Gegen Motorradlärm: „Silent Rider“-Kampagne auf dem Vormarsch

Netzwerk gegen Motorradlärm wächst stetig : „Silent Rider“-Kampagne auf dem Vormarsch

Es geht um die Gesundheit und um einen sanften Tourismus: Die Bürgermeister der Eifelkommunen kämpfen um strengere Vorgaben für die Zulassung von Motorrädern. Dabei finden sie schon kurz nach Vereinsgründung bundesweit Unterstützer.

Lärm macht krank. „Viele Menschen sagen: Ich höre es schon gar nicht mehr. Doch das stimmt so nicht – an Lärm kann sich der Mensch nicht gewöhnen“, sagt Thomas Marwein, Lärmschutzbeauftragter des Landes Baden-Württemberg. Medizinische Studien zeigten, dass der Körper durch anhaltenden Lärm gestresst reagiere. Tatsächlich seien viele chronische Krankheiten bis hin zu Diabetes unter anderem darauf zurückzuführen.

Lärm geht auf dem Land in erster Linie vom Verkehr und in besonders auffälliger Form oft von Motorrädern aus. Deshalb ist der grüne Landtagsabgeordnete Marwein nach Simmerath gekommen, um sich über die Anfang September neu gegründete Initiative „Silent Rider“ zu informieren und an der Vernetzung betroffener Kommunen zu arbeiten. „Die Probleme sind in ländlichen Regionen in ganz Deutschland die gleichen – von der Nordsee bis ins Gebirge“, sagt Marwein. Dabei sei klar, dass ein paar Gemeinden in der Eifel oder dem Schwarzwald alleine das Ruder nicht herumreißen könnten. „Es müssen richtig viele werden. Erst dann können wir etwas bewegen!“

In der Eifel wird das bundesweite Interesse an „Silent Rider“ mit Genugtuung registriert. So demonstrierten die Bürgermeister der Gemeinden Simmerath, Hürtgenwald und Heimbach am Dienstag im Simmerather Rathaus Einigkeit. „Wir suchen derzeit unter Hochdruck nach weiteren Mitstreitern für unsere Kampagne“, sagt Karl-Heinz Hermanns, Bürgermeister der Gemeinde Simmerath. So wird wie berichtet zum Beispiel der Kreis Osnabrück dem Verein beitreten, im Oktober ist Hermanns dann erneut in der rheinland-pfälzischen Eifel auf Werbetour. 30 Kommunen wollen dem Verein mittlerweile beitreten, erheblich mehr haben bereits Interesse signalisiert. „Ich kann dabei immer wieder nur betonen, dass wir nicht grundsätzlich gegen Motorradfahrer sind“, sagt der CDU-Politiker. Klagen, man wolle die Biker in eine Ecke drängen, gingen am Thema vorbei. „Nicht willkommen sind bei uns die Raser und Heizer – alle anderen können gerne kommen.“

Das unterstreicht auch Marwein. Es gehe nicht um Verteufelung, sondern um „angemessenes Fahrverhalten“, vor allem aber darum, endlich rechtliche Schlupflöcher zu schließen. „Tatsächlich sind die meisten Biker ganz legal zu laut“, sagt der Grünen-Politiker. Dem stimmt auch Hermanns zu, der sich mächtig darüber ärgert, dass nach der jüngsten Polizei-Großaktion unter Beteiligung des Polizeipräsidenten Dirk Weinsbach Mitte September am Ende nur die Schlagzeile „Keine Lärmverstöße“ in Erinnerung blieb. „Juristisch mag das stimmen. Das ändert aber nichts am Handlungsbedarf, denn der Polizei sind schlicht die Hände gebunden“, sagt Hermanns. Weil es keine Grenzwerte für Straßen außerhalb geschlossener Ortschaften gebe, weil die Messverfahren viel zu kompliziert seien.

„Die meisten sind regelkonform, aber viel zu laut unterwegs“, bestätigt Peter Cremer (CDU), Bürgermeister von Heimbach. Es bleibe ein langer Weg, die europäischen Zulassungskriterien so zu ändern, dass sich die Situation wirklich bessern könne. „Von heute auf morgen ist das nicht zu schaffen“, sagt Hürtgenswalds Bürgermeister Axel Buch (CDU). Um so wichtiger sei es, dass mit dem Verein „Silent Rider“ nun bereits 100.000 Bürger in der Eifel „eine Stimme bekommen, die bundesweit wahrgenommen werden kann“.

Tatsächlich wird die Lösung des Problems nach Ansicht des Lärmschutzbeauftragten Marwein immer dringlicher: Die Zulassungszahlen von Motorrädern seien in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, auch Frauen würden immer häufiger Zweirad fahren. Nahezu alle seien Freizeitfahrer und auf das Motorrad nicht zwingend angewiesen.

„Was manche als Vergnügen betrachten, nervt die Anwohner und macht krank. Da hat einer Spaß, und 1000 müssen darunter leiden – das geht so nicht!“ Marwein verweist auf die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation, die Dezibelzahlen von über 45 kritisch sieht. „In der Eifel werden Werte von weit über 80 Dezibel gemessen – das ist indiskutabel.“ Langfristig müsse deshalb auch bei den Zweirädern ein Trend zur Elektromobilität angestoßen werden. Im Gegensatz zu E-Autos, die bei höheren Geschwindigkeiten aufgrund der Roll- und Windgeräusche kaum leiser sind als solche mit Verbrennungsmotoren, sei bei E-Motorrädern der Vorteil „eklatant“.

Von einer solchen Entwicklung würde auch der Tourismus in der Eifel profitieren, da ist sich die Runde einig. Inzwischen häuften sich nämlich die Klagen von Urlaubern über rasende und laute Biker. „Touristen suchen in der Eifel vor allem Ruhe und Erholung. Wenn sie die nicht mehr finden, bleiben sie am Ende weg“, meint der Gast aus dem Süden Deutschlands. Das sieht auch Karl-Heinz Hermanns so: „Natürlich ist das ein mühsamer Prozess. Aber was ist die Alternative? Kapitulieren kommt für uns alle jedenfalls nicht infrage!“

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