Monschau: Ausstellung in der Galerie Beumers dokumentiert Christo-Projekt von 1971

Monschau: Ausstellung in der Galerie Beumers dokumentiert Christo-Projekt von 1971

„Wenn dat Kunst ist, dann bin ich jeck“, ereiferte sich eine Monschauer Bürgerin, als im Herbst 1971 Mitglieder des Kunstkreises Monschau, Kräfte des Monschauer Bauhofes und freiwillige Helfer damit begannen, den Haller und die Burg mit riesigen Bahnen aus Polypropylen-Folie zu umhüllen und den berühmten Rurblick von der evangelischen Brücke aus ebenfalls mit einem gewaltigem Stück Kunststoff-Folie versperrten.

Der damals schon recht populäre, aber durchweg noch unbekannte bulgarische Verhüllungskünstler Christo war für ein Projekt im kleinen Provinzstädtchen Monschau gewonnen worden. Mit seiner spektakulären Aktion vom Herbst 1971 löste er eine Welle von Kontroversen und heißen Diskussionen aus. Die moderne Kunst machte Monschau zu dieser Zeit berühmt, aber die Bevölkerung war aufgewühlt, zerstritten und überfordert. Die Stadt befand sich in einer Art Ausnahmezustand. Christo ist heute unbestritten einer der größten Künstler der Gegenwart, und in Monschaus ist die Ablehnung von damals längst in Sympathie und Stolz umgeschlagen.

Carla Giessing von der Galerie Beumers im Tuchschererhaus in Monschau hat die Christo-Ausstellung gekonnt arrangiert. Foto: P. Stollenwerk

Was vor knapp einem halben Jahrhundert die Präsentation zeitgenössischer Kunst im öffentlichem Raum in Monschau auslöste, kann kaum einer besser schildern als der Monschauer Journalist Kaspar Vallot. Der heute 92-jährige Kunstliebhaber gerät immer noch in einen leidenschaftlichen und detailbesessenen Erzählfluss, wenn er sich an jene Jahre erinnert, in denen Monschau mit an der Geschichte der Kunst schrieb.

Kaspar Vallot gehörte damals dem Kunstkreis Monschau an, der es sich zur Aufgabe gestellt hatte, die Menschen mit zeitgenössischer Kunst zu konfrontieren. Das Christo-Projekt war die mit Abstand herausragendste, zugleich aber auch schon die letzte Präsentation des engagierten Zusammenschlusses. Weil Christos Verhüllungsaktion in Monschau auch heute noch ein streitbares Thema ist, hat Kaspar Vallot Fotos, Dokumente und Objekte aus seinem Besitz für eine Ausstellung zur Verfügung gestellt.

Der Kunstkreis Monschau, dem übrigens nur eine gut vierjährige Existenz vergönnt war, wurde im Jahr 1968, also vor 50 Jahren, gegründet. „Ich möchte diese Zeit noch einmal in Erinnerung rufen“, begründet Kaspar Vallot seine Motivation für die Ausstellung. Der Kunstkreis Monschau orientierte sich zunächst ganz am traditionellen Ausstellungsbetrieb und präsentierte regionale, gegenständliche Kunst. Da aber zu dieser Zeit die Kunstwelt von der amerikanischen Pop-Art geradezu überrollt wurde, startete auch der Kunstkreis Monschau auf Vallots Drängen hin einen Kurswechsel. Unterstützung fand er bei Bürgermeister Herbert Isaac, dem Vorsitzenden des Kunstkreises. Die Ausstellung einer jungen Künstlergruppe aus dem Ruhrgebiet im Monschauer Haus Wiesenthal war der vorsichtige Beginn der Kehrtwende. Eine Bürgerversammlung im Haus Troistorff sprach sich zudem einstimmig für die Bildung eines Arbeitsausschusses aus, um die neue Konzeption zu beleben.

Ratlosigkeit und Irritation

Kaspar Vallot nutzte den Kontakt zu seinem Journalisten-Kollegen Klaus Honnef, dem damaligen Ressortchef Kultur bei den Aachener Nachrichten. Honnef hatte in Aachen 1968 das Zentrum für aktuelle Kunst namens „Gegenverkehr“ ins Leben gerufen. Zwei Jahre später fand dann mit der Ausstellung „Umwelt-Akzente“ der erste große Wurf des Kunstkreises statt. Die Ausstellung „Die Expansion der Kunst“, so der Untertitel, organisierte Honnef im Jahr 1970 (9. Mai bis 21. Juni) im Auftrag des Kunstkreises Monschau.

Es handelte sich dabei um die erste umfassende Ausstellung von Kunst im öffentlichen Raum in Deutschland. 39 Konzeptkünstler setzten ihre Auffassung von moderner Kunst in der beschaulichen Monschauer Altstadt um. Die meisten Menschen aber waren nicht nur damit überfordert, sondern fühlten sich auch regelrecht provoziert, waren ratlos und irritiert. Die Folge: Gleich in der ersten Nacht wurden mehrere Exponate zerstört. „Honorige Monschauer Bürger hatten Jugendliche angezettelt und ihnen dafür einen Kasten Bier versprochen“, erzählt Kaspar Vallot ohne Namen zu nennen, „aber wir hielten die Ausstellung durch“.

Das Medienecho war riesig, und später sollten eine Reihe der „Umwelt-Akzente“-Teilnehmer zu ersten Liga der Aktions- und Konzeptkünstler in Europa gehören.

Der Kunstkreis Monschau legte bereits im Jahr 1971 nach. Dank der Vermittlung von Willi Bongard konnte der Verhüllungskünstler Christo für ein Projekt in Monschau gewonnen werden. Bongard, dessen Vater Hauptlehrer in Monschau war, lebte in Köln und verfügte über Verbindungen in die internationale Kunstszene. 1968 hatte Christo bereits bei der documenta in Kassel ausgestellt; sein zweiter Auftritt in Deutschland sollte in Monschau stattfinden. Im Winter traf Christo zur Ortsbesichtigung ein, ein zweites Mal weilte er zum Ende seiner Aktion, die vom 16. September bis zum 24. Oktober 1971 stattfand, in Monschau. Dass Christo nicht häufiger in Monschau war, lag laut Vallot daran, dass er zeitgleich an seinem Projekt „Valley Curtain“ in Colorado/USA arbeitete.

Christo hatte in Monschau die geeigneten Objekte mit gezieltem Blick ausgesucht, aber die praktische Umsetzung der Verhüllung von Burgfront und Haller stieß auf Widerstände, Hohn und Spott in der Bevölkerung, während der Kunstkreis intensiv damit beschäftigt war, die den Vorstellungen des Künstlers entsprechende Folie zu organisieren. Der umfangreiche Schriftverkehr im Vorfeld der Aktion ist auch Teil der Ausstellung.

„Ist das Kunst?“

30.000 D-Mark an Zuschüssen hatte das Regierungspräsidium dem Kunstkreis Monschau für das Christo-Projekt zugesagt, was die ohnehin schon emotional geführte Diskussion erst recht befeuerte. Alles drehte sich um die Kernfrage: „Ist das Kunst?“ Die deutsche und internationale Presse rückte Monschau in die Schlagzeilen. Die zahlreichen Veröffentlichungen aus dieser Zeit findet man ebenso in der Ausstellung.

Kaum, dass die zeitgenössische Kunst in Monschau Fuß gefasst hatte, kam sie auch schon wieder zum Erliegen. Der Hauptgrund dafür lag, nach Aussage von Kaspar Vallot, in der kommunalen Neugliederung im Jahr 1972, die die politische Eigenständigkeit der einzelnen Orte aufhob. „Die neue Mehrheit im neu gebildeten Monschauer Stadt ließ erkennen, dass es mit dieser Kunst zu Ende sei“, erinnert sich Kaspar Vallot.

Eine dritte, bereits in der Vorplanung befindliche Ausstellung kam nicht mehr zustande. Eine Künstlergruppe aus dem Ruhrgebiet wollte mit Hilfe von riesigen Flakscheinwerfern ein Lichtspektakel in Monschau inszenieren.

Auch wenn der Kunstkreis Monschau nur wenige Jahre existierte, wurde sein kurzes Wirken ausgesprochen intensiv begleitet. Aus diesem reichen Fundus hat Kaspar Vallot für die Ausstellung und die dazugehörige Replik geschöpft. In der Rückbetrachtung lässt Vallot auch durchblicken, dass er damals der zeitgenössischen Kunst gegenüber manchmal eine gewisse Skepsis gezeigt habe, „aber ich war offen für die neuen Strömungen, weil ich wusste: Da läuft was“.