Simmerath: Alzheimertage: Gemeinsam gegen das Vergessen

Simmerath: Alzheimertage: Gemeinsam gegen das Vergessen

„Trauer, Angst und Furcht soll etwas Positives gegenüber gestellt werden.“ Das sagte Roger Nießen, allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters der Gemeinde Simmerath, am Samstag zur Eröffnung der Alzheimertage 2015 in der Städteregion Aachen.

„Der Krankheit nicht aus dem Weg gehen“, lautete das Motto seiner Begrüßung. Das Thema Alzheimer werde oft in den Hintergrund gestellt und erst wenn man selber betroffen sei, beschäftigte man sich ausführlicher damit, sagte Nießen.

Fakt ist, dass über 1,2 Millionen Menschen in Deutschland an einer Demenz leiden. Die Alzheimer Krankheit ist dafür die häufigste Ursache. Zu meist tritt sie in höherem Alter auf, aber auch Menschen unter 60 Jahren sind betroffen. Eine wirksame Behandlung ist nicht möglich. Den Betroffenen fällt es schwer, Erinnerungen abzurufen, mit alltäglichen Dingen umzugehen oder sich räumlich und zeitlich zu orientieren. Angehörige sind mit der Situation oftmals überfordert.

Der Film „Honig im Kopf“ hat Roger Nießen tief bewegt. Der Film thematisiert einen an Demenz erkrankten älteren Mann und dessen Verzweiflung über die Auswirkungen auf sich und seine gesamte Familie. Nachdem er den Film gemeinsam mit seinem Sohn gesehen hatte, meinte sein Kind , dass der Film sehr schön war, aber zu traurig, um ihn noch mal anzuschauen. Dies sage etwas über die Angst der Gesellschaft aus, sich mit dem Thema konkret auseinander zu setzen, erklärte Nießen.

Petra Mittenzwei, vom Demenz-Servicezentrum Regio Aachen/Eifel, schloss sich der Aussage an und befürwortete, das Tabu Thema Demenz nicht totzuschweigen: „Aus eigener Erfahrung mit einem an Demenz Erkrankten in der Familie, ist es besser, als Elternteil mit den Kindern darüber zu reden, anstatt dem Gespräch aus dem Weg zu gehen. Ansonsten können Angst und Unverständnis die Folge sein.“

Das Problem sei, dass viele nicht wüssten, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Es falle ihnen schwer, offen darüber sprechen. „Aus diesem Grund bieten die Vorträge, die Informationsstände und Broschüren eine gute Möglichkeit, hilfreiche Informationen über die Krankheit zu erhalten.“

Im Laufe des Tages konnten sich die Besucher bei verschiedenen Vorträgen unter anderem über den familiengerechten Umgang mit den Kranken und über Möglichkeiten der rechtlichen Vorsorge (inklusive Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Betreuungsverfügung) informieren.

An mehreren Stationen konnten die Teilnehmer in die Rolle eines erkrankten Menschen schlüpfen. Gedächtnisspiele demonstrierten zum Beispiel, wie schwer Alzheimer-Patienten alltägliche Dinge fallen, die für gesunde Menschen selbstverständlich erscheinen und kein Hindernis darstellen. Die Reihenfolge beim Kochen, die Namen der Kinder und Enkelkinder sowie das Einkaufen mit der Währung Euro, anstatt D-Mark, ist für die Erkrankten keineswegs banal.

Dabei wurde vielen Besuchern, die Hilflosigkeit bewusst, die einem in diesem Moment durchdringt. „Empathie ist daher im Umgang mit Demenzkranken unverzichtbar. Sie haben ein Recht darauf, mit ihrer Krankheit akzeptiert und unterstützt zu werden“, sagte Petra Mittenzwei.

Die Projektleiterin und Koordinatorin, Petra Schiller, stellte im Rahmen der Aktion „Weltalzheimertage“ die Patenschaften „Jung und Alt“ vor. Drei Schülerinnen werden für ein Jahr ein- bis zweimal im Monat eigenverantwortlich eine Patenschaft im Seniorenheim ihrer Wahl übernehmen. Sie singen, spielen, tanzen und gehen spazieren mit den Senioren oder hören einfach mal zu.

Auf die Frage, warum die Jugendlichen ihre Freizeit dafür opfern würden, antworteten alle gleichermaßen, dass sie eine schöne Zeit hätten und dass dieses dankbare und von Herzen kommende Lächeln der Menschen unbezahlbar sei.

Für ihr außerschulisches soziales Engagement bekommen sie auf ihrem Zeugnis einen gesonderten Eintrag, der bei künftigen Arbeitgebern als auch bei weiterführenden Schulen gleichermaßen hoch angesehen ist. Die Eltern befürworten das Projekt, da viele Jugendliche durch diese Arbeit ihren zukünftigen Berufswunsch in sozialer Richtung für sich entdeckt und eine gewisse Sensibilität im Umgang mit kranken Menschen gewonnen haben.

Im November 2012 sind die Patenschaften mit dem Stifterpreis der Städteregion Aachen ausgezeichnet worden.

Angeboten wird das Projekt bislang an der Mädchenrealschule St. Ursula und dem St.-Michael-Gymnasium. Petra Schiller hofft, das erfolgreiche Projekte nun auch an anderen Schulen im Umkreis von Aachen anbieten zu können.

(pia)
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