Als die Talsperre auf der Kippe stand

Die „Operation Wasserfall“ von 1997 : Als die Talsperre fast trockengefallen wäre

Nach 1956, dem Jahr der Fertigstellung der Perlenbachtalsperre, lief dort lange alles rund. Doch dann kam das trockene Jahr 1997 – und nach 40 Jahren stand die Talsperre buchstäblich auf der Kippe. Es kam zu einer dramatischen Rettungsaktion: der „Operation Wasserfall“.

Das Perlenbachwasser wurde schon immer für seine Qualität gerühmt. Das legendäre Monschauer Felsquell-Pils berief sich auf das hervorragende Eifelwasser, und in den Privathaushalten wurde das weiche Wasser wegen seines geringen Kalkanteils geschätzt.

Damit war es 1997 vorbei. Das Gesundheitsamt des Kreises Aachen sprach wegen der mangelnden Qualität des vom Wasserversorgungszweckverband Perlenbach abgegebenen Trinkwassers eine Abkochempfehlung aus, die für unglaubliche fünf Jahre, vom 15. Februar 1997 bis zum 3. Dezember 2001, Bestand haben sollte.

Erst mit dem Neubau der Aufbereitungsanlage im Jahr 2001 gab es Entwarnung. Es waren extrem unruhige, bedrohliche, ja existenzgefährdende Jahre für den kleinen Verband, der aber den Kampf annahm. Zu allem Unglück machte dann auch die Firma, die neue Aufbereitungsanlage baute, pleite. Doch damit nicht genug: Im Herbst 1999, mitten in diese Phase sorgte ein niederschlagsarmes Jahr dafür, dass die Talsperre fast trocken fiel.

Schlauchgewirr im Wahlerscheider Forst: Über Feuerwehrschläuche wurde 1999 für 11 Tage eine fast sieben Kilometer Notwasser-Verbindung von der Oleftalsperre zur Perlenbachtalsperre gelegt. Foto: Peter Stollenwerk

Eine solche Trockenphase hatte es nur zweimal im zu Ende gehenden Jahrhundert gegeben. „Es ist wie verhext“, schrieb die Lokalzeitung. Die Talsperre hing am seidenen Faden. Das ist jetzt 20 Jahre her, und für alle Beteiligten dürfte die im Trockenjahr 1999 gestartete „Operation Wasserfall“ unauslöschlich in der Erinnerung bleiben, als Feuerwehr, THW und sogar die Bundeswehr dafür sorgten, dass über fast zwei Wochen mit Hilfe von Feuerwehrschläuchen Trinkwasser aus der Oleftalsperre in den Perlenbach-Stausee transportiert wurde.

Als Konsequenz aus dieser Beinahe-Katastrophe wurde im Jahr 2001 eine knapp sieben Kilometer lange Transportleitung zur Roetgener Dreilägerbachtalsperre gelegt, um in Notzeiten Trinkwasser von der WAG zu erhalten. Bereits im Jahr 2003 wurde die Notversorgung während des „Jahrhundertsommers“ erstmals aktiviert. Da im vorigen Jahr wie auch in diesem Jahr die Niederschläge weit unter dem Jahresmittel blieben, wurde sowohl 2018 wie auch 2019 im Spätsommer die Notversorgung erneut in Betrieb genommen, was für den Verband allein 400.000 Euro an Wasserbezugskosten bedeutete.

Feuerwehrleute aus der gesamten Region waren im September 1999 im Einsatz, um die Versorgungssicherheit für die Bevölkerung sicherzustellen. Foto: Peter Stollenwerk

Es war Anfang September 1999, als beim Wasserwerk Perlenbach die Alarmglocken schrillten. Der Pegel des Stausees sank unaufhörlich, und die Meteorologen meldeten unterdessen, dass es weiterhin sonnig und warm bleibe. Appelle des Wasserwerks an die Bevölkerung, Wasser zu sparen, zeigten übrigens zunächst keine erkennbare Wirkung. So wurde seitens der Bezirksregierung die Schließung des Vennbades verfügt. Die Stadt Monschau sperrte in den Schulen die Duschen ab, und auch die Wasserleitungen auf den Friedhöfen. Das verringerte dann den Tagesverbrauch im Verbandsgebiet von normalerweise 12.000 Kubikmeter auf rund 9000 Kubikmeter.

Die nur noch zu einem guten Viertel gefüllte Talsperre brauchte dringend Wasser, aber woher nehmen? Die sprichwörtliche naheliegende Lösung wäre gewesen, Wasser aus Rur bei Dreistegen abzuzapfen, aber das Gesundheitsamt machte einen Strich durch die Rechnung, weil man aus hygienischer Sicht Bedenken wegen des geklärten Abwassers aus der Reinigungsanlage Kalterherberg hatte. So kam es dann zu einer sogenannten „fliegenden Leitung“ von der Oleftalsperre bei Hellenthal ins Einzugsgebiet der Perlenbachtalsperre. 180 Meter Höhenunterschied galt es zu überwinden.

Sorgenvoller Blick auf die sinkende Perlenbachtalsperre: Intensiv verfolgte die Bevölkerung vor rund 20 Jahren das Drama um die Trinkwasserversorgung. Foto: Peter Stollenwerk

Am 18. September wurde mit dem Bau der provisorischen Notversorgung begonnen. Ein Bündel von Feuerwehrschläuchen sollte die sieben Kilometer lange Distanz zwischen den beiden Talsperren überwinden. Etappenweise sollte es von Feuerwehrwagen zu Feuerwehrwagen hochgepumpt werden. So sollten 100 Liter Olefwasser pro Sekunde in den Fuhrtsbach gelangen, genau jene Menge, die durch den Verbrauch der Kunden auch sekündlich aus der Talsperre entnommen wird.

Der Pegel der gut 800.000 Kubikmeter fassenden Perlenbachtalsperre näherte unterdessen sich der kritischen Marke von 200.000 Kubikmetern. Ökologisch drohte ein „Umkippen“ der Talsperre. Gleichzeitig beschloss die Verbandsversammlung den Bau einer dauerhaften Notversorgung zum damaligen Kreiswasserwerk Roetgen.

Bei der „Operation Wasserfall“ war ein erheblicher technischer Aufwand erforderlich, ehe das Olefwasser endlich in einen Vorfluter der Perlenbachtalsperre gelangte. Foto: Peter Stollenwerk

Am 20. September waren es 34 Kilometer Feuerwehrschläuche, verteilt auf vier Leitungsstränge, die kreuz und quer durch den Wald verlegt wurden. Trotz aller technischen Raffinesse schafften die Pumpen nur 66 Liter pro Sekunde. 220 Feuerwehrleute 25 THW-Helfer aus dem gesamten Kreisgebiet sowie Düren und Euskirchen waren mit 18 Löschfahrzeugen rund um die Uhr in drei Schichten im Einsatz.

Im Wald herrschte ein irrer Betrieb, es war laut, und Unmengen von Kraftstoff wurden herangeschafft, um die Pumpen und Aggregate in Betrieb zu halten. Über einen Vorfluter gelangte das Wasser in den Fuhrtsbach und dann in die Talsperre. Unter diesen Voraussetzungen konnte die Trinkwasserversorgung für 60 Tage aufrecht erhalten werden.

Eine Woche später trafen 36 Bundeswehrsoldaten zur Entlastung der übermüdeten freiwilligen Helfer ein. Am 24. September gab es den lang ersehnten kräftigen Niederschlag, was den natürlichen Zufluss zur Talsperre kurzfristig auf 224 Liter pro Sekunde und den Pegel um 19 Zentimeter ansteigen ließ. Zuvor hatte die Talsperre mit 194.000 Kubikmeter Inhalt ihren absoluten Tiefstand erreicht. Fünf Tage später, am 29. September 1999, wurde die so getaufte „Operation Wasserfall“ nach elf Tagen beendet.

Den freiwilligen Helfer galt wegen dieses beispiellosen Einsatzes größte Hochachtung. Die Niederschläge waren wieder intensiver geworden, und als Pumpen und Schläuche abgebaut wurden, lag der Pegel der Talsperre bei beruhigenden 211.000 Kubikmetern. Tendenz steigend, hieß es voller Erleichterung. Heute kann die Perlenbachtalsperre dank der Notversorgung längere Trockenphasen überbrücken, aber der Verband ist damit nicht glücklich. Daher sucht er nach Alternativen, um wieder unabhängiger zu werden und Kosten zu sparen. Auf die Ergebnisse eines Auftrag gegebenen Gutachtens darf man gespannt sein.

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