Engagement von Ulrike Call : Die Eifel hilft jungen Müttern in Marokko

Engagement von Ulrike Call : Die Eifel hilft jungen Müttern in Marokko

Über 12 Millionen Touristen und Besucher im Jahr 2018, neue Rekorde und ein neuer Höchstwert – eine Steigerung um 8,5 Prozent zum Vorjahr. 1995 waren es noch 2,5 Millionen, 2013 erstmals über 10 Millionen Touristen. Der wichtige Wirtschaftszweig Tourismus boomt in Marokko.

Das ist die eine Seite. Hohe Arbeitslosigkeit, Armut, Unterernährung und Hunger (1,4 Millionen der rund 36 Millionen Einwohner hungern) sowie Missbrauch und mangelnde Aufklärung auf der anderen Seite. Ein Zustand, den die Konzenerin Ulrike Call so nicht hinnehmen möchte.

Die 54-Jährige hat vor vielen Jahren ihre Liebe zu ihrer „zweiten Heimat“ entdeckt, bereist dieses Land seit rund 30 Jahren und war schon rund 70 Mal dort. Neben ihrer Tätigkeit als Reiseführerin in Marokko, liegt es ihr aber vor allem am Herzen, soziale Projekte vor Ort zu unterstützen. „Denn in Marokko gibt es keine Mittelschicht, es gibt nur arm oder reich.“ „Viele junge Frauen und auch schon Mädchen in Marokko werden schwanger, bevor sie verheiratet sind, was unter anderem auf mangelnde Aufklärung zurückzuführen ist. Dann gelten sie als ‚verloren’, so dass es für sie schwierig wird, wieder richtig Fuß zu fassen“, erklärt Call. Ein beträchtlicher Teil würde in der Folgezeit Zuflucht in Kinder- und Jugendheimen suchen.

Schon seit längerem unterstützt sie das Mutter-Kind-Projekt „Association Ahddane“, das von der Marokkanerin Mahjouba Edbouche ins Leben gerufen wurde und durch die Annäherung an das Tabuthema Not der Frauen für eine regelrechte Revolution im Land sorgte. „Das wichtigste Ziel besteht darin, alleinerziehenden Müttern Zuflucht und Schutz zu bieten. Die ledigen Mütter sollen unterstützt werden und die Möglichkeit bekommen, ihre Rechte durchzusetzen“, so Call. Denn auf der einen Seite gebe es eine nicht zu tolerierende Ignoranz der islamischen Gesellschaft gegenüber dem Leid sowie den Rechten der Kinder und ihrer Mütter, zum anderen sei der Weg für Mutter und Tochter zurück in ein normales Leben durch das Abrutschen in Armut, Kriminalität und Ausbeutung kaum möglich.

Bereits viele Spenden verteilt

Sie habe bereits seit vielen Jahren immer wieder Kleidung, Süßigkeiten oder Schulhefte in Marokko verteilt – ob am Flughafen, in Hotels oder in den Bergen. „Ich wollte die Spenden aber zentriert abgeben und bin dann im Internet auf die Association Ahddane aufmerksam geworden“, sagt Ulrike Call. Beruflich arbeitet die 54-Jährige passenderweise ebenfalls im Tourismussektor. Sie ist beschäftigt beim Rureifel-Tourismus in Heimbach. Dort organisiert sie Gruppenpauschalen und Buchungen, bietet monatlich mehrere Führungen im Hohen Venn sowie im Nationalpark Eifel an und leitet auch Radtouren. „Ich kann Geschichten über die schöne Eifel erzählen und hatte sozusagen das Glück, mein Hobby zum Beruf machen zu können“, sagt die diplomierte Natur- und Landschaftsführerin. Aktuell sind ebenfalls Biber-, Wildkatzen- und Kräuterführungen im Programm.

Kinderkrippe eingerichtet

„Damit zunächst die Kinder sicher versorgt sind, hat die soziale Einrichtung Ahddane eine Säuglings- und Kinderkrippe eingerichtet, in der sich derzeit 26 Kinder von Geburt an bis zu sieben Jahren befinden“, schildert die 54-Jährige die Situation vor Ort. Mit der Unterstützung von Ahddane hätten die Mütter die Möglichkeit, ihre soziale Situation zu stabilisieren, um ihr Kind danach selbst zu versorgen. Es sei in Marokko auch keine Ausnahme, dass „ärmere Familien ihre Töchter an besser gestellte Familien in der Stadt verkaufen“. Dort komme es im schlimmsten Fall zu Missbrauch und sogar Vergewaltigungen, und ein normales Leben sei kaum noch vorstellbar. Ungewollte Schwangerschaften würden ohne Unterstützung zunächst kaschiert, bevor später Abtreibung, Selbstmord, Kindstötung oder das Aussetzen der Neugeborenen drohten. „Und ohne die Anerkennung seitens des Vaters hat ein Kind nach dem Gesetz keine Identität und erhält keine Papiere“, weiß Call.

Durch die soziale Einrichtung sollen Resozialisierung, bessere Berufsbildung sowie ein stärkeres Selbstvertrauen von ledigen Müttern erreicht werden, damit diese ihren Kindern ein stabiles Umfeld bieten können. „Konkret unterstützt Ahddane beispielsweise bei der Beratung während der Schwangerschaft, der Suche nach Wohnmöglichkeiten und Bezahlung der Miete, der Versorgung mit Kleidung und Lebensmitteln, der Suche nach Arbeit oder auch in vielen juristischen und allgemeinen Rechtsfragen“, erläutert Call. So konnten im Jahr 2017 durch die Organisation Ahddane 99 junge Frauen betreut werden, von denen 19 mit ihren Kindern in die eigene Familie zurückkehrten.

„Mir liegt es sehr am Herzen, die Situation vor Ort zu verbessern“, sagt sie. „Auf verschiedenen Veranstaltungen verkaufe ich unter anderem marokkanische Kosmetik, Arganöl, Arganseife, Seifenschälchen sowie Gewürze und Holzdöschen, um das Projekt mit dem Erlös finanziell zu unterstützen“, so Call. Erst im Januar hat sie während ihrer letzten Reise rund 60 Kilo Kleidung für Frauen und Kinder sowie 400 Euro überbracht. „Sowohl durch Geld-, als auch durch Sachspenden, die eins zu eins in das Projekt fließen, kann dieses auch von hier aus unterstützt werden“, so dass das „große Ziel“ irgendwann einmal erreicht wird: „Mahjouba Edbouche möchte zu ihrer Lebzeit noch ein Haus bauen, in dem alle Kinder mit solchen Schicksalen gemeinsam leben können, und dazu möchte ich auch einen Teil beitragen.“

Nächste Reise im Oktober

Die nächsten Reisen nach Nordafrika sind bereits geplant. Vom 18. bis zum 27. Oktober reist Call mit einer Gruppe nach Marokko, um dieser ihre zweite Heimat zu präsentieren. „Dann werde ich wieder eine Spende an mein Mutter-Kind-Projekt übergeben und hoffe bis dahin natürlich auf weitere Unterstützung.“ Auch Abstecher in die beliebten Tourismus-Magneten, die Hafenstadt Essaouira sowie nach Marrakesch im Südwesten (Rote Stadt, Perle des Südens) wird es sicherlich geben (siehe Infobox). „Man muss auf keinen Fall Angst vor einer Reise nach Marokko haben. Die wichtigsten Voraussetzungen sind Neugier, Vertrauen, Spontanität und Offenheit für eine neue Kultur und Lebensweise.“

Wie sie vor mittlerweile rund drei Jahrzehnten ausgerechnet auf Marokko gekommen sei, weiß sie heute gar nicht mehr so genau. Aber eines weiß sie: „In Marokko fühlt sich einfach alles anders an. Die warmen Farben, das angenehme Licht, die Offenheit der Menschen und auch die Lebenseinstellung der Menschen dort.“ Manchmal sei sie einmal im Jahr in Marokko, es können aber auch schon mal vier Reisen im Jahr sein“, erzählt sie schmunzelnd. Sie habe auch die Winterzeit schon in Marokko verbracht und war dann schon mal gerne drei Monate am Stück am Atlantischen Ozean. „Für mich sind auch die Touren als Reiseführerin wie ein Urlaub in Marokko. Denn es macht mir Spaß, fließt so aus mir raus und ist für mich keine große Anstrengung“, spürt sie bereits eine Vorfreude auf die nächste Reise und fügt lachend hinzu: „Ich zähle schon die Tage runter, aber leider sind es noch rund 140 bis zum nächsten Marokko-Besuch.“

Lebensabend in Marokko?

Ende März oder Anfang April 2020 steht dann eine Frauenreise mit vielen Höhepunkten auf dem Programm. „Aber auch danach habe ich noch eine Küstenreise, eine Hohe-Atlas-Reise sowie eine Nationalpark-Reise in Marokko geplant“, gibt Call schmunzelnd bereits einen Einblick in ihre Zukunftsvisionen. Ob sie sich auch in Zukunft einen Daueraufenthalt an der Atlantik-Küste vorstellen kann? „Ich kann mir schon durchaus vorstellen, in Marokko zu leben und meinen Lebensabend dort zu verbringen. Doch wer weiß, was die Zukunft bringt, denn auch die politische Situation vor Ort muss natürlich stabil bleiben.“

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