Widdau: Ein Versprechen in Paraguay eingelöst

Widdau: Ein Versprechen in Paraguay eingelöst

„Für mich ist das ein Märchen und ein Abenteuer zugleich, aber auch ein Traum und ein Geschenk“, sagt Elmar Paul Sommer. Der 51-jährige Architekt aus Widdau, seit 19 Jahren selbstständig und Spezialist für Kirchenbauten, schaut mit großer Vorfreude auf sein jüngstes Projekt. Aus weißem Karton geschnitten, steht das Modell einer kleinen Kapelle mit Glockenturm auf seinem Schreibtisch, mit deren Bau im Februar 2015 begonnen werden soll.

Das wäre eigentlich nichts Spektakuläres, wäre das Modell nicht von Palmen und einem mächtigen Gummibaum umgeben, so wie es am künftigen Standort des kleines Gotteshauses eben aussieht. Der Bauplatz für die Kapelle ist über 10500 Kilometer von Widdau entfernt. Die „Capilla Santa Maria“, so lautet der Arbeitstitel für das Bauwerk, steht demnächst mitten in Paraguay im Departamenta Guaria, 200 Kilometer von der Hauptstadt Asuncion entfernt.

Altes Handwerk: Die alten Ziegelöfen werden wieder zum Glühen gebracht, wenn die „Ladrillos“, dünnformatige Ziegel, nach traditioneller Art für den Bau der Kapelle vor Ort gebrannt werden.

In der dortigen Colonia Independencia, einer von badischen Winzern gegründeten Siedlung, leben auch die Bauherrn, Franz Laumen (66) und seine Ehefrau Else (63). Sie stammen aus Kohlscheid und verbringen seit dem Jahr 2011 inzwischen den größten Teil ihres Lebens in dem südamerikanischen Binnenstaat, wo sich die Einwohner laut einer Umfrage als die glücklichsten Menschen auf der Erde sehen.

Vorfreude: Architekt Elmar Paul Sommer (l.) und die Bauherrn, Franz und Else Laumen, begutachten das Modell der Kapelle.

Franz Laumen, der bis zu seiner Pensionierung 45 Jahre bei der Raiffeisenbank — davon die letzten Jahre als Vorstand in Simmerath — beschäftigt war, fasste gemeinsam mit seiner Ehefrau schon vor längerer Zeit den Gedanken, den Lebensmittelpunkt nach Südamerika zu verlegen, um dort nach traditioneller Art in der Landwirtschaft ein neues Lebens zu beginnen. Brasilien und Argentinien kamen in die nähere Auswahl, „aber dann haben wir uns ins Paraguay, diesen wunderbaren Landstrich verguckt“.

Rund um eine Finca in der von Deutschen gegründeten Siedlung hat man 50 Hektar Land erworben, und die ersten Rinder weiden hier bereits.

Dass in 150 Meter Entfernung des Wohnhauses nun eine Kapelle gebaut wird, hat für Franz Laumen einen sehr persönlichen Grund. Nach einem schweren Unfall und „einer nicht ganz einfachen Zeit“ hatte er gelobt, eine Kapelle zu stiften.

Für den planenden Architekten Elmar Paul Sommer ist das Projekt auch deshalb ein Traum, „weil es in den ländlichen Gebieten Paraguays keine Baubehörde gibt.“ Zweieinhalb Wochen verbrachte er vor Ort, um zu planen, zu zeichnen und sich vom Umfeld der Landschaft unweit des im Nationalpark liegenden Ybyturuzu-Gebirges inspirieren zu lassen und gleichzeitig die Vorstellungen des Bauherrn einfließen zu lassen. Auch blieb noch Zeit, um mit den einheimischen Kräften, die teils indianischer Abstammung sind, die erforderlichen handwerklichen Arbeiten einzuüben.

Die umliegenden Ziegeleien mit ihren uralten Öfen erwartet demnächst ein Großauftrag, denn die 13 x 16 Meter große Kapelle nebst einem Glockenturm wird aus „Ladrillos“, das sind dünnformatige Ziegel, errichtet. Zum freistehenden Glockenturm hinauf führt eine Treppe mit 50 Stufen. In zehn Metern Höhe lässt sich von einer Aussichtsplattform der Blick ins nahe Gebirge genießen. Blickfang in der von innen weiß gehaltenen Kapelle wird eine hölzerne Marienfigur sein, die aus dem vor einigen Jahren aufgelösten Karmelitinnenkloster auf dem Aachener Lousberg stammt.

„Vollkommen andere Welt“

Sieben bis acht Familienväter, so schätzt Franz Laumen, werden während der anderthalbjährigen Bauzeit beschäftigt sein, und der Architekt wird es sich natürlich nicht nehmen lassen, zwischendurch auch einmal einen Blick auf das Bauwerk zu werfen und erneut „in diese vollkommen andere Welt“ einzutauchen, zu der auch regelmäßige Stromausfälle oder Begegnungen mit Reptilien gehören. Franz und Else Laumen indes haben in Paraguay ihr Glück und eine neue Herausforderung gefunden: „Es ist spannend und es macht Spaß.“

Wenn in gut sechs Wochen mit dem Kapellenbau gestartet wird, dann erlebt Paraguay gerade die heißeste Zeit des Jahres mit Temperaturen bis zu 38 Grad. Für die Familie Laumen, die die Weihnachtstage und den Jahreswechsel bei der Familie in Kohlscheid verbringen, bedeutet der Rückflug Ende Januar nach Paraguay über Sao Paulo wieder eine große Umstellung, auch wenn sie sich in der üppigen Landschaft der Colonia Independencia längst zu Hause fühlen.

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