Ein 75 Jahre altes Tagebuch (Teil 2): „Die Partei verbrennt alle Fahnen“

Ein 75 Jahre altes Tagebuch (Teil 2) : „Die Partei verbrennt alle Fahnen“

Vor 75 Jahren hat Elisabeth Bergs die letzten Tage des Krieges im Monschauer Land in ihrem Tagebuch dokumentiert.

4.9. 1944 Heute wird das Alumnat in ein Lazarett umgewandelt. Die Bevölkerung soll Bettwäsche zur Verfügung stellen. Else Müller (Cousine) wird vom Roten Kreuz als Helferin dienstverpflichtet.

5.9. bis 10.9. 1944 Alles ist in größter Aufregung und bespricht Pläne, was geschehen soll, wenn der Amerikaner näher rückt. Die Artillerie hört man nicht mehr. Am 8. September bringen wir Großmutter (85 Jahre alt) im Hospital unter. Am 10. September wandert Familie Rudi Schnitzler nach Widdau. Wir versprechen, bald nachzukommen.

11.9. 1944 Familien Metz und Meesters wandern ebenfalls nach Widdau. Wir können uns jedoch nicht entschließen. Nachmittags bringt Tante Julchen die aufregende Nachricht von der nahe bevorstehenden Räumung. Auf den Parteibüros liegen die fertigen Marschbefehle. Die Partei verbrennt öffentlich an der evangelischen Kirche alle Hakenkreuzfahnen.

12.9. 1944 Morgens 6.40 Uhr wird durch Ausschellen die Räumung der Stadt bis 9 Uhr durch die Partei angeordnet. Um 7.30 Uhr werden die Marschbefehle zugestellt. Brammertz verkaufen markenfrei drei Zentner Butter. Wir bekommen 4 Pfund. Die nötigsten Habseligkeiten – auf einen Wagen geladen – ziehen wir mit Familie Müller und Tante Grete gegen 8 Uhr schweren Herzens zum Bunker auf dem Burgau. Hier herrscht eine beängstigende Fülle. Fast am äussersten Rand finden wir Platz. An Luft (kalt und feucht) und dämmriges Licht muss man sich gewöhnen. Abends wird für jeden, so gut es geht, eine Lagerstätte bereitet.

13.9. 1944 Nach einem sehr unruhigen Schlaf – das harte Lager und die empfindliche Kälte stören sehr – ist endlich die erste Nacht im Bunker vorbei. Wir freuen uns, morgens gegen 8 Uhr einmal ins Freie zu kommen. Else verträgt die feuchte und kalte Luft des Bunkers nicht. Nachmittags ziehen Müllers mit ihrem Hab und Gut in die Krypta der Aukirche. Unser Vorhaben, dasselbe zu tun, verwerfen wir wieder. Gretel und Hilde schicken aus Widdau 3 mal Bescheid, dass man uns dort erwartet. Marita trifft beim Broteinkauf Hilde persönlich. Doch wir entschließen uns trotz der wiederholten Bitten, im Bunker zu bleiben.

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