Medikamente aus Belgien: Fahrt von der Nordeifel über die Grenze kann sich lohnen

Medikamente aus Belgien: Fahrt von der Nordeifel über die Grenze kann sich lohnen

Nicht nur montags sind Kunden aus Belgien in den Imgenbroicher Geschäften mittlerweile fast in der Überzahl. Der Grund sind die günstigen Preise auf deutscher Seite.

Eine Fahrt über die nahe deutsch-belgische Grenze kann aber auch für Menschen in der Nordeifel wie im gesamten Grenzraum finanziell lukrativ sein, nämlich dann, wenn sie Arzneimittel kaufen möchten.

Der Schnee rieselt sanft auf die frostigen Dächer. Ein leises Pfeifen vom Wind durchströmt die Gassen und in den Stuben knistert das Holz im Ofen. Es ist eine gemütliche Jahreszeit, die den Menschen einen Hauch von Besinnlichkeit mitbringt – aber nicht nur. Denn der Winter ist Erkältungszeit. Und da sind die Menschen oft auf Apotheken angewiesen. Sehr häufig klagen Patienten dabei über zu hohe Preise von Medikamenten, wenn die Krankenkasse die Kosten nicht übernimmt.

Jedoch können die Apotheken selbst am wenigsten an diesen Preisen ändern. In Deutschland sind die Preise und Gewinnspannen für Medikamente nämlich in der sogenannten Arzneimittelpreisverordnung festgelegt. An dieser orientieren sich demnach die Hersteller, Großhändler und Apotheker.

Unterschiedliche Steuersätze

Zudem ist zu beachten, dass auf Arzneimittel in Deutschland 19 Prozent Mehrwertsteuer berechnet werden müssen. Das sorgt dafür, dass es sich für einige Arzneimittel lohnt, auch über die deutsche Grenze hinaus Preise zu vergleichen. Denn die Besteuerung von Arzneimitteln ist in den EU-Ländern nicht einheitlich geregelt. An der belgischen Grenze kann es beispielsweise sehr von Vorteil sein, Medizin im Nachbarland zu kaufen. Denn in Belgien beträgt die Mehrwertsteuer auf Medikamente nur sechs Prozent – 13 Prozent weniger als in Deutschland.

Dennoch kann nicht pauschal festgestellt werden, dass in Belgien grundsätzlich alle Medikamente günstiger sind als in Deutschland: Das Schmerzgel Voltaren ist ein beliebtes Beispiel, welches das Gegenteil beweist. Eine Tube mit 60 Gramm Inhalt kostet in der Apotheke Mertens in Eupen (Belgien) 13,99 Euro, während der Apotheker Samer Al Shaibani in der 20 Kilometer entfernten Victoria-Apotheke in Imgenbroich nur 8,95 Euro dafür verlangt.

Doch bei einigen Arzneimitteln lohnt sich der Weg nach Belgien preislich schon. „Der klassische Fall ist die Hormontherapie bei Frauen, um schwanger zu werden. Da schicken die deutschen Kliniken oft sogar aus Hamburg Patientinnen zu uns nach Belgien rüber. Selbst bei uns kostet das rund 1000 Euro. Aber auf deutscher Seite locker über das Doppelte“, erklärt Ralph Mertens, der seit rund 21 Jahren die Apotheke in Eupen leitet.

Daneben sind auch Verhütungsmittel, Schlaftabletten und potenzsteigernde Mittel in Belgien wesentlich günstiger als in Deutschland. „Der Unterschied ist nicht so groß, dass es sich lohnen würde, aus München anzureisen, um – das klassische Beispiel – Viagra zu holen. Aber im Umkreis von 50 Kilometern macht das preislich schon Sinn“,sagt Mertens.

Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein, vermutet, dass die großen Preisdifferenzen vor allem in dem niedrigen Steuersatz und einem wesentlich niedrigeren Abgabepreis der Pharmaindustrie in Belgien ihren Ursprung haben. Durch den niedrigen Steuersatz verdient der belgische Staat an der Pharmaindustrie wesentlich weniger als Deutschland und doch immer noch mehr als die Apotheken selbst“, erklärt Preis.

Auch die Antibabypille ist in Belgien deutlich günstiger als in Deutschland. Zum Vergleich: In der Imgenbroicher Apotheke kostet eine Packung für drei Monate der Pille „Desmin 20“ 29,55 Euro. Bei Ralph Mertens in Belgien müssen die Kundinnen für das exakt gleiche Präparat mit dem Namen „Deso 20“ lediglich 11,13 Euro zahlen. Das sind ganze 62 Prozent weniger. Geht man davon aus, dass eine deutsche Kundin im Jahr vier Mal eine solche Packung in Belgien kauft, dann hat sie am Ende des Jahres rund 74 Euro gespart.

Was die Apotheken gefährdet

Samer Al Shaibani schätzt die Apotheken in Belgien jedoch trotzdem nicht als Gefahr für sein Geschäft ein. Und das bestätigt auch Mertens, der erklärt, dass pro Woche vielleicht ein gutes halbes Dutzend deutsche Kundinnen und Kunden in seiner Apotheke einkaufen. „Der Onlinehandel mit Medikamenten ist für uns eine wesentlich größere Bedrohung als die belgischen Preise“, stellt der Imgenbroicher Apotheker fest.

Das unterstreicht auch Sprecher des Apothekerverbandes Nordrhein. Der Verkauf von nicht verschreibungspflichtiger Medikamente über Onlineapotheken nehme mittlerweile weit über 10 Prozent des Marktanteils ein. „Wenn das bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten auch so wird, dann müssen wir ganz viele Apotheken schließen“, erklärt Thomas Preis. Hier liege der Marktanteil des Online-Handels derzeit noch bei nur rund einem Prozent.

Wenn allerdings immer weniger Apotheken existieren können, weil sie natürlich auch auf den Verkauf „freier Medikamente“ angewiesen sind, dann entsteht ein gesellschaftliches Problem. Denn wenn Menschen kurzfristig ein bestimmtes Medikament brauchen, ist eine Notfallversorgung nur begrenzt möglich. Und online muss schließlich immer eine Versandzeit mit einberechnet werden. Darüber hinaus merkt Ralph Mertens an, dass oft die Wechselwirkungen verschiedener Medikamente online nicht beachtet werden können. „Teilweise müssen wir Dosierungen anpassen, wenn sich die Arzneimittel untereinander nicht vertragen. Oder eine Alternative finden“, erklärt der Apotheker.

Und in diesem Punkt sind sich die Apotheker dies- und jenseits der deutsch-belgischen Grenze einig: „Beratung ist das A und O in unserem Geschäft.“ Um ihre Kundinnen und Kunden bei sich zu halten, setzen sie daher vor allem auf kompetente Beratung, Freundlichkeit und Vertrauen.

Ein Blick in die Zukunft

Um im deutschen Gesundheitssystem jedoch trotzdem mit der Zeit der Digitalisierung zu gehen, steht ein elektronisches Rezept in den Startlöchern, das in absehbarer Zeit in der Praxis angewendet werden soll. Auch Apps sind bereits auf dem Markt, über die die Menschen bei teilnehmenden Apotheken Arzneimittel bestellen können.

„Bei den Verbrauchern setzen sich diese Neuerung aber noch nicht so wirklich durch.“, erzählt Thomas Preis. Trotzdem ist sich Apotheker Samer Al Shaibani sicher: „Das ist die Zukunft der Apotheke.“

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