Simmerath: Eicherscheid in Champions-League der Dörfer

Simmerath: Eicherscheid in Champions-League der Dörfer

Von Berlin nach Eicherscheid, von der Weltstadt ins Eifeldorf. „Tut das nicht, die Eifeler sind eigentümlich und verschlossen”, haben Bekannte die Schmidts gewarnt. Die schlugen die Warnung in den Wind - und haben es nicht bereut. Von wegen „zugezogen bleibt zugezogen”.

Die Schmidts fühlen sich nach zwei Jahren richtig heimisch. Das Dorf südlich von Aachen räumt mit Vorurteilen auf: Wer einmal hier lebt, zieht so schnell nicht mehr weg, meinen die Bewohner und die steigenden Einwohner-Zahlen geben ihnen recht.

Eicherscheid ist ein Siegertyp: Dreimal Gold im Landeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden” und 2007 endlich Gold im Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft”. „Wir wollen es jetzt noch einmal wissen”, sagt Ortsvorsteher Günter Scheidt. Als einziges aus Nordrhein-Westfalen tritt das Dorf bei der „Europameisterschaft” der Dörfer an und greift nach dem europäischen Dorferneuerungspreis 2010. Die Jury wollte sich das Dorf an diesem Mittwoch ansehen, die Entscheidung soll am 7. Juli fallen.

Die Konkurrenz: 30 Dörfer aus elf Ländern, davon elf aus Deutschland. Fast alle wettkampferprobt und ebenfalls Siegertypen. Für Scheidt erhöht das nur den Reiz: „Wer spielt nicht gern in der Champions-League.” Erfahrungsgemäß sind die Österreicher stark. Im Rennen ist etwa das Urlaubsörtchen Virgen am Großvenediger. Aber Schönsein allein reicht nicht. Die Bewohner müssen mit „Herz und Hirn” Dorf und Leben gestalten.

„Empirische Untersuchungen belegen, dass Dörfer in Regionen mit Abwanderungsbewegungen sich so gegen den Trend entwickeln”, erklärt die Projektleiterin der europäischen Arbeitsgemeinschaft für Landentwicklung und Dorferneuerung (Wien), Theres Friewald-Hofbauer.

Der ganze Stolz des Dorfes mit gut 1300 Einwohnern ist die „Tenne”, ein Festhaus für die Bürger, genau genommen für die Vereine. Aber da statistisch jeder Bewohner in einem der 14 Vereine ist, kann man getrost von Bürgern sprechen. Eine Million Euro sollte die kosten. Eigentlich eine Nummer zu groß für das Dorf. Vier Vereine zogen das Projekt durch, steckten die Eicherscheider mit ihrer Begeisterung an und die stiegen voll ein: Sie leisteten 20.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden.

„Wir haben keine Firma gebraucht”, erzählt Wilfried Huppertz. Er ist Architekt und plante das Gebäude - natürlich auch kostenlos. Samstags standen nicht selten an die 50 Mann auf dem Bauplatz, um zu helfen. „Wenn so was Tolles entsteht, wollen doch alle dabei sein.”

Alle wussten, dass das klappt. Sie hatten Erfahrung. Das Pfarrheim hatten sie ja schon gebaut, die Reithalle und das Sportheim. Später kam noch der Kunstrasen-Sportplatz dazu mit noch mal 6000 Arbeitsstunden. Mittlerweile ist im Ort soviel los, dass die Jugendlichen am Wochenende nicht mehr in die Stadt fahren wollen.

Das Dorf kriegt so ziemlich alles hin, was im „strukturschwachen Gebiet” nicht geht. Dazu gehört auch der Genossenschaftladen, mit Dorfbewohnern als Anteilseigner. Die Vereine haben bei der Marktregulierung etwas nachgeholfen. „Die haben gesagt, wenn Eure Preise nicht 10 Prozent höher sind als anderswo, dann kommen wir einkaufen.” Mittlerweile spielt das aber keine Rolle mehr. Jeder geht hin. Die Genossenschaft denkt sogar darüber nach in zwei anderen Dörfern zu investieren.

Als die Familie Schmidt aus Berlin kam, hatte sie noch nie Schnee geschippt. Die Nachbarn rückten beim späten Aprilschnee sofort mit den Schippen an. Dann gab es das erste Straßenfest und irgendwann gingen die Schmidts in die Vereine: Reitverein, Sportverein, Freiwillige Feuerwehr. „Ohne geht nicht”, sagt die Kerstin Schmidt (32). „Der Umzug nach Eicherscheid ist das beste, was uns passieren konnte.”

Der Europäische Dorferneuerungspreis

Der undotierte Preis wird alle zwei Jahre von der europäischen Arbeitsgemeinschaft (ARGE) Landentwicklung und Dorferneuerung (Wien) vergeben. Neben der äußeren Erscheinung werden „innere” Qualitäten wie soziale Einrichtungen, Auseinandersetzung mit Ökologie, Siedlungsentwicklung und Energieversorgung bewertet. Chancen haben nur Konzepte, die von der Bevölkerung getragen werden. Der Verein ARGE ist ein Zusammenschluss von Regierungsvertretern, Wissenschaftlern und Dorferneuerungsexperten. Er will den ländlichen Raum stärken und die Entwicklung lebensfähiger Dörfer unterstützen.