Erinnerungen fürs Leben: Zwölfjähriger besucht die Gedenkstätte in Auschwitz

Erinnerungen fürs Leben : Zwölfjähriger besucht die Gedenkstätte in Auschwitz

An diese Reise wird Timofey Persikov vermutlich sein Leben lang denken. Der zwölfjährige Schüler des Stiftischen Gymnasiums war eins von acht Kindern und Jugendlichen aus ganz Nordrhein-Westfalen, die an einer Studienreise ins polnische Krakau teilgenommen haben.

Eine Woche waren die Schüler und ihre Lehrer unterwegs, unter anderem haben sie die Gedenkstätte in Auschwitz und die Fabrik von Oskar Schindler besucht, der während des Zweiten Weltkriegs bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten bewahrt hat.

Landessieger

Timofey, den seine Freunde einfach nur Tim nennen, hat mit seiner Schulklasse und Klassenlehrer Dr. Achim Jaeger am Wettbewerb „Begegnung mit Osteuropa“ teilgenommen. Die Jungen und Mädchen haben mit ihrer Schauergeschichte „Ida, Leo und das Geheimnis um Schloss Bran“ einen von 50 Landessieger-Preisen gewonnen. Insgesamt gab es mehr als 1400 Wettbewerbsbeiträge.

Timofey Persikov hat viele neue Erfahrungen gemacht. Foto: S. Kinkel

Dr. Achim Jaeger: „Dieser Wettbewerb existiert seit 65 Jahren, zum ersten Mal hat es in diesem Jahr eine Bildungsreise gegeben.“ Unter allen Landessieger-Gruppen wurden acht Teilnehmer für die Bildungsreise nach Krakau ausgelost. „Meine Klasse war bei den Gewinnern“, sagt Tim. „Das war natürlich toll.“ Wie bei einer Klassensprecherwahl haben Tims Mitschüler anschließend entschieden, wer die Klasse bei der Reise nach Polen vertreten darf.

„Ich denke, dass meine Mitschüler mir so eine Reise zugetraut haben. Immerhin war ich eine Woche ohne Eltern unterwegs. Hinzu kommt, dass ich Russe bin, und Polen ja nicht so weit von Russland entfernt ist.“ Darüber hinaus interessiert Tim sich auch für Geschichte, auch für die des Zweiten Weltkrieges. Trotzdem hat er sich mit seinem Lehrer Achim Jaeger auf die Fahrt vorbereitet. „Das war mir und auch Tims Eltern sehr wichtig“, sagt der Pädagoge. „Vor allem, weil uns auf dieser Reise Eindrücke erwartet haben, die man nicht so leicht verarbeitet.“

Auch für Jaeger war es übrigens der erste Besuch in Auschwitz. Das KZ war ohne Zweifel eine der prägendsten Erlebnisse der Reise. „Natürlich weiß ich, was dort passiert ist“, sagt Tim. „Aber dann den Ort zu sehen, an dem den Juden die Köpfe rasiert wurden, und das Krematorium des Lagers zu besuchen, war schon sehr hart für mich.

Auch der lange Stacheldrahtzaun und das Tor mit dem berühmten Schriftzug ‚Arbeit macht frei‘ haben mich beeindruckt. Das werde ich nicht mehr vergessen.“ Achim Jaeger spricht von „prägenden Eindrücken, die für das ganze Leben bleiben“, betont aber auch, dass Tim nicht alle Bereiche des Konzentrationslagers besuchen durfte. Jaeger: „Es gibt zum Beispiel für den Todesblock Altersbeschränkungen, an die wir uns natürlich gehalten haben.“

Neben dem Konzentrationslager und der Schindler-Fabrik haben sich die Landessieger aus Nordrhein-Westfalen vor allem auf Spurensuche jüdischen Lebens in Krakau begeben. „Wir haben das jüdische Viertel Kazimierz besucht und sind auch in der Remuh-Synagoge gewesen.“ Das Viertel sei fast noch genau so erhalten wie zu Zeiten des jüdischen Ghettos. Tim: „Wir konnten die Plätze sehen, an denen der Film ‚Schindlers Liste‘ gedreht wurde. Das war sehr interessant.“ Achim Jaeger ergänzt, dass man auf der Reise sehr wenig Zeit für sich selbst gehabt habe. „Gleichzeitig gab es aber sehr viele meist bedrückende Einflüsse.“

Die Remuh-Synagoge in Krakau stand ebenfalls auf dem Besichtigungsprogramm der Schülergruppe. Foto: A. Jaeger

Um so wichtiger sei es gewesen, dass es auch ein Treffen mit polnischen Jugendlichen gegeben habe. „Das war wirklich schön“, sagt Tim. „Wir haben eine Klasse besucht, die auch an dem Wettbewerb teilgenommen hat, mit denen Fußball gespielt und eine Open-Air-Disco veranstaltet. Das hat sehr viel Spaß gemacht.“

Immer wieder haben die Jugendlichen und ihre Lehrer sich auch auf die Suche nach Verbindungen zwischen West- und Osteuropa gemacht. „Das ist ja auch Sinn des Wettbewerbes“, erklärt Jaeger. „Und wir sind fündig geworden.“ Unter anderem haben Tim und die anderen Schüler im Schloss Wawel Wandteppiche aus Flandern entdeckt.

Grundsätzlich sei eine Schülerreise nach Auschwitz, sagt Jaeger, etwas sehr Besonderes. „Schon allein aufgrund der Entfernung ist das für uns schwer zu erreichen.“ Gleichwohl würden sich die Schüler intensiv mit dem Thema Nationalsozialismus auseinandersetzen. Jaeger: „Wir beteiligen uns immer an den Mahnwachen zum 9. November. Trotzdem hat diese Reise auch mir persönlich neue Impulse gegeben. Vor allem, weil ich schon Menschen getroffen habe, die Auschwitz überlebt haben.“

Für seine Mitschüler hat Tim Persikov eine Präsentation über die Reise vorbereitet — mit Fotos und seinen Eindrücken. „Die anderen aus meiner Klasse haben es möglich gemacht, dass ich diese Reise machen konnte, da ist es doch selbstverständlich, dass ich ihnen auch davon berichte.“