Vettweiß: Zwölf Stolpersteine gegen das Vergessen

Vettweiß: Zwölf Stolpersteine gegen das Vergessen

Carl Schwarz war 70 Jahre alt, als er mit seinen Geschwistern Joseph, Gustav und Sara von Lüxheim nach Köln zog. Vielleicht — das weiß heute niemand mehr — waren auch seine Schwestern Jetta und Berta mit dabei. Ihre Spuren haben sich verloren.

Die von Carl, Joseph, Gustav und Sara nicht — sie wurden am 7. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Überlebt hat von der Familie nur einer: Leopold Schwarz, der sich schon vorher in die USA retten konnte.

Die zerstörte Synagoge ist nur noch in ihren Umrissen zu erkennen. Sie wurde wieder aufgebaut und dient heute als Schreinerei.

Mit den Stolpersteinen des Künstlers Gunter Demnig will die Gemeinde Vettweiß den ehemaligen jüdischen Mitbürgern gedenken, die in der Zeit des Nazi-Terrors deportiert und ermordet wurden. Zum Beispiel der Familie Schwarz, die bis 1941 in Lüxheim im Haus Nikolausstraße 23 gelebt hat. „Die Familie Schwarz war mit meiner Großmutter befreundet“, erzählt die frühere Lehrerin Marietta Mundt, die sowohl von ihrer Oma als auch von ihrer heute 95 Jahre alten Mutter noch viele Geschichten über die jüdischen Nachbarn kennt.

Die Brüder hatten in Lüxheim eine Metzgerei, verbunden mit einem Viehhandel. Im gleichen Haus befand sich ein Zimmer, in dem Sara Schwarz mit Porzellanwaren gehandelt hat. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass uns Sara Schwarz immer eine Milchkanne mit Rindfleischsuppe gebracht hat, wenn mein Opa krank war“, erinnert sich Marietta Mundt.

Die Familie Schwarz war ins Dorfleben integriert. Man kannte sich, man ging zusammen zur Schule, man feierte miteinander. Und man handelte miteinander. Das änderte sich erst, als im November 1938 die Synagogen in Flammen aufgingen. Auch die Synagoge in Lüxheim war betroffen, zudem wurde der jüdische Friedhof geschändet, die Grabsteine umgestürzt, die Inschriften teilweise mit Spitzhacken zerstört. Erst im Jahr 1941 zogen Carl, Joseph, Gustav und Sara Schwarz ins vermeintlich sichere Köln.

„Zum Abschied haben wir noch ein Geschenk von ihnen erhalten. Einen Spazierstock für meinen Opa und ein Samtbänkchen für die Füße“, berichtet Marietta Mundt, die sich daran erinnern kann, dass das Samtbänkchen noch Jahre später in der Familie verwendet wurde. „Als mein Opa älter wurde und nicht mehr in die Kirche gehen konnte, kam der Pfarrer immer zu uns. Das Samtbänkchen hat er dann genutzt, um sich niederzuknien.“ Die Eltern von Marietta Mundt glaubten beim Abschied, dass man sich wiedersehen werde.

Wenige Monate nach dem Umzug nach Köln wurden Carl, Joseph, Gustav und Sara Schwarz nach Riga deportiert. Nach der Eroberung Rigas hatten die Nazis zunächst alle lettischen Juden in der Stadt interniert und dann ermordet, um so Platz für deutsche Juden zu schaffen. Der sechste Deportationszug aus Deutschland traf am 10. Dezember 1941 in Riga ein — es waren Juden aus Köln.

Drei Tage zuvor waren Carl, Joseph, Gustav und Sara Schwarz in Köln abgeholt worden. Ob sie noch im Ghetto oder später im KZ in Riga ermordet wurden, ist unklar. Es gibt zumindest Berichte, wonach die Brüder Schwarz im Ghetto Gottesdienste gestaltet haben — kein Wunder, ist doch von Gustav Schwarz, der in Lechenich ein Konfektionsgeschäft führte, überliefert, dass er begeisterter Opernsänger war und schon in Lüxheim in der Synagoge als Vorsänger aufgetreten ist.

Wie schwierig auch heute noch die Diskussion über das Schicksal der ehemals jüdischen Mitbürger ist, hat sich im Vorfeld der Verlegung der Stolpersteine auch in Vettweiß gezeigt. Konkreter wurde die Idee nach einer Fahrradtour zu den jüdischen Friedhöfen in der Gemeinde, die Ludger Dowe von der Dürener Geschichtswerkstatt organisiert hatte.

Bernd Blümmert vom Verein „VettCult“ hatte sich dann für die Stolpersteine stark gemacht, der Jugendbeauftragte Harald Krug griff mit mehreren Jugendlichen das Thema auf und recherchierte, wo in der Gemeinde Stolpersteine verlegt werden könnten. Auch Schulleiterin Hannelore Böhr unterstützte die Initiative. Dennoch gab es Widerstände von Bürgern, die vor ihren Häusern keine Stolpersteine verlegt sehen wollten.

In den Konzentrationslagern seien Menschen „nur Nummern“ gewesen, hatte Blümmert deshalb bei einer Veranstaltung argumentiert: „Die Gedenksteine geben den Menschen ihre Identität zurück.“ Eine Identität, die ansonsten vielleicht ganz in Vergessenheit geraten würde. Wann die Stolpersteine verlegt werden, ist noch nicht ganz klar. Blümmert hofft auf einen Termin im Herbst. Finanziert werden die Steine über Spenden. 120 Euro kostet ein Stein, inklusive Gravur und Verlegung.

In Vettweiß und Lüxheim könnten an sechs Stellen 21 Steine verlegt werden — tatsächlich werden es aber nun nur zwölf Stolpersteine. In der Zwischenzeit haben zwei Hausbesitzer ihre Zustimmung wieder zurückgezogen. Weitere Steine könnten noch in Kelz, Müddershein und Gladbach folgen. Zusätzlich soll es eine zentrale Gedenktafel für alle ermordeten jüdischen Mitbürger in der Gemeinde geben. Ein entsprechender Vorschlag wird von der Jugendgruppe erarbeitet.

(bugi)
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