem guten Weg, wie Ratsherr Ulrich Offermann deutlich machte: „Die Bevölkerung praktiziert den grenzüberschreitenden Gedanken bereits auf vielen Ebenen.” Dies konnte auch Ratsherr Bruno Löhrer bestätigen: „Das Denken der Menschen in Regionen setzt sich immer mehr durch.”

Nach dem Ende der gut zweistündigen repräsentativen Sondersitzung des Rates bestand dann im Rathaus-Foyer noch Gelegenheit den Austausch-Gedanken in entspannter Runde nachhaltig zu vertiefen.

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