Ein 75 Jahre altes Tagebuch: Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs

Ein 75 Jahre altes Tagebuch (Teil 5) : „Wenn doch eine Wendung zum Guten käme“

Vor 75 Jahren hat Elisabeth Bergs die letzten Tage des Krieges im Monschauer Land in ihrem Tagebuch dokumentiert. Im letzten Teil schildert sie ihre Beobachtungen bis zum 3. Februar 1945.

Nach dem Tod seiner Mutter fand Wolfgang Klubert aus Lammersdorf das Tagebuch seiner Großmutter Elisabeth Bergs (1897-1979), geborene Sonntag, beim Aufräumen in einer Kiste. Sie dokumentierte darin die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs, wie sie sie erlebte. In einem weiteren Teil geben wir ihre Tagebucheinträge wieder, diesmal diejenigen vom 4. Dezember 1944 bis zum 3. Februar 1945. Es sind ihre letzten Dokumentationen.

4.12. bis 10.12.1944 Außer vereinzelten Panzerschüssen hören wir bis zum 8.12.1944 wenig Schießereien. In der Nacht vom 8.12. zum 9.12.1944 ist es jedoch sehr unruhig. Über 40 Granatwerfer gehen nach Monschau hinein. Sie sind in ihrer Wirkung bei weitem nicht so schlimm wie die wiederholt eingeschlagenen Artilleriegeschosse. Die Splitter sind allerdings auch heute wieder gegen unsere Hauswand geflogen. Wir schlafen noch auf dem Flur der ersten Etage. Gegen Splitter durchs Fenster schützen wir uns durch Zuhängen mit alten Steppdecken und Aufstellen schwerer Kisten. Am Morgen ist in den Straßen sehr viel Feldgendarmerie zu sehen. Niemand darf das Haus verlassen bis 11 Uhr. Alle Wohnungen, nur wenige ausgenommen, darunter auch wir, werden eingehend nach Waffen, Fotoapparaten, Uniformen, Sendegeräten usw. durchsucht. Außer den Genannten werden in vielen Wohnungen Fahnen und Braunhemden beschlagnahmt. Wir haben nur Keller und Vorraum öffnen müssen.

11.12. bis 17.12.1944 Die Stadt wird mit viel Militär belegt und Wohnungen müssen ganz oder teilweise geräumt werden. Wir können Gottlob bleiben. In der Nacht zum 12.12. liegt starkes Artillerie- und Werferfeuer auf Monschau. Um das Haus Clemens Braun schlagen 50 Granaten ein. Offensichtlich beginnt am 12.12. eine Offensive Richtung Höfen-Schleiden-Kall. Schleiden und Kall werden stark bombardiert. In einem Garten unterhalb des Friedhofes wird eine Höfenerin beim Gemüseernten von deutschen Scharfschützen erschossen. Tage und Nächte bringen durch anhaltenden Beschuss viel Aufregung und Sorgen.

Die bisher schlimmste Nacht erleben wir zum 16.12.1944. Es schießt und kracht ununterbrochen von leichteren und ganz schweren Geschützen. Dazwischen schickt deutsche Artillerie Granaten nach Monschau hinein. Auch die V1 kommt wiederholt zu uns herüber. In unserer Nähe wird das Haus Johann Mießen getroffen. Splitter und Glasscheiben sausen gegen unseren Hausgiebel. Es ist eine furchtbare Nacht. Morgens um 7 Uhr sehen wir hellen Feuerschein über dem „Heidgen“ liegen. Hier brennen das Haus Theißen und drei weitere Häuser in Höfen ab. Die meisten Treffer gehen aber in die Laufenstraße. Die Seidenfabrik hat 12 Treffer erhalten. Ein Kind bleibt tot, und mehrere Personen werden verletzt, und zwar in dem Hause Peters, der Seidenfabrik gegenüber.

Am 16.12. hält der deutsche Beschuss den ganzen Tag über mit kleineren Unterbrechungen an. Gegen 16 Uhr werden die Bedienungssoldaten zweier Maschinengewehre im Garten von Pfarrer Nieland und vor der Apotheke getroffen, ein Soldat wurde schwer verletzt. Es klingt vielleicht eigenartig, das wir heute trotz der vielen Aufregungen einen Weihnachtsbaum bestellt haben. Die Teller werden allerdings recht mager ausfallen müssen, denn wir haben weder Mehl noch Fett zum Backen. Butter haben wir in der offiziellen Versorgung seit dem 12.9. nicht kaufen können. Wohl gab es heute pro Kopf ein Pfund Zucker und ein Pfund Reis sowie etwas Puddingpulver, Pfefferminztee, Backpulver und Streichhölzer. Für das dreipfündige Brot pro Kopf und Woche müssen wir stundenlang anstehen. Kartoffeln gibt es nur selten, und nicht selten müssen wir hungrig vom Tisch aufstehen. Einer recht unruhigen Nacht folgt ein weit schlimmerer Tag.

Es ist Sonntag, der 17.12.1944. Deutsche Artillerie schickt anhaltend Granaten in alle Stadtteile hinein. Gegen 11 Uhr wird Frau Carl Bräutigam von einem Splitter ins Herz getroffen und sofort getötet. Amerikanische Geschütze aller Art donnern und dröhnen unaufhörlich. Eine lähmende Unruhe liegt über der ganzen Stadt, seitdem gegen Mittag bekannt wurde, dass die Amerikaner die Brücken mit Munition gefüllt haben, und dass deutsche Soldaten bis nach Höfen bzw. Mützenich hinein vorgedrungen sind. Die Nacht war sehr schlimm. An Schlaf konnte niemand denken, denn pausenlos donnern Panzer leichterer und schwerster Art. Dazwischen dröhnt schwere Artillerie, und zuweilen hören wir Maschinengewehre und Schnellfeuer. Wiederholt müssen wir in eine Ecke flüchten, denn deutsche Artillerie schießt. Besonders heftig ist ein Einschlag in den Turm der Pfarrkirche. Auch der Tag bringt keinerlei Erleichterung. Deutsche Artillerie belegt Monschau mit starkem Feuer und manches Haus wird getroffen. Dazwischen feuern Werfer immer wieder Granaten in die Stadt. Wie verlautet, sind die deutschen Soldaten auf ihre Ausgangsstellungen zurückgedrängt worden.

19.12.1944 Die Nacht war etwas ruhiger, als nach dem Verlauf des Vortages angenommen werden musste. Natürlich schossen Panzer und Artillerie, und deutsche Einschläge blieben nicht aus. Wir schlafen im Keller. Es ist recht unangenehm. Der Tag bringt einen ähnlichen Verlauf. Die Ernährungssorgen sind groß und bedrückend. Wir haben keine Kartoffeln und Gemüse fehlt schon lange. In der Hauptsache leben wir von dünnen Wassersuppen und etwas eingemachtem Obst.

20.12. bis 31.12.1944 Tage und Nächte verlaufen in der üblichen Art. Zuweilen lässt das beiderseitige Schießen etwas nach. Dann aber folgen immer wieder plötzlich die Granatwerfer, und wir müssen im Keller Schutz suchen. Auch die Weihnachtsfeiertage brachten keinerlei Erleichterung. In der Nacht zum 25.12. schoss es sogar wie toll. Marita hatte zwar einen Baum geschmückt, und die Kinder hatten sich mit den Geschenken viel Arbeit und Mühe gemacht; aber die Tage waren doch sehr traurig. Unsere trostlose Verlassenheit drückt gerade an den Festtagen besonders. Wenn doch einmal eine Wendung zum Guten käme. Die Straßen kann man wegen der anhaltenden Gefahr nur zu den allernotwendigsten Besorgungen passieren. Einkaufen kann man allerdings nur wenig. Es gibt nur Fleisch, einen viertel Liter Milch pro Tag und etwas Brot. In der letzten Woche haben wir ein dreipfündiges Brot erhalten. Kartoffeln gibt es immer noch nicht, und wir leiden oft Hunger. Die Stadtverwaltung bzw. die Fabriken verteilen schon einmal Holz und Kohlen, und mühsam schleppen wir diese Lasten nach Hause. Alles muss getragen werden, denn jeglicher Fuhrverkehr ist verboten.

1.1. bis 7.1.1945 Das Schießen hält Tag und Nacht an. Die Straßen sind wie ausgestorben. Jeder sorgt bei den allernotwendigsten Besorgungen, wieder schnell nach Hause zu kommen. Die ständige Angst vor den plötzlich erfolgenden Artillerie- und Werfereinschlägen macht jeden unruhig. Am 2.1. wird Großmutter infolge eines Schwindelanfalls beim Sturz aus dem Bett an Augen und Nase verletzt. Ihr körperliches und geistiges Befinden ist bedrückend. Am 4.1. erfolgen viele Werfereinschläge in allen Stadtteilen. Auch wir erleben einen heftigen Schrecken. Mit lautem Getöse geht ein Einschlag in die Schreinerwerkstatt Werichs, Kirchstraße, von der Hofseite unserer Wohnung aus. Im Moment glauben wir an Feuer. Die Luft ist mit Pulverdampf und Rauch erfüllt. Wir stürzen in den Keller, das Treppenhaus ist voller Pulverdampf, der uns kaum atmen lässt. Die Versorgung muss man als äußerst schlecht bezeichnen. Kartoffeln fehlen ganz, und Brot gibt es sehr wenig. In dieser Woche erhalten wir pro Kopf zwei Pfund Fleisch. Wir kochen Wassersuppen, die wir ein wenig eindicken.

8.1. bis 3.2.1945 Die Tage und Nächte sind voller Unruhen und Sorgen. Immer wieder gibt es in der ganzen Stadt Einschläge. Dazu ist starkes Winterwetter eingetreten. Der Schnee liegt 70 Zentimeter hoch. Bittere Kälte herrscht. Die völlig fettfreie Ernährung ohne Kartoffeln ruft Schwäche und Müdigkeit hervor. Dabei verlässt die Sorge um Vati uns keine Minute. Seit 28. Januar 1945 herrscht starker Auto-, Panzer- und Truppenverkehr. Hohe amerikanische Offiziere durchfahren die Straßen. Alles deutet auf eine Offensive hin. Das anhaltende Dröhnen, auch schwerster Geschütze, erfüllt Tag und Nacht die Luft. Immer wieder sehen wir Panzer von unheimlicher Größe. Der Gottesdienst fällt auch sonntags aus. Es gibt nur stille heilige Messen, vor denen Generalabsolution erteilt wird. Die Geistlichkeit empfiehlt immer wieder dringend das Fernbleiben aus der gefüllten Kirche. Wir haben seit Tagen, da die Rur zugefroren ist und wegen des Wassermangels kein Strom erzeugt wird, kein Licht, Kerzen fehlen auch und so sind wir oft gezwungen, gegen halb sieben Uhr zu Bett zu gehen, d.h. unser Lager im Hausflur aufzuschlagen.

Hier enden die Aufzeichnungen von Elisabeth Bergs.