Benedikt und Konrad Schöller rezitieren „Heldengeschichten aus Schmidt“

„Heldengeschichten aus Schmidt“ : „Herr Regierungspräsident, ich verteidige meine Heimat“

Bei ihren Lesungen mit dem Titel „Heldengeschichten aus Schmidt“ geben Benedikt und Konrad Schöller authentische Episoden aus dem rheinisch-Monschäuer Grenzbezirk zum Besten.

Schauplatz der Geschehnisse ist das Dörfchen Schmidt in der Eifel, welches an der Nahtstelle der Territorien ehemals bedeutender Adelsgeschlechter liegt: Im Westen die Grafschaft Monschau-Falkenburg, im Osten das Reich der Herzöge von Jülich.

In früherer Zeit bildete das waldreiche Terrain einen beliebten Zankapfel für Grenzstreitigkeiten, beispielsweise wenn sich die Mastschweine aus dem Jülicher Land unerlaubt in den Monschauer Forsten gütlich taten. Für Konrad Schöller gab es nicht nur damals verzwickte Situationen. Problematisch erscheint ihm bis heute das direkte Aufeinandertreffen unterschiedlicher Mentalitäten: „Während sich der rheinisch Gesinnte über jede Form von Abwechslung freut, begegnet der klassische Monschäuer Fremden gegenüber eher zurückhaltend. Wo sich Monschäuer Gepflogenheiten und rheinische Lebensart ein Stelldichein geben, kann unversehens ein Klimawandel besonderer Art drohen.“

Besonders brisant erscheinen Schöller senior Situationen, in denen sich Einheimische und Fremdlinge zu nahe auf die Pelle rücken. Exakt um solche Begebenheiten geht es bei den „Heldengeschichten aus Schmidt“. Vater Konrad und Geschichtslehrer Benedikt Schöller haben Anekdoten aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen, zurückreichend bis in die Anfänge des 18. Jahrhunderts. Schöller junior erklärt das spezielle Vortragsformat: „Es wurde alles gründlich recherchiert. Damit der Unterhaltungsfaktor nicht zu kurz kommt, haben wir Etliches in Gedichtform abgefasst; ausnahmslos Begebenheiten, die sich tatsächlich so zugetragen haben. Selbst wenn manches eher an eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht erinnert.“

1721 begibt sich der Generalvikar des Erzbistums Köln auf Visitationsreise in die Eifel. Resignierend vermerkt er danach in seinem Notizbuch: „Die Schmidter Pfarrkinder erweisen sich als unbelehrbar, sie sprechen abergläubische Segensformeln über Wunden und krankes Vieh.“ Ende des 18. Jahrhunderts praktiziert eine zugereiste Witwe im Dorf ähnliche Quacksalbereien. Einheimische Medizinmänner wittern Konkurrenz und jagen sie von dannen. Nicht einmal ernst gemeinte Heiratsabsichten eines ortsansässigen Bauern können die Ausweisung der Witwe verhindern.

Kein Pardon mit französischen Steuereintreibern kennen im Jahre 1813 Aufrührer aus dem Munizipalrat der Bürgermeisterei Schmidt. Unter Führung ihres Vorsitzenden, des „Kosaken von Zerkall“ erzwingt eine Handvoll Revoluzzer gewaltsam die Rückgabe gezahlter Schmidter Kriegssteuern. Die aufgebrachte Meute erringt einen Pyrrhussieg; die Don-Kosaken hatten Vater Rhein noch gar nicht überquert.

Im 20. Jahrhundert bevorzugt ein hoch dekoriertes „Fliegerass“ aus Ostpreußen ein Eremitendasein in verwunschenen Schmidter Waldungen. Das Schmidter Reizklima bewirkt Erstaunliches. Geläutert vom Vernichtungskrieg im Osten vollzieht der Ritterkreuzträger eine bemerkenswerte Wandlung zu einem „Kreuzritter der Nächstenliebe“ und begründet seine eigene Lebensphilosophie, die „Homokratie“. Eine großartige Karriere als Landrat ist einem linientreuen Juristen während der NS-Zeit im Altkreis Schleiden beschieden. Nach überstandener Entnazifizierung zieht es ihn in Schmidter Gefilde. Hoch über dem Rursee thronend revolutioniert der dem edlen Waidwerk Frönende das Wanderwesen „Preußisch-Sibiriens“, bevor er hochbetagt selber Einzug in die ewigen Jagdgründe hält.

Noch zu Lebzeiten wird einem aus Öcher Landen zugereisten Geistlichen sogar die Schmidter Ehrenbürgerwürde verliehen; ein bislang einmaliger Vorgang. Als predigender „Kaffeeschmuggel-Pastor“ hatte der Gottesmann das Kirchenvolk in rekordverdächtiger Manier zum Wiederaufbau der Mokka-Kirche angetrieben. Nicht so recht ins Bild passen will seine Selbstbezichtigung als „reinster Hinterwäldler“. Eskapaden eines Geistlichen vom Niederrhein bringen im 21. Jahrhundert den Schmidter Kirchenvorstand bundesweit in Verruf. Nachdem sich die unfreiwillig in die Diaspora Verfrachteten erfolgreich zur Wehr setzen, bleibt dem kirchlichen Oberhirten nur eine hochnotpeinliche Entschuldigung für denkwürdiges Gebaren eines übereifrigen Vasallen.

Aller guten Dinge sind drei, aber nicht, wenn die Beschaulichkeit der Heimat auf dem Spiel steht. Nationalpark plus Pumpspeicherkraftwerk plus Kletterwald erscheinen traditionsbewussten Heimatfreunden als des Guten zu viel. Insbesondere wenn das Schmidter „Allerheiligste“, die Halbinsel Eschauel, auf dem Spiel steht. Eine sich rasch bildende Bürgerwehr bläst zur Generalmobilmachung. Der Kosak von Zerkall lässt grüßen. Potentiellen Pumpspeicherkraftwerks- und Kletterwaldbetreibern wird mit großem Getöse erfolgreich der Garaus gemacht. Nationalpark-Fans hingegen behalten Oberwasser. Selbst die eindringliche Warnung eines Schmidter Politikerdenkmals bleibt wirkungslos: „Herr Regierungspräsident, ich verteidige meine Heimat.“ Das nationale Parksystem kontert solche verbalen Attacken gelassen und beschert den Schmidtern die Mär vom „Eschauel-Wolf“, in Gestalt einer Zeitungsente.

In jüngster Zeit lauern Gefahren aus einer ganz anderen Ecke. Beim „Moratorium Hürtgenwald“ stellt ein Kölscher Jung recht verwegen auch Heldensagen im Schmidter Urgestein in Frage. Postwendend erklärt ihn die Monschäuer „Alterskohorte 65plus“ zur persona non grata. Die Bedrohung aus der Domstadt wäre damit gebannt. „Willkommenskultur scheint tatsächlich eine Domäne rheinisch Gesinnter zu sein“, argwöhnt Schöller sen. und lächelt dabei schelmisch.

Für Interessenten an „Heldengeschichten aus Schmidt“ bieten Vater und Sohn Schöller Lesungen in der Pfarrkirche St. Hubertus Schmidt, im privaten Domizil oder in jeder anderen geeigneten Lokalität an. Die Teilnehmerzahl sollte 15 Personen nicht unterschreiten. Termine sind nach Absprache möglich. Detaillierte Auskünfte erteilen bei Benedikt und Konrad Schöller (Regio Oratio), Nideggener Straße 110, 52385 Nideggen-Schmidt, unter Tel. 02474/99180, per E-Mail an schoeller110@t-online.de oder im Netz unter http://www.regio-oratio.com.

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