Monschau: Aus dem Irak nach Monschau: Weihnachten im Flüchtlingsheim

Monschau: Aus dem Irak nach Monschau: Weihnachten im Flüchtlingsheim

Als der 18-jährige Ahmed die Geschichte seiner Familie erzählt, laufen seiner Mutter Majida dicke Tränen die Wangen herunter. Die achtköpfige kurdische Familie aus dem Nordirak hat in den vergangenen Monaten viel gesehen und erlebt, bevor sie in der Flüchtlingsunterkunft in Monschau auf der Haag vorübergehend ein neues Zuhause gefunden hat. Nun erleben sie zum ersten Mal die Weihnachtszeit in Deutschland.

Weihnachts- und Neujahrsfeiern kennen Ahmed und seine Familie auch aus dem Irak. „In den letzten zwei Jahren haben wir aber gar nichts mehr gefeiert, dafür haben wir zu viele Menschen sterben gesehen“, sagt Ahmed. Jetzt sind sie dankbar für jede Ablenkung, die ihnen dabei hilft, ihre Erlebnisse für einen Moment zu vergessen. Auch die schönen Eugenblicke in der Weihnachtszeit helfen dabei ein wenig.

13 Tage lang hat ihre Flucht aus dem Irak gedauert und sie durch sieben Länder geführt. Über die Türkei gelangten sie mit einem Lkw nach Bulgarien, nachdem sie Tage und Nächte im Wald verbracht und auf die Abfahrt gewartet hatten. In Serbien mussten sie eine Nacht in einer Polizeistation verbringen. In Slowenien wurden sie mit Bus und Bahn zur österreichischen Grenze gebracht, wo sie aussteigen mussten. „Tausende Menschen warteten dort vor der Grenze. Wir haben von morgens bis abends da gestanden und auf Informationen gewartet“, erzählt Ahmed.

Viele Menschen seien wieder zurückgeschickt worden, die Stimmung sei aggressiver geworden. Der junge Mann berichtet davon, wie Menschen mit Feuer eingekesselt wurden, wie sich seine Familie während ihrer Fußmärsche versteckt hat, wenn Hunde vor den Häusern anschlugen, und wie die jüngsten Familienmitglieder während der Flucht mit Schlaftabletten ruhig gestellt wurden, um die Strapazen für sie erträglicher zu machen. „Das wollen wir alles vergessen. Wir sind jetzt froh, hier zu sein. Hier haben wir ein besseres Leben. Wir schlagen jetzt eine neue Seite unserer Geschichte auf“, sagt Ahmed.

Ahmed ist froh zu sehen, wie hier Weihnachten gefeiert wird. Das kannte er bisher nur aus Filmen. „Das real zu sehen, ist noch mal etwas ganz anderes“, sagt er.

Die Weihnachtszeit bietet der Familie aus dem Irak viele Überraschungen. „Ich wusste gar nicht, dass Wein auch heiß sein kann“, erzählt Ahmed. In Monschau hat er auch zum ersten Mal in seinem Leben eine Waffel gegessen. Vieles ist noch neu und unbekannt, aber auch faszinierend. Für seine jüngeren Geschwister war der Nikolaustag etwas ganz Besonderes. Dass man abends seine Stiefel vor die Tür stellt und sie am nächsten Morgen mit Süßigkeiten gefüllt wieder vorfindet, das hatten sie noch nicht erlebt.

Ahmed und sein zwei Jahre älterer Bruder Rekan lieben die Weihnachtsmärkte, den in Aachen haben sie wöchentlich mehrfach besucht. Sie sind in einer Stadt aufgewachsen und mögen den Trubel, das kennen sie auch aus ihrer Heimat. Gewundert haben sie sich über die Vielfalt und darüber, was man auf einem Weihnachtsmarkt so alles kaufen kann. Die jüngsten in der Familie, Ronya (10), Muhammed (7) und Ruya (6) hätten alles, was da leuchtet, glänzt und duftet, am liebsten gleich ausprobiert. Ahmed gefällt vor allen Dingen die internationale Atmosphäre auf den Weihnachtsmärkten hier im Grenzland. „Da sind dann viele verschiedene Nationen unterwegs, es herrscht eine Offenheit und man fühlt sich nicht mehr so fremd und allein“, sagt er.

Obwohl die meisten Menschen in der Unterkunft auf der Haag keine Christen sind, soll auch dort am Donnerstag Weihnachten gefeiert werden und es soll eine Bescherung für die Kinder geben. „Die meisten erleben hier das Weihnachtsfest zum ersten Mal. Wir denken, dass es wichtig ist, dass unsere Gäste, die vielleicht auch für immer bleiben, merken, dass diese Zeit hier etwas Besonderes ist. Vielleicht springt ja der ein oder andere Funke über“, sagt die Leiterin der Einrichtung, Marianne Bothen-Frehr von der Bezirksregierung.

Der Glaube spiele in der Einrichtung eine untergeordnete Rolle. „Hier ist Menschlichkeit die Basis des Zusammenlebens“, sagt sie. Im Prinzip sei die Unterkunft auf der Haag „ein kleiner Kosmos“, in dem Iraner und Iraker, Marokkaner und Algerier, Pakistaner und Afghanen und Menschen aus Guinea und Ghana Tür an Tür leben. „Das ist wie ein kleines Wunder. Wir können die große Politik nicht ändern, aber wenn es hier gut läuft, dann profitieren alle davon“, sagt Bothen-Frehr.

51 Kinder unter 15 Jahren leben zurzeit auf der Haag. Damit sie alle ein Geschenk bekommen, haben alle in der Unterkunft beschäftigten Mitarbeiter und Helfer gespendet. Die Kinder haben unterdessen für die Dekoration gesorgt und im hauseigenen Kindergarten fleißig gebastelt. „Darunter waren auch christliche Symbole, da stört sich niemand dran“, sagt Bothen-Frehr. Nun schmücken Sterne, Girlanden und bunte Fensterbilder die Scheiben.

Ein Weihnachtsbaum wurde in der großen Aula aufgestellt und einer im Kindergarten, wo auch eine große rote Kugel von der Decke baumelt. Hier wurde Kunstschnee auf die Fenster gesprüht und wurden Sterne aus Pergamentpapier aufgehangen. Der Weihnachtsmann taucht immer wieder auf und Adventskalender für die Kinder gibt es auch. In der Aula soll dann am Donnerstag auch noch eine Krippe aufgestellt werden. „Unsere Tannenbäume sind zwar nicht sensationell, aber mit viel Liebe geschmückt“, sagt Bothen-Frehr.

Ahmeds Familie schöpft inzwischen neue Hoffnung. Die ältesten Söhne wollen hier in Deutschland studieren, die 16-jährige Fatimah würde lieber heute als morgen ganz normal zur Schule gehen. Sie und ihre Mutter machen sich in der Einrichtung nützlich, wo sie können. Die Kinder sprechen die Betreuer schon mit Onkel und Tante an. „Wir fühlen uns hier gut angenommen und aufgehoben. Hier versucht uns jeder zu helfen. Das ist wie ein einer großen Familie“, sagt Vater Abdulqadr.

(ag)
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