Vossenack/Vogelsang: Exart-Musiktheater zeigt spannende Rockoper „Unlimited“

Vossenack/Vogelsang: Exart-Musiktheater zeigt spannende Rockoper „Unlimited“

Voll war es am Wochenende gleich viermal im Kulturkino Vogelsang. In dem eindrucksvollen Saal des 1950er-Jahre-Kinos herrschten knisternde Spannung und freudige Erwartung. Der Grund war die Aufführung der Rockoper „Unlimited — Das zerbrochene Tribunal“ durch das Exart-Musiktheater des Vossenacker Franziskus-Gymnasiums.

Seit Juli 2017 wurde mehrmals wöchentlich geprobt und nun standen vier Aufführungen auf dem Programm. 3000 Zuschauer waren restlos begeistert. Bereits 2013 gab es eine Kooperation mit Vogelsang IP, als das Musical „Exodus“ ebenfalls im dortigen Kulturkino zur Aufführung gebracht wurde.

Duell zweier Eliteschulen

„Die Abstimmung auf den Punkt von Musik, Tanz und Choreographien war im Vorfeld eine große Herausforderung. Doch dazu haben wir eine fantastische und verschworene Gemeinschaft entwickelt“, sagte Clemens Amendt, der Regisseur des Stückes und Leiter des Exart-Musiktheaters, kurz vor Beginn der vierten und letzten Vorstellung. Dass die Abstimmung schwierig war, ist nur nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass dem Ensemble deutlich über 50 Darsteller angehören (zurzeit 28 ehemalige Schüler, 18 aktuelle, einige Eltern sowie drei externe, professionelle Darsteller).

Sechseinhalb Jahre war Amendt mit der aktuellen Rockoper beschäftigt. „Ich habe die Idee für das Stück entwickelt, das Drehbuch geschrieben und saß dazu permanent am Schreibtisch“, erklärte er. Er habe sogar ein Sabbatjahr in der Schule genommen, um weiter an dem Stück zu arbeiten, schließlich sollte „alles aus einem Guss sein“.

Hinter der Bühne herrschte kurz vor Beginn der Aufführung eine sehr positive Stimmung. Eine deutliche Vorfreude war zu spüren und erste Töne des Einsingens zu vernehmen.

In dem knapp zweieinhalbstündigen Stück, in dem 26 Lieder gesungen werden, geht es um die Geschichte von Alexis und Zoé. Alexis besucht die Elitehochschule der „Macs“, Zoé die Elitehochschule der „Illuis“. Alexis wird bei den Macs darauf getrimmt, die Macht im digitalen und gen-optimierenden Zeitalter exzessiv an sich zu reißen, Zoé fühlt sich bei den Illuis dazu berufen, die Welt fundamental zu retten. Beide sind die Jahrgangsbesten und müssen fortan an vorderster Front gegen die „verfeindete Welt“ der Macs oder Illuis kämpfen, um diese im Endeffekt zu vernichten.

Doch statt sich zu hassen, passiert das, was nicht passieren darf: Die beiden können nicht voneinander lassen. Sie lernen sich lieben und erkennen dabei, wie verblendet sie bisher gelebt haben. Einen Weg zurück kann es für sie nun nicht mehr geben. Eine tödliche Gefahr, denn Verräter werden gnadenlos von den Macs und Illuis verfolgt.

Acht Musicals produziert

Diese Geschichte wird in dem aufwendig inszenierten Stück eindrucksvoll dargestellt. Zwischen professionell vorgetragenen Gesangs- und Tanzeinlagen wurden immer wieder Videosequenzen eingespielt, die von passender Musik untermalt wurden.

„Es ist die Macht, die euch jeden Tag anzieht“, intonierte eine Darstellerin in düsterer Atmosphäre zu Beginn des Stückes. Passend hierzu musste ein kleines Kind unmittelbar anfangen zu weinen. Sätze wie „Euer Gehorsam und euer Fleiß haben euch genützt, ergreift die Macht!“ oder „Du liebst den Hass so grenzenlos“, prägten den ersten Teil der Rockoper. Es ist ein Machtkampf zwischen den beiden Gruppen der MACs und Illuis. Doch im Verlaufe des Stückes kommen sich die beiden Anführer immer näher, gelten daher als Verräter und werden nicht mehr akzeptiert.

Im Gegensatz zu den bisherigen Aufführungen wurde das Ensemble neben Schülern und zahlreichen Ehemaligen in diesem Jahr erstmals von externen, professionell ausgebildeten Künstlern unterstützt. So wurden die beiden Hauptakteure Zoé und Alexis von Kerstin Breuer und Lionel von Lawrence gespielt. Breuer spielt außerdem noch in ihrer Band „Ich & mein Ego“ und studiert Gesang in Maastricht. Von Lawrence kommt aus der Operngesellschaft „The Fat Ladys“ zum Exart-Theater und ist im Studium in Tanz, Schauspiel und Gesang ausgebildet worden.

Für die Komposition zeichneten Markus Page und Marcel Stoffels verantwortlich, die Musik-Produktion übernahmen Markus Wimmer und Marcel Stoffels. Außerdem wurden die Choreografien gemeinsam mit Nicole Thieme einstudiert. Clemens Amendt, der Lehrer am Franziskus-Gymnasium Vossenack ist und dort Geschichte, Politik, Wirtschaft und Sport unterrichtet, führt nicht nur die Regie des Stückes, sondern hat zudem alle Texte geschrieben und die über 280 Kostüme entworfen.

Deutschlandweit auf der Bühne

Seit dem Jahr 1992 steht das Exart-Musiktheater dafür, selbstgeschriebene und selbstkomponierte Musicals mit sozialkritischem Kern auf die Bühne zu bringen. Ihre Wurzeln hat die Theatergruppe am Franziskus-Gymnasium. Angetrieben von diesem künstlerischen Anspruch, wurden seither acht Musicals in Eigenregie produziert und regional sowie deutschlandweit auf die Bühne gebracht. Höhepunkte waren Aufführungen im Hamburger Thalia-Theater sowie im Schauspielhaus Dresden.

Mit seinem Konzept möchte das Exart-Theater nicht nur junge, talentierte Schüler fördern, sondern ein generationsübergreifendes Ensemble bilden, in dem ehemalige Schüler, Lehrer, Eltern sowie viele Quereinsteiger mitwirken.

Das diesjährige Stück sprengte sogar die Grenzen der Bühne in Vogelsang. Die Akteure hatten das Stück zwar bereits seit August einstudiert, doch bei den Proben in Vogelsang mussten sie dann feststellen, dass die Bühne zu klein ist, und das sogar um einige Meter. Daher musste im Vorfeld der Aufführungen Hand angelegt und die Bühne mit Spanplatten, Teichfolie und Stahlelementen kurzerhand etwas größer gebaut werden.

Der Ort für die Aufführungen hätte überdies nicht besser gewählt sein können. Denn während des Musicals sollen die beiden Protagonisten Eigenschaften wie Hass, Menschenverachtung und Überlegenheitsdenken verinnerlichen und zeigen. Diese Eigenschaften waren Basis der ideologischen Schulung in Vogelsang zur Zeit des Nationalsozialismus. Hier sollten Nachwuchsführer der NSDAP ausgebildet werden, während in Unlimited am Ende linientreue Persönlichkeiten stehen sollen. Das Kulturkino Vogelsang sei laut Amendt zwar „ein hochbrisanter Ort“, der jedoch zu der Thematik des Stückes und zu einem „grenzenlosen Stück ohne Limit“, was „Unlimited“ übersetzt bedeutet, gut passe.

„Kunst ist die Schwester von Freiheit“

In der Gegenwart soll Vogelsang ein Platz der Begegnung und Toleranz sein. Doch Fragen wie: Wie hätten wir selber gedacht und gehandelt, hätten wir in einer ähnlichen Zeit gelebt? Was bedeutet uns Demokratie? Oder: Gibt es heute vergleichbare Situationen in der Welt? wurden auch bei Unlimited aufgeworfen. „Kunst ist die Schwester von Freiheit und jeder sollte sie haben“, so Amendt.

Für ihn stehen während der Aufführungen zum einen die Unterhaltung, beispielsweise durch Videoinstallationen im Hintergrund, und zum anderen viele kleine Details wie die Lichtstimmung, der Takt der Musik oder kleine Gesten eine entscheidende Rolle. Ebenso wichtig ist es für ihn jedoch auch, dass die Zuschauer sich selbst ihre Gedanken über das machen, was sie gesehen haben.

„Bei diesem Stück war vor allem Durchhaltevermögen gefragt, denn pro Wochenende hieß es, zehn Stunden totalen Fokus auf die Vorbereitung“, sagte Heiko Westerburg, einer der über 50 Darsteller. „Das Privatleben gerät dann zwar schon einmal in den Hintergrund, aber ich bin auch in Zukunft auf jeden Fall dabei“, sagte der 17-Jährige, der dem Exart-Theater seit 2015 angehört und zurzeit die Jahrgangsstufe 12 am FGV besucht. Ähnlich ist die Lage bei Samira Lauscher, die 2009 Abitur in Vossenack gemacht hat und bereits seit 2002 Mitglied beim Exart-Musiktheater ist: „Man musste von Anfang an sehr fokussiert sein, denn es ist schwierig, ein solch großes Ensemble zu koordinieren. Doch es waren immer alle mit Herzblut dabei“, sagte Lauscher, die inzwischen ihren Lebensmittelpunkt in Göttingen hat. „Wenn wir erkennen, dass die Liebe die größte Macht in uns ist, erkennen wir, dass alles andere unwichtig ist“, erklärte sie, was sie persönlich aus dem Stück mitnimmt.

Nach dem Stück, das noch um eine Zugabe ergänzt wurde, wollte der Applaus nicht enden, es gab stehende Ovationen. Clemens Amendt war sichtlich erleichtert, aber auch geschafft. „Das Stück ist so stark wie das schwächste Glied — und das ist verdammt stark!“, so der Regisseur. „Die Schüler sind über sich hinausgewachsen, sind alle Träger von Botschaften und nehmen viel mit aus dem Stück.“

So war es auch Amendt, dem die letzten Worte gebührten: „Ihr habt den Gipfel erklommen und Sensationelles geleistet, ihr könnt stolz sein“, rief er den Beteiligten zu.

Keine weitere Aufführung geplant

Ob das Stück noch einmal zur Aufführung gebracht wird? „Es ist zurzeit nichts geplant, denn es ist schon ein extremer Kraftakt, weil die Darsteller von überall herkommen, beispielsweise aus München, Göttingen oder Den Haag“, sagte Amendt. Zwar müsste das Stück „leben und es schreit danach, weiter aufgeführt und ausgeschmückt zu werden, doch es gibt noch keine weitere Planung“.