Düren: Zeit ist in der Ambulanten Pflege ein kostbares Gut

Düren: Zeit ist in der Ambulanten Pflege ein kostbares Gut

Schwester Silke liegt gut in der Zeit. Sie greift auf Anhieb zum richtigen Schlüssel, öffnet die Haustür, nimmt die Treppen in die dritte Etage und wird an der Haustür bereits erwartet. „Wie geht es Ihnen heute?“, fragt Silke Schmitz, die für alle Menschen, die sie betreut, Schwester Silke heißt.

„Drinnen kann man es aushalten“, deutet der Bewohner der Wohnung aus dem Fenster. Draußen scheint die Sonne, drinnen ist es dunkel. Der Mann legt die Zigarette aus der Hand, greift zum Wasserglas und nimmt die Tabletten, die ihm die Caritas-Mitarbeiterin auf die Anrichte gelegt hat. Es gibt keinen Grund zur Eile. Allenfalls für Schwester Silke, doch die schaut nicht auf die Uhr.

Auf einem Tisch in der Wohnung thront ein Telefon, das zum Zeitpunkt seiner Produktion „Fernsprechtischapparat“ hieß. Es ist ein grünes Post-Standardmodell, mit Wählscheibe. Doch die Zeit bleibt auch in dieser Wohnung in der dritten Etage nicht stehen. Zeit ist in der Ambulanten Pflege ein kostbares Gut geworden. 16 Menschen versorgt die Altenpflegerin während ihres dreieinhalbstündigen Abenddienstes. Die DZ hat sie einen Abend lang begleitet. Sie wird erwartet, in vielen Wohnungen. Vor zehn Jahren waren es im Schnitt noch zwei bis drei Menschen weniger, die bei einer Tour versorgt werden mussten. Was die Zukunft bringt? Schwester Silke hat andere Gedanken im Kopf.

Während sich der Patient ein neues Glas Wasser holt, blättert sie im „Ordner“. Die Mappe enthält alle medizinischen Informationen, die die examinierte Altenpflegerin der Caritas benötigt. Wurden Medikamente vom Arzt abgesetzt? Gab es Komplikationen? Jede Schwester muss auf dem neuesten Stand sein. Mit einer Unterschrift bestätigt Silke Schmitz, dass die Tabletten genommen worden sind, dass um 17.52 Uhr alles soweit in Ordnung war in der dritten Etage des Mehrfamilienhauses.

Schwester Silke übernimmt dabei eine hohe Verantwortung. Statistisch betrachtet muss in der Pflege übrigens jede vierte Minute für Dokumentation aufgebracht werden, um den gesetzlichen Anforderungen zu genügen. Um 17.53 Uhr verabschiedet sich Schwester Silke, sie schließt die Tür, und eilt die Treppen hinunter. Drei Minuten hat ihr Besuch gedauert. Sie liegt gut in der Zeit. Im Kopf geht sie die Daten des nächsten Patienten durch. Dort muss sie Insulin spritzen und erneut Medikamente geben. Alles in neun Minuten, so steht es in ihrem Tourenplan.

16 Mal stand die 33-Jährige vor der Herausforderung, den engen Zeitplan ihrer Tour mit den Bedürfnissen der Menschen sowie den eigenen Ansprüchen und den Ansprüchen ihres Arbeitgebers an die Pflege zu vereinbaren: „Pflege so, wie du selbst gepflegt werden möchtest.“ Es gibt Tage, da müssen die Mitarbeiter den Spagat üben.

In den sogenannten Leistungsbeschreibungen der Sozialgesetzbücher ist nachschlagbar, welche Tätigkeiten der Krankenversorgung und Pflege zu erbringen sind. Die Anhaltswerte der Kranken- und Pflegeversicherung bilden die Berechnungsgrundlagen, in welcher Zeit die krankenpflegerischen Tätigkeiten zu erledigen sind, und wie die Pflegedienste dafür von Kranken- und Pflegekasse bezahlt werden. Für das Verabreichen von Medikamenten kann ein Dienst beispielsweise 9,12 Euro abrechnen, die „Dienstleistung“ kann rechnerisch in drei Minuten erbracht werden.

Die sogenannte „Ganzwaschung“ eines Menschen darf aus Sicht der Pflegekasse maximal 41 Minuten dauern und ist mit 18,86 Euro in Rechnung zu stellen. Betriebswirtschaftlich bleibt nach Aussage der Caritas dem Pflegedienst jedoch nur eine Zeitspanne von durchschnittlich 25 Minuten. Ambulante Pflege — das bedeutet betriebswirtschaftlich gesehen viele Zahlenkolonnen und einen Kampf um jede Minute Arbeitszeit. Und menschlich?

„Ich nehme mir die Zeit, die ich brauche. Wenn es länger dauert, dann ist es eben so“, sagt Schwester Silke. Es ist Zeit, die alle Pflegedienste nicht bezahlt bekommen. Weder die privaten noch die der Wohlfahrtsverbände. Dass die Menschen nicht in dieser Taktung verloren gehen, sieht sie als ebenso wichtige Aufgabe wie die pflegerische Kompetenz an. „Der schwärzeste Tag wäre, wenn mein Arbeitgeber das nicht mehr zulässt“, sagt sie. Dass es nicht immer klappt, dass es manchmal zeitlich knapp wird, weiß sie. Sie bedauert es — aber kann es nicht ändern.

„Seit Jahren steigender Druck“

„Hilfe! Mehr Zeit für die Pflege“ lautet daher der Titel der aktuellen Kampagne der Wohlfahrtsverbände in NRW. Die Verbände fordern eine aus ihrer Sicht „dringend notwendige Anpassung der Vergütung an gestiegene Kosten“. Sie fordern mehr Zeit für die zu pflegenden Menschen und eine bessere Vergütung für Mitarbeiter. Im Kreis beteiligen sich die Awo, der Caritasverband, der Paritätische, das DRK und die Diakonie. Am heutigen Samstag findet von 10 bis 12.30 an der Kölnstraße ein Aktionstag statt.

„Den seit Jahren steigenden Druck spüren auch die Patienten. Die haben das Gefühl, dass die Pflegekraft schon wieder weg ist, bevor sie überhaupt richtig bei ihnen angekommen ist“, berichtet Elmar Jendrzey, Caritas-Fachbereichsleiter Ambulante Pflege. Das System sei an der „absoluten Schmerzgrenze“. Was die Zukunft bringt? „Wenn sich nichts ändert, habe ich Angst vor der Zukunft“, sagt Jendrzey. Die Ambulante Pflege sei chronisch unterfinanziert. Angesichts der Tatsache, dass stationäre Angebote teurer sind, sei dieser Zustand umso unverständlicher.

Schwester Silke mag ihren Beruf. Seit 15 Jahren übt sie ihn aus, stets hat sie sich fortgebildet. Vielleicht war es eine Berufung, anderen Menschen helfen zu wollen. Sie hat gelernt, mit Leid und Tod umzugehen und Trost zu spenden. Auch wenn sie am liebsten selbst weinen würde. „Körperlich und seelisch stößt man manchmal an seine Grenzen“, sagt sie. „Ich versuche, nichts mit nach Hause zu bringen“, sagt die 33-Jährige, die gerade Mutter geworden ist. Es klappe nicht immer.

Aber genauso gebe es schöne Augenblicke; beispielsweise eine improvisierte Geburtstagsfeier bei einem Patienten, bei der mit Orangensaft angestoßen wird — auch wenn dies Zeitverlust bedeutet. Ein Verlust, der menschlich nur ein Gewinn sein kann. „Mein Mathelehrer hat gesagt, ich soll beruflich etwas machen, bei dem ich nicht rechnen muss“, scherzt Schwester Silke. Vielleicht schaut sie deswegen nicht so oft auf die Uhr. Schon gar nicht, wenn die Patienten danebenstehen. Ihre Überlegungen folgen nicht ausschließlich der Logik der Mathematik