Aachen: Alemannia: Tränen, Wut und Verzweiflung

Aachen: Alemannia: Tränen, Wut und Verzweiflung

Verheulte Augen, verzweifelte Gesichter, schwarz-gelbe Schals. Man umarmt sich vor dem Stadion, tröstet sich, versucht sich Mut zuzusprechen. Aber eigentlich ist überall nur Kopfschütteln. „Ich habe heute Nacht kein Auge zugetan”, begrüßt eine Frau einen Mann. „Ich hatte Alpträume”, antwortet der. Ein paar Meter weiter lässt ein junger Mann seinen Tränen freien Lauf.

Es sind Dialoge und Szenen, wie man sie von Friedhöfen kennt, von Beerdigungen. Aber hier stehen die Leute vor einem Fußballstadion. Es ist Freitagmorgen, 10.30 Uhr, als der Treffpunkt Tivoli eine ganz andere Bedeutung erhält. Immer mehr Fans kommen zum Eingang der Alemannia-Geschäftsstelle im Tivoli an der Krefelder Straße, und in allen Köpfen steckt die Sorge, dass es möglicherweise ein finaler Treff bei ihrem Lieblingsklub sein könnte.

Denn dass auf einer „außerordentlichen Pressekonferenz” um 11 Uhr, wie die Alemannia sie selber bezeichnet, die Zahlungsunfähigkeit des Traditionsklubs verkündet werden soll, hat sich längst herumgesprochen. Aber keiner weiß, was das für Konsequenzen hat. Und das erfährt draußen auch erst einmal keiner. Ordner riegeln den Eingang ab, die Fans müssen draußen bleiben.

Drinnen ist aber auch Beerdigung, wenn auch - passend zur Zahlungsunfähigkeit - ohne Kaffee und Schnittchen. Die Aufsichtsräte Meino Heyen, Helmut Kutsch und Michael Nobis sowie Sportdirektor Uwe Scherr sitzen mit Leichenbittermienen auf dem Podium, in ihrer Mitte der seit knapp drei Wochen von der Alemannia als „Restrukturierungsbeauftragter” eingesetzte Rechtsanwalt Michael Mönig aus Münster und dessen Sprecher Holger Voskuhle.

Mönig ist der einzige, der ab und zu lächelt. Das liegt nicht nur daran, dass er keine besondere Verbindung zur Alemannia hat, was „vielleicht auch ganz gut so ist”, wie er findet. Es liegt auch daran, dass er mit seiner Idee einer „geplanten Insolvenz”, die eine Aufrechterhaltung des Spielbetriebs und einen Neuanfang in der Regionalliga zum Ziel hat, Hoffnung verbreiten will - sofern man das auf einer Beerdigung kann. Aber er hat zumindest einen Plan, wie es weitergehen könnte.

Mönig redet viel an diesem Morgen, die Aufsichtsräte wenig. Heyen, Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender, will erst gar nichts sagen und tut sich dann schwer, Fragen zu beantworten. Wie es zu dem Dilemma kommen konnte? Statt Erklärungen gibt es Fassungslosigkeit. Und immer wieder den Hinweis, dass dies der künftige Insolvenzverwalter und Staatsanwälte klären müssten.

Das sieht auch Oberbürgermeister Marcel Philipp so, der zwei Stunden später im Rathaus mit seiner Kämmerin Annekathrin Grehling vor den Medien sitzt - und kaum ein Blatt vor den Mund nimmt. Dass „diese Dimension der Verschleierung ohne kriminelle Energie” wohl nicht hätte erreicht werden können, sagt er und betont, dass man weiterhin prüfe, eigene rechtliche Schritte gegen den oder die Verantwortlichen einzuleiten.

Zu sagen, die Stadtoberen seien stinksauer auf ihre „Partner” auf Seiten der Alemannia, wäre wohl noch untertrieben. Schließlich dachte man bei der Stadt, mit der millionenschweren Stadionumfinanzierung einen dicken Beitrag zur Rettung des Klubs geleistet zu haben. Und nun bricht alles wie ein Kartenhaus zusammen und ist „nochmal schlimmer als das, was selbst die Pessimisten befürchtet haben”, beklagt Philipp.

Wie sich ein OB fühlt bei dem Gedanken, dass man ihm in vielen Gesprächen offenbar ständig ins Gesicht gelogen haben muss? „Ich ziehe es vor, auf die Beantwortung dieser Frage zu verzichten”, sagt Philipp. Die Worte Alemannia und städtische Hilfe passen für ihn jedenfalls nur noch zusammen, „wenn wir über den Breitensport reden”.

Und auch die Kämmerin verspürt derzeit „kein besonderes Bedürfnis, in dieser Hinsicht irgendwelche Ankündigungen zu machen”. Wo die Stadt auf Geld verzichten muss oder wird, werde „alles in der Gläubigerrunde besprochen werden müssen”, sagt Grehling. Aber klar sei auch, dass es in einem Insolvenzverfahren für die Stadt „nicht nur um Stundungen, sondern auch um Verzicht” gehe, betont der OB.

Betrogen fühlt sich aber nicht nur die Stadt, sondern so geht es auch vielen Fans. Etwa 100 stehen nach der „außerordentlichen Pressekonferenz” am Tivoli vor der Geschäftsstelle und wissen immer noch außerordentlich wenig. Und dass Polizisten mittlerweile die Türen bewachen, hebt die Stimmung nicht wirklich. Schließlich geht Aufsichtsrat Helmut Kutsch als einziger nach draußen und redet mit den Leuten. Er versucht zu erläutern, was kommen soll, kann aber nicht erklären, was passiert ist. Und keiner der Fans hat Verständnis dafür, wie solch ein Millionenloch angeblich unbemerkt entstehen konnte.

Aufsichtsrat Kutsch versucht zu erklären, dass „du nur prüfen kannst, was du vorgelegt bekommst”, aber ihm schlägt Wut entgegen. „Ihr seid ein Lug-und-Trug-Verein”, ruft ihm einer zu. „Wir werden doch seit Jahren nur belogen”, brüllt ein anderer. „Ihr solltet Euch was schämen, solch einen Traditionsverein so gegen die Wand zu fahren”, schreit eine Frau. Für viele droht an diesem Morgen eine Welt zusammenzubrechen. Vor allem für die mit den schwarz-gelben Schals, den verzweifelten Gesichtern und den verheulten Augen.

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