Bauboom führt zu Problemen

Roetgen ringt um die eigene Identität : Städteplaner diskutieren mit Politik und Verwaltung über Entwicklung des Ortes

Wie viel Stadt verträgt das Land? Wie kann eine florierende Gemeinde ihren dörflichen Charakter bewahren? Und: Will sie das überhaupt? Das sind die Fragen, mit denen sich Städteplaner derzeit in der Eifel beschäftigen. „Im Kern geht es darum, Haltung zu beziehen – sich klar zu werden, wo man überhaupt hin will“, sagt Stefan Krapp, stellvertretender Leiter des Instituts für Städtebau und europäische Urbanistik an der RWTH Aachen.

Der Diplomingenieur war unlängst zu Gast im Bauauschuss der Gemeinde Roetgen, um dem Gremium Testentwürfe von fünf Studentinnen vorzustellen, die sich im Rahmen einer zweisemestrigen Studienarbeit intensiv mit der unteren Hauptstraße in Roetgen befasst haben.

Die Aufgabenstellung an die angehenden Städteplanerinnen lautete: Wie lässt sich die Bebauung zwischen dem Zentrum und dem Ortsausgang Richtung Rott so verdichten, dass die Gemeinde einerseits wachsen kann und andererseits ihren dörflichen Charme nicht völlig verliert? Vor dem Hintergrund des 2016 erarbeiteten Gestaltungsgutachtens haben die Studentinnen zunächst eine Analyse des Ist-Zustandes vorgenommen. Dabei ging es um die Wahrnehmung der Gebäudehöhen – ein in Roetgen viel diskutiertes Thema – und die Topografie der Landschaft. „Das ist keine klassische Herangehensweise. Tatsächlich ging es uns nicht um die tatsächliche, sondern die gefühlte Höhe“, sagt der Stadtplaner.

Dabei spielten viele Faktoren eine Rolle: Stehen Häuser eher erhöht oder in einer Senke? Gibt es Bäume oder Hecken? Bleibt Raum für Sichtschneisen in die umliegende Natur? Wie wirkt die Silhouette der Gebäude im Verhältnis zum Kirchturm? Ein Fazit der Arbeit: „An einigen Stellen könnten noch viele Grundstücksflächen bebaut werden, an anderen ist Vorsicht angesagt.“ Dabei ermutigen die
RWTH-Experten Politik und Verwaltung auch zu eher unkonventionellen Bebauungsvarianten. „Man könnte zum Beispiel an manchen Stellen durchaus in die zweite Reihe gehen und Baugrundstücke wie eine Hofanlage erschließen“, sagt Krapp. In animierten Fotos der Hauptstraße demonstriert er, wie unterschiedlich dominant ein Gebäude wirken kann, wenn es zum Beispiel lediglich leicht zurückversetzt geplant wird und zur Straße hin von einer klassischen Buchenhecke eingerahmt wird.

Denkanstöße liefern

Viel mehr als ein Denkanstoß will und kann diese Arbeit jedoch nicht sein, betont der RWTH-Experte. „Diese Ergebnisse sind mit Vorsicht zu genießen. Eine Profi würde sicher noch einmal ganz anders an das Thema herangehen“, sagt Krapp. „Wir wollten eine Diskussion anzetteln. Es geht darum, eine Vorstellung davon zu entwickeln, was ein Bebauungsplan im schlimmsten Fall an Bebauung zulässt. Hier fehlt vielen Entscheidern oft die Fantasie.“ Diesen „Worst Case“ sieht der Städteplaner an manchen Stellen im Gemeindegebiet bereits eingetreten. Man finde in Roetgen eine „übergroße Vielfalt an unterschiedlichsten Baustilen“, vom Schwarzwaldhäuschen bis zur Toskanavilla. „Politik und Verwaltung müssen da Pflöcke einschlagen und gewisse Entwicklungen von vorneherein ausschließen, was in Roetgen in den 90er Jahren leider nicht geschehen ist.“

In Roetgen rennen die Stadtplaner damit im Prinzip offene Türen ein, wie Dirk Meyer, Leiter der Bauverwaltung, betont. „Wir arbeiten in sensiblen Bereichen mittlerweile schon so, wie es die Experten fordern: Wir lassen 3D-Modelle erstellen und beurteilen anhand dessen die Wirkung der späteren Bebauung.“ Dies sei etwa bei dem Baugebiet Greppstraße geschehen. Es habe sich nämlich leider gezeigt, dass sich weder Bauherren noch ihre Architekten an freiwillige Empfehlungen, wie sie Mitte der 90er Jahre herausgegeben worden seien, halten würden.

Ergebnis einer Studienarbeit: Im Bauausschuss der Gemeinde Roetgen präsentierte die RWTH ein Modell von Teilbereichen der unteren Hauptstraße. Foto: Marco Rose

„Es geht hier darum, wie unser Ort in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird – da muss jede Vorgabe im Bebauungsplan genau geprüft werden, um Überraschungen auszuschließen“, sagt Meyer. Als Beispiel für einen besonders sensiblen Bereich nennt der Amtsleiter die künftige Bebauung im Rotter Brunnenweg und dem Hahnbruch. Oder die Hauptstraße linkerhand am Ortausgang Richtung Rott: „Es wäre eine Schande, wenn man dort bauen würde.“ Der RWTH-Experte Krapp sieht letztlich die Politik in der Pflicht, in Zukunft ganz genau hinzusehen, bevor Bebauungspläne verabschiedet werden: „Es gibt Bereiche, die nicht so sensibel sind und Investoren viele Freiheiten erlauben. An anderen Stellen müssen wir aber sehr genau hinsehen.“ Letztendlich sei Planung aber auch eine Kostenfrage, denn virtuelle 3D-Simulationen seien nicht günstig und würden von den Entscheidern daher bisweilen zurückhaltend eingesetzt.

„Im Prinzip geht es bei diesen Zukunftsentscheidungen um die Identität des Ortes. Das ist eine ganz spannende Frage, die man ganz unterschiedlich beantworten kann, wie man in Simmerath sieht, wo eine ganz andere Strategie verfolgt wird“, meint Meyer.

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