Rott: Friedenswallfahrt: „Ist diese Welt ein großes Irrenhaus?“

Rott: Friedenswallfahrt: „Ist diese Welt ein großes Irrenhaus?“

„Der Herr ist mein Hirte“ — so lautete das Motto der 63. Friedenswallfahrt der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), die am Samstag als Eröffnung der diesjährigen Quirinus-Oktav gestartet wurde.

„Das Vertrauen in Gott, das aus dem Psalm 23 spricht, möchte das derzeitige Erleben mit Hoffnung anreichern und Kraft geben, sich einzumischen für mehr Gerechtigkeit und Frieden“, so Ralf Linnartz, Diözesanpräses der KAB im Bistum Aachen.

Derzeit seien viele Menschen bei uns sehr verunsichert. Die soziale, politische und wirtschaftliche Ordnung scheine zu wanken. Linnartz: „Der innere und äußere Friede sowie der Zusammenhalt in Europa sind bedroht.“ Gerade jetzt sei es daher wichtig, diese negativen Erfahrungen mit Hoffnung anzureichern, damit Gegenwart und Zukunft bestanden werden können, sagte der Präses.

Christen könnten die Hoffnungsperspektive einbringen, eine Hoffnung, die nicht allein auf menschliche Kraft setze. In unsere Erfahrungen müsse Hoffnung dringen, erst dann werde sie brauchbares Lebensgut.

So war es nicht überraschend, dass diese 63. Friedenswallfahrt zum Kreuzberg bei schönem Spätsommerwetter eine erfreulich positive Resonanz zu verzeichnen hatte. Das „wandernde Friedensgebet“ der KAB, das nun schon über so viele Jahre Woche für Woche in der Diözese gebetet werde, wird weitergeführt. Mitglieder der KAB-Familiengruppe Herzogenrath-Kohlscheid hatten die Wallfahrt vorbereitet.

In einem Grußwort des Diözesanadministrators, Weihbischof Karl Borsch, vor dem Anmarsch zum Kreuzberg verlesen, heißt es: „Als Christen sind wir aufgerufen, von unserer Hoffnung zu sprechen. Wir haben eine Vision — ein in Frieden und Gerechtigkeit geeintes Europa und eine Welt, in der Menschlichkeit zählt und nicht das grenzenlose Ansammeln von Gütern und der Missbrauch der Macht.“

Nach dem gemeinsam gesungenen Lied „Zu Dir, o Gott, erheben wir die Seele,“ führte Linnartz die Gläubigen vorbei an den Stationen auf den Weg nach oben, wo er am Kreuz von Rott eine heilige Messe zelebrierte. In einer starken, beachtenswerten Predigt ging er hart mit der Welt und ihren Problemen ins Gericht. Flüchtlingsströme, Brexit, Rechtsradikalismus, Donald Trump, die Anschläge von Nizza, Würzburg, München, Ansbach als auch die Geiselnahme und Mord an einem 86-jährigen Priester in einer Kirche in der Normandie während des Gottesdienstes waren für ihn Stichworte, die einen erschüttern, bedrücken und deprimieren.

„Ich weiß nicht, wie es Euch und Ihnen allen geht. Ich dachte: Ist diese Welt ein großes Irrenhaus?“ Ja, man könne als aufmerksamer und politisch und gesellschaftlich interessierter Zeitgenosse irre werden oder in Hoffnungslosigkeit verfallen, sagte Linnartz.

Tausende Menschen würden in der Grenzregion gegen die maroden Atommeiler von Thiange und Doele protestieren. „Aber der Politik, Atomlobby und Wirtschaft scheint das am Allerwertesten vorbei zu gehen.“ Umso mehr sei es „wirklich gut und richtig, dass durch das Motto der Quirinus-Oktav und durch diese Wallfahrt heute unsere Hoffnung gestärkt wird“. Den beeindruckenden Psalm 23 habe man ja schon als Hoffnungsanker meditiert; es sei zudem ein Zeichen tiefsten christlichen Glaubens, zu hoffen.

„Wir Christen dürfen Hoffnungsträger sein, ein ruhender Pol in dem Irrenhaus“, meinte Ralf Linnartz. Selbst in der Bedrängnis, in dem verheerenden Zustand der Welt, müsse der Mensch vor Gott und der Welt nicht verstummen, deprimieren oder lahm werden.

„Haltet durch im Guten, bleibt bei Eurem guten Tun. Es ist besser, ein Licht der Hoffnung anzuzünden, als nur über den Zustand der Welt zu klagen“, gab der Diözesanpräses den Teilnehmern mit auf den Weg. Das Irrenhaus der Welt brauche Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, wie Paulus, wie die Muttergottes, die wider aller Hoffnungslosigkeit zu hoffen wagten.

„Das Irrenhaus der Welt braucht Dich und mich. Es braucht Menschen, die hoffen wider alle Hoffnung. Menschen, die sich darum grundsätzlich für das Leben entscheiden, und zwar ein menschenwürdiges Leben für alle“, schloss Linnartz seine Predigt.