Nordeifel: Erste Hilfe für zwei verlassene Tierbabys in der Eifel

Nordeifel : Erste Hilfe für zwei verlassene Tierbabys in der Eifel

Als die Stalltüre aufgeht, kommt der kleine Ovis angestakst und sucht gleich Körperkontakt. Mit seinem Köpfchen streift er an den Beinen seines Ziehvaters entlang, der schon ein Fläschchen mit Ziegenmilch bereithält. Das Angebot wird gerne angenommen und die Flasche innerhalb kurzer Zeit leergesaugt.

Dieses Schauspiel wiederholt sich alle drei bis vier Stunden. Hermann Carl von der Rollenden Waldschule und seine Frau sind zurzeit rund um die Uhr im Einsatz, um Ovis zu versorgen. Bis er die Flasche nicht mehr benötigt und selbstständig Grünfutter frisst, wird es wohl noch eine ganze Weile dauern.

Förster Markus Wunsch hat sich in den vergangenen Wochen zunächst um „It’s me“ gekümmert. Jetzt lebt der kleine Frischling bei Andrea Pauls auf dem Ruitzhof in Kalterherberg. Foto: Corinna-Jasmin Kopsch

Ovis ist ein etwa zwei Wochen altes Mufflon (Ovis gmelini musimon) und wurde in der Nähe von Rurberg auf dem Weg zur Urftseestaumauer allein aufgefunden. „Zunächst meldete sich ein Radfahrer bei uns im Nationalparktor in Rurberg und berichtete, dass sich auf dem Weg zur Urftseestaumauer ein sehr anhängliches Rehkitz aufhalte“, sagt Cornelia Freuen, Geschäftsstellenleiterin bei der Rursee-Touristik.

Wenig später habe sich dann ein Wanderer gemeldet, der von einer jungen Ziege erzählte. Schließlich sei das Tier von zwei Wanderinnen im Nationalparktor abgegeben worden. Nach einigen Telefonaten sei man dann bei Hermann Carl gelandet, der viel Erfahrung im Umgang mit Wildtieren hat und sich bereit erklärte, den kleinen Vierbeiner bei sich aufzunehmen.

Kein Reh und keine Ziege

Schnell war für den Jäger und Naturführer aus Monschau klar, dass es sich weder um ein Reh noch um eine Ziege handelt: „Schon am Telefon habe ich gedacht, wenn es im Bereich des Kermeters gefunden wurde, kann es nur ein Mufflon sein. Da gibt es nicht viel Bebauung in der Nähe, aber eine Menge Muffelwild.“

Vielleicht habe das kleine Mufflon geschlafen, als sein Rudel plötzlich aufgeschreckt wurde und die Flucht angetreten habe. „Da es noch keine Scheu vor Menschen hat, war es ihm anscheinend egal, wie die Herde aussieht und hat sich, als es wach wurde, an die Menschen gehängt“, vermutet Carl.

Grundsätzlich solle man zwar keine Wildtiere aufnehmen (siehe Box), in dem Fall sei aber niemandem ein Vorwurf zu machen. Carl: „Wenn das Tier am Bein klebt, ist das eine schwierige Situation. Wer kann da widerstehen?“

Er hat schon einige Tiere mit der Flasche aufgezogen, darunter auch ein Wildschwein und mehrere Rehe. „Ob Hase, Igel, Eichhörnchen oder Eichelhäher. Bei uns ist schon alles Mögliche gelandet“, sagt Carl. Aus dem kleinen Wildschwein von einst ist mittlerweile ein ausgewachsener Keiler geworden, der bei Carl in einem Gehege lebt. Ein Wildschwein reicht, sonst hätte wohl auch der kleine „It’s me“ bei ihm ein Zuhause gefunden.

Der heute etwa fünf Wochen alte Frischling „It’s me“ war nur wenige Tage alt, als er gefunden wurde. Von der Mutter gab es weit und breit keine Spur. „It’s me“ war unterernährt und dehydriert. Also kümmerte sich zunächst Markus Wunsch vom Forstbetriebsbezirk Gemünd um das kleine Tier. Auch, wenn es anfangs nicht gut sehen konnte, erholte es sich schnell.

Da Wunsch es jedoch nicht dauerhaft betreuen konnte, machte er sich auf die Suche nach einem Zuhause für „It’s me“. Hermann Carl vermittelte schließlich den Kontakt zu Andrea Pauls, die mit ihrer Familie auf dem Ruitzhof in Kalterherberg lebt.

Auflagen für Haltung

Das Ziel müsse grundsätzlich sein, die Tiere später wieder auszuwildern, erläutert Carl. „Sie sind wild und bleiben wild. Da werden keine Haustiere draus. Die Probleme kommen, wenn sie groß sind“, sagt er. Von Hand aufgezogene Wildschweine könnten aber nicht mehr ausgewildert werden, da sie zu sehr an den Menschen gewöhnt seien, erklären Carl und Wunsch.

Da auch „It’s me“ mal zu einem großen Keiler mit bis zu 180 Kilogramm Gewicht heranwachsen werde, sei es wichtig, dass er in die richtigen Hände komme, berichtet Wunsch. Für die Haltung seien auch bestimmte Auflagen zu erfüllen, wie beispielsweise die Sicherung des Geheges mit einem doppelten Zaun.

Auch auf dem Ruitzhof in Kalterherberg werden regelmäßig Wildtiere aufgepäppelt, ein Wildschwein ist für die Familie Pauls allerdings etwas Neues. „Wir dachten, wir müssen mit dem Kleinen mehrere Male nach Kalterherberg fahren“, berichtet Markus Wunsch. „Doch es dauerte keine halbe Stunde, da hatte ‚It’s me‘ Andrea als neue ‚Bache‘ akzeptiert“, erzählt er schmunzelnd. „So ein Tier spürt direkt, wo es Zuneigung und Schutz bekommt.“

Aus dem Gröbsten ist das kleine Schwein inzwischen heraus. Anfangs wog es nur 620 Gramm — nun sind es bereits 3 Kilogramm. Es bekommt Ferkel-Aufzuchtmilch und frisst bereits zusätzlich feste Nahrung, momentan am liebsten Rosinen und Regenwürmer, die es sich im Garten sucht. Auf dem Ruitzhof, wo Familie Pauls unter anderem einen Hofladen betreibt, lebt es nun zusammen mit Hunden, Schafen, Schottischen Hochlandrindern, Putern, Hühnern und Enten. Und es ist überall mit dabei, wo „seine“ Menschen hingehen.

Ausbildung zum Fährtenschwein

Die Aufzucht eines kleinen Wildschweins ist mit viel Arbeit verbunden. Auch der Schlaf kommt momentan eher zu kurz. „Momentan schlafe ich draußen im Wohnwagen, damit ‚It’s me‘ in meiner Nähe sein kann“, erzählt Andrea Pauls. „Er soll später kastriert und als Fährtenschwein ausgebildet werden. Daher wird er bereits jetzt an ein kleines Geschirr gewöhnt. Er hilft dann bei der Ausbildung von Jagdhunden“, erklärt sie. Markus Wunsch fügt hinzu: „Das Geschirr dient auch dazu, dass ‚It’s me‘ seinen Kamm nicht aufstellen kann. Dies machen Wildschweine aus Machtgehabe, was so verhindert wird.“

Der Förster freut sich, dass er einen guten Platz für das kleine Schwein gefunden hat. „Wir sind hier so herzlich aufgenommen worden. Von dem tollen Umgang mit den Tieren können sich viele eine Scheibe abschneiden“, lobt Wunsch die Arbeit von Familie Pauls. „Ich bin sehr glücklich, dass der Kleine hier gelandet ist.“ Wunsch möchte auch dem oft schlechten Ruf von Jägern entgegenwirken. „Mir ist es wichtig, zu zeigen, dass wir Jäger eine Verantwortung den Tieren gegenüber haben und diese auch wahrnehmen“, sagt Wunsch. Dieser Meinung schließt sich Carl gerne an.

Die Zukunft des Baby-Mufflons ist zurzeit noch offen. Es sei fraglich, ob man Ovis eines Tages wieder in die freie Wildbahn entlassen könne, sagt Carl. Alternativ gelte es, ein Gehege für ihn zu finden oder ihn möglicherweise in eine Schafherde zu integrieren.

(ag/cjk)
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