Monschau: Die Mehrheit der Schüler sagt „Ja“ zum Sitzenbleiben

Monschau: Die Mehrheit der Schüler sagt „Ja“ zum Sitzenbleiben

77 Prozent des St-Michael-Gymnasiums sagen „Ja“ — „Ja“ zum Sitzenbleiben. Angeregt durch verschiedene politische Diskussionen zum Thema „Sitzenbleiben“, wie beispielsweise im vergangenen Jahr im Wahlkampf in Niedersachsen, ließ Schulleiter Dr. Lothar Stresius eine Umfrage an seiner Schule durchführen. Schülersprecher Jil Moeris und Sascha Huppertz legten damit unmittelbar los, und jetzt liegen die Ergebnisse auf dem Tisch.

Von 694 befragten Schüler sind sich 533 einig — Sitzenbleiben ist ein Muss. „Ich bin überrascht, dass sich so viele gegen eine Abschaffung entschieden haben. Das sagt eine Menge über das Leistungsbewusstsein unserer Schüler aus“, stellt Schulleiter Dr. Lothar Stresius fest.

Besonders in der Oberstufe herrsche eine fest etablierte Meinung, denn sowohl die Schüler in der Einführungsphase (Klasse 10), sowie in der Qualifikationsphase 1 (Klasse 11), entscheiden sich zu 90 Prozent gegen die Abschaffung von Sitzenbleiben. Auch das beeindruckt den Schulleiter. Man merke, dass ein höheres Verantwortungsbewusstsein vorhanden sei.

Mehrheitlich gegen die Abschaffung haben auch die Klassen fünf bis neun abgestimmt, jedoch gab es hier einige größere Abweichungen. Waren es in der Oberstufe lediglich 19 Schüler, die eine Abschaffung befürworten, so sind es in der Unterstufe schon 43 (22 Prozent) und in der Mittelstufe 94 Schüler (32 Prozent).

Bei der Befragung von vier jungen Schülern, die momentan die Klasse acht besuchen (also der Mittelstufe angehören), werden so einige Hintergründe deutlich. Alle vier Schüler können noch nicht sicher sein, ob sie versetzt werden, und rechnen damit, die Klasse wiederholen zu müssen. Drei davon sind der Meinung: „Das ist vertane Zeit!“ Es handele sich bei jedem nur um ein Fach, in dem kein Ausgleich zur Note „Fünf“ vorhanden sei. Und dafür ein ganzes Jahr wiederholen?

Das sehen die Schüler nicht ein. Hier bemerkt der momentan unterrichtende Lehrer, dass es sich bei dem Schüler doch eher um ein Leistungsproblem handle. Dem stimmt auch der Schulleiter zu: „In den meisten Fällen scheitert es nicht an der Intelligenz“. Der vierte Schüler, welcher aus der Parallelklasse der anderen drei kommt, sieht die Lage etwas anders. Bei ihm ist es schon fast sicher, dass er nicht in die Klasse neun versetzt wird — er wird sitzenbleiben. Doch er steht dem Ganzen positiv gegenüber. Sitzenbleiben fände er eigentlich gut, denn dann habe man nochmal Zeit, den Stoff nachzuholen. Die Möglichkeit, nach der achten Klasse auf die Realschule zu wechseln, stellt für ihn keine Option dar, denn das Abitur hat er als Ziel noch fest im Blick.

Im Anschluss entsteht eine lebhafte Diskussion in der Klasse, als Schulleiter Dr. Stresius die Frage in den Raum wirft: „Handelt es sich beim Sitzenbleiben um ein Geschlechterproblem?“ Laute Ja-Rufe hallen da — insbesondere von den Mädchen der Klasse — zurück. Mädchen seien fleißiger und ordentlicher. Ohne viel Widerstand sagen da die Jungs der Klasse nur: „Wir haben einfach mehr Hobbys.“ Und auf die Reaktion „Das sind alles nur Gerüchte“, ruft ein Mädchen lachend zu dem Jungen zurück: „Guck dir doch mal dein Heft an.“ Auch Dr. Stresius gesteht, dass tatsächlich mehr Jungen dem Sitzenbleiben „zum Opfer fallen“.

Die Gründe, warum sich in der Unterstufe viele für eine Abschaffung entschieden haben, seien oft auf das soziale Umfeld bezogen, erklärt die Schülersprecherin Jil Moeris. Bei einer Befragung ergab sich, dass viele sich vor Mobbing und Hänselei fürchten, nicht aus ihrem Freundeskreis gerissen werden möchten oder einfach nicht der/die Älteste in der Klasse sein möchten.

Doch sowohl Jil Moeris, als auch Sascha Huppertz sind sich in ihrer Meinung bezüglich dieses brisanten Themas einig und entscheiden sich gegen die Abschaffung: „Das Niveau in der Klasse würde immer mehr sinken und gute Schüler könnten nicht mehr gefördert werden“, erklärt Sascha seinen Standpunkt. Jil findet es ein „Unding“, dass nur, weil der Staat nicht genügend Geld habe, an Bildung gespart werden soll. Denn das Sitzenbleiben koste den Staat im Jahr eine Menge Geld.

Folge der Leistungsgesellschaft

Auch der Schulleiter wirft ein ähnliches Meinungsbild auf, er spricht sich ebenfalls für ein Beibehalten dieser Regelung aus. „Bei einer Abschaffung wären die Noten ohne Konsequenz.“ So verlieren die Schüler an Motivation und es sei plötzlich egal, ob man drei Fünfen auf dem Zeugnis habe. „Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Und wenn wir den Normen Standards setzen, dann müssen wir auch die Konsequenzen in Kauf nehmen und erkennen, wann die Latte vielleicht zu hoch ist.“

Umso mehr freut es Dr. Stresius, dass ein Großteil der Schüler, und in der Oberstufe fast alle, ein solches Leistungsbewusstsein besitzen. Auch wenn er der Überzeugung ist, dass die Motivation, die von innen kommt, besser ist als der Druck von außen, glaubt er, dass manche Schüler auch ab und zu auf diesen Druck angewiesen seien.

Auf die Frage, ob denn Sitzenbleiben überhaupt Erfolge bei Schülern erziele, hat der Schulleiter eine gespaltene Meinung. Denn einerseits gebe es positive, andererseits aber auch negative Erfahrungen. Voraussetzung für einen Lerneffekt sei, das Sitzenbleiben als Chance zu begreifen, „sonst ist es nutzlos“. so Dr. Stresius.

Ob diese Diskussion sich in Nordrhein-Westfalen noch verstärkt, wird sich in der kommenden Zeit zeigen. Dr. Stresius glaubt jedoch nicht, dass es in NRW zu einer Abschaffung kommen werde, ein Prophet sei er aber auch nicht.

Mehr von Aachener Zeitung