Nordeifel: Ein literarisches Denkmal für die Narzissen

Nordeifel: Ein literarisches Denkmal für die Narzissen

Die wahren Perlen des Perlenbaches und seines Tales - das sind die Narzissen, „das lautere Gold”, wie der Monschauer Literat Ludwig Mathar (1882-1958) es in seiner Geschichte „Narzissen im Venn” erzählt.

„Wie goldene Kelche wogen die gelben Glöckchen über die Wiesen. Dem munteren Bach geben sie zur Rechten und zur Linken treu das Geleit.” Mit der Geschichte „Narzissen im Venn” hat Ludwig Mathar der Narzisse ein literarisches Denkmal gesetzt: „Goldgelbe Narzisse, Blüte der Unschuld, Erstling des Frühlings, Schmuck und Schutz des Venns.” Die Geschichte spielt in der Franzosenzeit und an der Bieley, die mitunter auch Bildley heißt. Die Bieley, „das verwitterte Gestein, das wie das Gesicht eines dienstergrauten Wächters das Schwalmtal auf- und niederspähte”, ist eine Felsengruppe aus Devon-Quarzit auf einer Anhöhe von gut 550 Metern über NN. Der „Berg” ragt etwa 50 Meter hoch, der Blick von oben herab ist traumhaft schön.

Nach mündlicher Überlieferung (so lesen wir im Buch „Das Venndorf Kalterherberg” von Josef Conrads) war die Bieley einst ein Richtplatz, „wo Vergehen gegen die Perlenfischerei in der Schwalm an Ort und Stelle abgeurteilt und bestraft wurden”. An der Bieley soll auch ein Galgen gestanden haben. An die Galgen im Schwalmtal an und nahe der Bieley erinnern heute noch die Begriffe wie „Galgenberg” und „Galgendamm”, beide Bezeichnungen sind in den aktuellen Wanderkarten des Eifelvereins und des Deutsch-Belgischen Naturparks eingetragen.

Und wenn die riesigen „Prozessionen” jetzt im Frühjahr zu den Narzissenwiesen im Perlenbachtal ziehen, dann ziehen sie auch am „Galgenberg” und am „Galgendamm” vorbei. Die Galgen („Schandpfahl der Knechtschaft”) für Perlendiebe an den Bächen im Perlenbachtal wurden, so berichtet es die Chronik, im Jahr 1746 errichtet. Die Muscheln und die Perlen darin waren einzig und allein Eigentum der Herzöge von Jülich als Landesherren der Nordeifel, sie ließen eifersüchtig über diese Kostbarkeiten wachen, sie ahndeten jeden Frevel und jeden Raub. Die Muscheln und die Perlen darin waren für das gemeine Volk, für die Menschen in den Dörfern am Venn völlig tabu. Ob aber tatsächlich Perlendiebe an den Galgen entlang der Perlenbäche hingerichtet worden sind, das ist nicht überliefert.

In der Geschichte „Narzissen im Venn” von Ludwig Mathar (veröffentlicht 1935 in „Brautfahrt ins Venn”) aber wühlte der „scheele Matthes, der Schafhirt von Reichenstein, das Totengebein unterm Galgen hervor und wirft „die Knochen der längst Gerichteten in die tief strömende Flut” der Schwalm.

Die Franzosen erobern und besetzen das Rheinland (1794-1814), die heutige Nordeifel gehörte zum Roer-Departement, der erste französische Soldat tauchte am 18. Oktober 1794 nachmittags um zwei Uhr in Monschau auf und beschlagnahmte gleich 200 Sack Hafer. Mit den Franzosen kam auch das Gedankengut der französischen Revolution ins Rheinland und damit auch nach Monschau: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. „Als 1794 die Franzosen ins Land einfielen, fing der Raubbau an, auch im Perlenfischen”, schreibt Josef Conrads. Und dort beginnt gleichsam die Novelle von Ludwig Mathar, in der es dann heißt. „Nun darf ein jeder, und sei er Müller, Köhler oder Schafhirt, nach Herzenslust auf die so lange verwehrten Kleinodien pürschen.”

Drei „Bürger” spielen in der Geschichte „Narzissen im Venn” eine Rolle: der schwarze Jelles, er ist Köhler, der scheele Mattes, er ist Schafhirte aus Reichenstein, und der wilde Meies von der Schwalmmühle. Die drei stürzen sich quasi auf die Muschelbänke im Perlenbach, zuvor aber zerstören sie den Galgen an der Bieley: „Wie Tobsüchtige tanzen sie über die leere, zerwühlte Stätte.” Und weiter: „Da greift der Meies sich ganze Haufen voll der schlammigen Muscheln. Da rafft der Jelles, als fände er Klumpen von Gold. Da holt der Matthes ganze Haufen ans Land. Gierig öffnen sie die schmutzigen Schalen. Der rote Meies glotzt vor Erwartung: Eine muss sich doch finden.”

Doch die meisten Muscheln aus der Schwalm sind leer, keine Perlen sind darin. Und dann singt Ludwig Mathar in dieser Geschichte ein Loblied auf die Narzissen im Perlenbachtal. Die drei „Bürger”, die dank der französischen Revolution nun „frei” sind, aber sehen die Narzissen nicht: „Und das lautere Gold sehn sie nicht, der Narzissen herrlichen Flor. Wie goldene Kelche wogen die gelben Glöckchen über die Wiesen. Die schönsten haben sich in den stillen Waldestälchen versteckt. Da schießt in verschämter Verborgenheit höher der schlanke, kantige Stengel aus des ersten Frühlings dürrem, fahlem Gras, von dem schmalen Lanzenblättchen lichtgrün umspielt. Da wiegt sich, wie ein blondes schelmiges Lockenköpfchen über einem sehr schlanken Hälschen, das goldgelbe Blütenglöckchen, von den sechs zartgelben, samtseidigen Blütenblättern umkränzt, im sanften Winde. Ja dort in dem waldgeschützten, vom Wässerchen des „Sief” durchplapperten Tälchen, entfaltet sie ihre ganze Schönheit, Narzisse, die Blüte der Unschuld, der Erstling des Frühlings.”

Für Meies, Jelles und Matthes geht die Geschichte nicht gut aus, sie ziehen mit dem französischen Heer in den Krieg nach Russland. Nur der „Meies von der Schwalmmühle” kehrt als schwer gezeichneter „Humpelmann” nach Hause zurück. Doch die Heimkehr überlebt er nicht lange. Und auf seinem Grab: „Die goldgelbe Narzisse, Blüte der Unschuld, Erstling des Frühlings! Sinnbild der Seele”.

Die Narzissenblüte im Perlenbachtal: Ein einzigartiges Naturschauspiel, ein Farbwunder, das jedes Jahr tausende Wanderer hinaus lockt in die erwachende Natur der Eifel.

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