Nordeifel: Früher trug St. Martin auch eine Sonnenbrille

Nordeifel: Früher trug St. Martin auch eine Sonnenbrille

Die ersten Kinder spazieren mit ihren Laternen in der Hand in die Einruhrer Kirche, als Dieter Käfer in die schweren schwarzen Stiefel steigt. Nun fehlen noch der lange rote Umhang und der glänzende Helm, dann ist die Verwandlung perfekt. Jetzt ist Dieter Käfer wieder der St. Martin.

Unzählige Male ist er schon in diese Rolle geschlüpft, wie oft weiß er gar nicht mehr zu sagen. An das erste Mal kann er sich aber noch gut erinnern. Das war vor über 40 Jahren in Imgenbroich. In den Jahren zuvor war er noch selbst mit der Fackel durch den Ort gezogen. Plötzlich ritt er selbst als St. Martin hoch zu Ross durch die Straßen. Damals war vieles noch anders.

„Den Martin gab es nur im Dunklen auf dem Pferd zu sehen und die Pastöre waren neidisch, wenn sie sahen, dass die Kirche voller Kinder war“, sagt Käfer. Damals durfte der St. Martin auch nicht sagen, was er wollte, stattdessen gab es strenge Vorgaben, erinnert sich Käfer. Wenn St. Martin dann aber etwas sagte, war es plötzlich mäuschenstill in der Kirche.

Respekt vor der Aufgabe

Früher war es üblich Arbeitspferde aus dem Ort für den St. Martins-Zug zu nutzen. Als in Imgenbroich die letzten in den Ruhestand geschickt wurden, war es Franz Neuß von der Freiwilligen Feuerwehr, der auf Dieter Käfer zu kam und ihn fragte, ob er die Rolle des St. Martins übernehmen wolle. „Da lässt man keinen hängen, aber in meinem damaligen Alter hat mir die Größe der Aufgabe schon Respekt eingeflößt“, sagt Käfer, der sich damals noch einen Bart ankleben musste.

Lange Zeit trug der St. Martin in der Eifel auch eine Sonnenbrille, damit er ja nicht von den Kindern erkannt wird. „Früher war der Martin unnahbar. Der Abstand ist mit den Jahren aber immer geringer geworden“, sagt Käfer. Heute haben die Kinder viele Fragen: Warum hast Du eine Bürste auf dem Helm? Warum ist der Mantel rot und wie heißt das Pferd? „Da muss man eine Antwort parat haben, um nicht auf dem falschen Fuß erwischt zu werden.“ Das Pferd heißt in diesem Jahr übrigens Rio, ist zehn Jahre alt und ein in Eicherscheid geborener Rheinischer Warmblut Wallach.

Aber auch andere Dinge haben sich geändert. „Früher wurde lauter gesungen. Da lief man auch als Siebt-oder Achtklässler noch mit der Fackel rum. Heute ist der Zauber ab dem zweiten Schuljahr verflogen. Früher hielt das länger an“, sagt Käfer.

Im Lauf der Zeit hat Dieter Käfer viel von der Tradition in den Dörfern miterlebt. Gebürtig stammt er aus Höfen. Als Schüler wohnte er in Imgenbroich im Bruchzaun, über Strauch gelangte er schließlich nach Eicherscheid, wo er heute noch wohnt. Und schließlich ist er nicht nur in Imgenbroich seit vielen Jahren als römischer Soldat unterwegs. Seit über 30 Jahren spielt er die Rolle in Eicherscheid, in Dedenborn seit 15 bis 20 Jahren und seit diesem Jahr eben auch in Einruhr.

„Es gibt immer wieder neue Ideen, wie das Fest gestaltet werden kann — die kommen und gehen“, sagt Käfer. In einem Fall hat er sogar selbst für eine Änderung gesorgt. „In Eicherscheid war es früher Tradition, dass St. Martin als Bischof auftrat. In dem Kostüm war es aber gar nicht so einfach zu reiten. Das habe ich direkt geändert. Anfangs war das komisch, heute kennen die Leute es schon gar nicht mehr anders“, erzählt Käfer. Seit Jahren schlüpft er immer wieder in die selbe Uniform, die das Jahr über bei der Imgenbroicher Feuerwehr verwahrt wird.

Auch wenn er als St. Martin im Mittelpunkt steht, gibt er sich ganz bescheiden. „Wenn die Dorfgemeinschaft mitzieht, kann man das genießen. Die sind die Entscheidenden und diejenigen, die das Fest prägen.“ Jeder Ort hat seinen eigenen Reiz für Käfer. In Paustenbach ist es zum Beispiel der Schmuck an den Häusern. „So hat jeder Ort sein eigenes Drehbuch, das nur dorthin passt.“

Schnuller überreicht

In Eicherscheid reitet Käfer einfach von Zuhause los. In anderen Orten ist seine Frau mit einem Transporter dabei. „Ein Auto kann man jedem in die Hand drücken, ein Pferd nicht“, sagt Käfer. Auf wie vielen unterschiedlichen Pferden er schon im Umzug geritten ist, weiß er auch nicht mehr, wohl aber die Unterschiede zwischen den Tieren.

„Es gibt welche, da sitzt man ganz in Ruhe drauf, aber auch welche, die das Trommler- und Pfeiferkorps unruhig macht.“ Auch Silvesterknaller, die gerne mal frühzeitig von Jugendlichen ausprobiert werden, tragen nicht eben zur Beruhigung des Pferdes bei. „Sowas gehört zu den negativen Erlebnissen, man muss halt auf alles gefasst sein“, sagt Käfer.

Im Vordergrund stehen aber die vielen schönen Erlebnisse: Kinder, die Bilder für ihn gemalt haben oder die ihm ihren Schnuller überreicht haben, lassen seine Augen glänzen. „Das bleibt im Kopf“, sagt Käfer. Besonders gut in Erinnerung geblieben sind die Erlebnisse mit den eigenen Kindern, wenn sie nach dem Umzug erzählt haben, was der St. Martin getan und gesagt hat. „Wenn die damals gewusst hätten, wer unter der Verkleidung steckt“, sagt Käfer und lacht dabei.

Solange er noch körperlich fit ist, will der 60-Jährige weiter den roten Umhang überstreifen und als St. Martin durch die Eifeldörfer reiten und versuchen, „den Zauber für die zu erhalten, die ihn noch haben. Um den Rest muss man sich eh keine Sorgen machen“.