Einruhr: Flüchtlinge in Einruhr: „Eine Herausforderung für unser Dorf“

Einruhr : Flüchtlinge in Einruhr: „Eine Herausforderung für unser Dorf“

Ein ständiges Kommen und Gehen herrscht auf dem Hostertberg. Das mit Panoramablick hoch über Einruhr gelegene Hotel Sonnenhof ist belebt wie lange nicht mehr, seitdem am Dienstagabend rund 130 Flüchtlinge aus aller Welt mit mehreren aus Dortmund gestarteten Bussen eintrafen.

Der Hotelbesitzer hatte dem Land sein seit Anfang des Jahres leerstehendes Hotelgebäude als Notunterkunft angeboten. Seit Mittwoch gehören die Flüchtlinge nun zum Erscheinungsbild des Dorfes am Obersee mit seinen gerade einmal 600 Einwohnern. Man trifft sie auf dem in Nähe vorbeiführende Eifelsteig oder an der Obersee-Promenade, denn selbstverständlich dürfen sich die Menschen frei bewegen.

In neuer Funktion: Das Hotel Sonnenhof auf dem Hostertberg in Einruhr ist seit Dienst Notunterkunft des Landes NRW für Flüchtlinge. Foto: P. Stollenwerk

Die Ankunft der Flüchtlinge und damit verbundene mögliche Auswirkungen auf das soziale Leben im Dorf am See sind derzeit das große Thema in der Bevölkerung, auch weil eine direkte Information der Bezirksregierung gegenüber der Bevölkerung nicht stattfanden. Diesen Part übernahmen in einem eilends verfassten Bürgerbrief Ortsvorsteher Christoph Poschen und Bürgermeister Karl-Heinz Hermanns, dessen Urlaubspläne von der aktuellen Entwicklung durchkreuzt wurden.

Flüchtlinge verschiedener Nationen sind ins leerstehende Hotel Sonnenhof eingezogen. Foto: P. Stollenwerk

Diese Verantwortung für die Information der Bürger übernehmen auch weiterhin der Ortsvorsteher und die Kommune. Am Freitagnachmittag wurde eine weiteres Schreiben verteilt. Gemeinsam mit dem Bürgermeister lädt Poschen darin für Mittwoch, 15. Juli, zu einen Informationsveranstaltung ein (siehe Infobox).

Am Freitagmittag befanden sich exakt 116 Flüchtlinge im separaten Bettentrakt des Hotel Sonnenhofs. Nach der Ankunft am Dienstagabend sind die ersten Flüchtlinge bereits wieder in andere Einrichtungen verlegt worden. Menschen aus Syrien, Nigeria und Eritrea sind vorwiegend in Einruhr untergebracht, aber auch Flüchtlinge von den Balkanstaaten und aus China. Darunter befinden sich etwa 40 Kinder und zehn schwangere Frauen. Der soziale Dienst und ein Sicherheitsdienst sind rund um die Uhr vor Ort.

Mit ihrer Unterkunft seien die Menschen mehr als zufrieden, berichtet Jolanthe Stoffers, die für die Betreuungsorganisation „ZOF“ die Leitung in Einruhr übernommen hat. Verstärkt gehen auch inzwischen Nachfragen, wie man die Flüchtlinge mit Sachspenden unterstützen kann. An Kleidung, so Stoffers, mangele es nicht, wohl Bastelmaterial oder auch Schulhefte für den Deutschunterricht seien sonnvoll. Zwecks näherer Absprache kann man sich telefonisch an den Betreuungsverein unter der Nummer 0177/9146-766 wenden.

138 Personen können nach Ausführung der Brandschutzauflagen im Nebengebäude untergebracht werden. Sollten die etwas umfangreicheren Brandschutzmaßnahmen auch noch im Altbau umgesetzt werden, könnten im Sonnenhof noch weitere 50 Personen Platz finden. Das stillgelegte Schwimmbecken des Hotels wurde als zusätzliches Löschwasser-Reservoir wieder befüllt.

Der Inhaber hat das Hotelgebäude, das unter einem erheblichen Sanierungsstau leidet, Anfang 2015 geschlossen, da er sich nicht in der Lage sah, die geforderten Brandschutzauflagen zu erfüllen.

Mit den sich dramatisch verschärfenden Problemen bei der Flüchtlings-Unterbringung in NRW hat sich am Freitag auch der Landtags-Innenausschuss in einer Sondersitzung befasst. Die CDU-Opposition hatte der rot-grünen Landesregierung Tatenlosigkeit vorgeworfen.

Experten schätzen, dass innerhalb dieses Jahres rund 100.000 Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen Bielefeld und Dortmund eintreffen werden. Laut NRW-Innenministerium hat der Bund im Februar 250.000 Flüchtlingsankünfte für dieses Jahr prognostiziert. Zwei Monate später habe die Zahl aber schon bei 450.000 gelegen.

In seinem zweiten Bürgerbrief äußert auch Einruhrs Ortsvorsteher Christoph Poschen Kritik daran, „dass das Land sich nicht ausreichend auf den sich abzeichnenden Flüchtlingsstrom vorbereitet hat“. Die insgesamt nur 20 Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes NRW seien „völlig überbelegt.“ „Deshalb wird nun jedes Objekt angemietet, dessen das Land irgendwie habhaft werden kann.“

Poschen unterstreicht erneut seine Kritik an der Informationspolitik Bezirksregierung, die er aufgefordert habe, ihre Vorgehensweise „zu überdenken“. Aus seiner Sicht sei es unverständlich, „warum die Bezirksregierung derart viele Flüchtlinge in Einruhr unterbringt.“ In einem Dorf mit weniger als 600 Einwohnern fehle es an der erforderlichen Infrastruktur wie Einkaufsmöglichkeiten und ausreichenden Busverbindungen. Poschen: Das Vorgehen der Bezirksregierung „stellt eine erhebliche Herausforderung für unser kleines Dorf dar, das vor allem im Sommer ein wichtiges Ziel für Touristen und Tagesgäste ist.“

Einige Gastronomen und Zimmervermieter hätten bereits ihre Befürchtungen zum Ausdruck gebracht, allein schon wegen der medialen Aufmerksamkeit. Auch habe er die Bezirksregierung in Köln aufgefordert, „die Einruhrer Bürger in einer vernünftigen Art und Weise vollständig über die Gegebenheiten und Zukunftspläne zu unterrichten.“

(P. St.)
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