Düren: Wolfgang Gatzke: „Wir brauchen eine Jugend, die sich einmischt“

Düren: Wolfgang Gatzke: „Wir brauchen eine Jugend, die sich einmischt“

Einmischen oder nicht? Menschen sind täglich herausgefordert, sich zu positionieren, Partei zu ergreifen, Werte und Menschen zu verteidigen. Das Thema „Zivilcourage“ stand im Mittelpunkt der Mitgliederversammlung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Zu Gast war der in Düren aufgewachsene Wolfgang Gatzke, Direktor des Landeskriminalamtes a. D., der sich am Rande Zeit nahm, mit Redakteur Stephan Johnen über Zivilcourage, Bürger-Mut und Unmut zu sprechen.

Wie definieren Sie Zivilcourage?

Gatzke: Zivilcourage ist das öffentliche Eintreten für die Rechte eines Einzelnen und die grundlegenden Werte einer Gesellschaft. Zivilcourage bedeutet auch, im Einzelfall einem Menschen zu helfen, der in einer Notlage ist. Es gibt viele Situationen, in denen wir gefordert sind, aus der Anonymität herauszutreten und zu handeln.

Nehmen wir einen Einzelfall als Beispiel. Im Bus wird jemand angepöbelt, vielleicht sogar geschlagen. Was geschieht erfahrungsgemäß?

Gatzke: Je stärker die Hilfsbedürftigkeit erkennbar ist, je leichter sich Opfer und Täter klar zuordnen lassen, desto stärker ist der Impuls anderer Menschen, dem Opfer helfen zu wollen.

Wie wird aus der Absicht zu helfen denn konkrete Hilfe?

Gatzke: Einer muss den Anfang machen, darf nicht lange zögern und muss andere auffordern, es ihm gleichzutun.

Sind Menschen nicht im Zweifelsfall eher zögerlich? Ich möchte bewusst nicht feige sagen.

Gatzke: Jede Form des Einmischens ist mit Stress verbunden, mit Unannehmlichkeiten, vielleicht mit der Gefahr, Schaden zu erleiden. Niemand sollte sich selbst in Gefahr bringen. Aber wenn andere in Gefahr sind, müssen wir handeln. Dazu zählt es auch, Hilfe zu holen, die Polizei zu rufen — und nicht wegzusehen, weiterzugehen.

Ist angesichts all dieser Überlegungen der Impuls, helfen zu wollen, nicht längst erloschen?

Gatzke: Gerade bei jungen Menschen erlebe ich, dass sie handeln. Sie verfügen über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und oft auch über große Selbstsicherheit.

Was verringert die Chance, dass sich Menschen einmischen?

Gatzke: Je mehr Leute tatenlos zugucken, desto weniger fühlt sich der Einzelne angesprochen. Auch die Frage, wie nah oder fern man sich sozial und kulturell dem Opfer wähnt, hat Einfluss auf das eigene Handeln.

Ist Zivilcourage erlernbar?

Gatzke: Soziales Denken ist die Grundlage für soziales Handeln. Erziehung und Bildung spielen eine Rolle, ganz besonders die Vorbildfunktion von Erwachsenen.

Wie sehen Vorbilder aus?

Gatzke: Vorbilder helfen bei der Entwicklung von Einfühlungsvermögen und Empathie, vermitteln Wertevorstellungen, regen zu einem kritischen Umgang mit Autoritäten und zu einer gesellschaftlichen Teilhabe an. Wir brauchen eine Jugend, die sich einmischt, die den Mut hat, den Mund bei Ungerechtigkeit aufzumachen. Dann lässt eine Gesellschaft Zivilcourage zu. Es handelt sich um eine Baustelle, auf der die Arbeit nie aufhört.

Viele Menschen machen bei Pegida-Demos den Mund auf. Sie fordern eine Umkehr in der Asylpolitik. Bereiten Ihnen solche Demonstrationen Sorgen oder freuen Sie sich, dass Menschen für ihre Meinung eintreten?

Gatzke: Polarisierung und Hass machen mir Sorgen. Aber ich bin auch zuversichtlich. Warum? Weil die Zahl der Menschen, die für eine offene Gesellschaft auf die Straße gehen, deutlich größer ist. Das ist ein gutes Zeichen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir in einer sehr offenen, pluralistischen Gesellschaft leben. Die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte haben die Gesellschaft zum Positiven verändert.

Wie steht es um die Rolle der Polizei?

Gatzke: Jeder Polizist hat die Pflicht, das Recht zu verteidigen, den Schutz von Grundrechten zu gewährleisten. Dazu gehört auch der Schutz von allen Demonstrationen, solange sie im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit stattfinden.

Was kennzeichnet gesellschaftliche Zivilcourage?

Gatzke: Dass sich eine Gesellschaft gegen Hasstiraden im Internet wehrt, Pöbeleien gegen Andersdenkende oder Ausländer nicht schweigend hinnimmt und akzeptiert, dass es auf viele aktuelle Fragen keine simplen Antworten gibt.

Wie passen Brandanschläge auf Übergangsheime zu einer vermeintlich offenen Gesellschaft?

Gatzke: Gar nicht. Wir reden trotz der steigenden Zahl über wenige, die diese Straftaten begehen. Eine Minderheit scheint sich jedoch zu radikalisieren.

Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit ist auf einem Tief — woher rührt diese Entwicklung?

Gatzke: Ich beobachte klimatische Veränderungen, die gesellschaftlichen Spannungen nehmen zu, gegenwärtig verstärkt durch den Zustrom von Flüchtlingen. Wir sehen einerseits eine Welle der Hilfsbereitschaft. Aber bei vielen Menschen wachsen Unsicherheit und Sorge vor wirtschaftlicher Not und wachsender Kriminalität. Es entstehen Verlust- und Abstiegsängste. Das kann Grenzen im Denken und Handeln verschieben.

Wie steht es angesichts wachsender Egoismen und einer stärkeren gesellschaftlichen Polarisierung um die Zivilcourage?

Gatzke: In solchen Zeiten ist Zivilcourage umso nötiger, aber auch umso schwieriger.

Gibt es eine Angst vor Überfremdung? Wie kann dieser Angst entgegengewirkt werden?

Gatzke: Es ist bezeichnend, warum eine solche Angst dort am größten ist, wo es die wenigsten Ausländer, Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund gibt. Persönliche Begegnungen können ein Schritt sein, Ängste abzubauen.

Ein weiteres aktuelles Thema ist in unserer Region der Protest gegen den Braunkohleabbau. Handelt es sich dabei um zivilen Ungehorsam?

Gatzke: Ich kenne die Abläufe nur aus der Presse. Ziviler Ungehorsam schließt den bewussten Rechtsbruch mit ein. Als Polizist sage ich: Es geht nicht, dass Straftaten begangen werden. So etwas muss die Polizei unterbinden.

Soweit der Polizist. Wie steht der Privatmann Wolfgang Gatzke zu zivilem Ungehorsam?

Gatzke: Ich kann noch nachvollziehen, dass Menschen ein fremdes Grundstück betreten, um dort zu demonstrieren. Aber auch für mich als Bürger hört das Verständnis schon auf, wenn man widerrechtlich Zäune überwindet und zerstört, wenn man sich und andere gefährdet, Gleise blockiert, Bagger besetzt und Gewalt anwendet.

Welche Frage ging Ihnen angesichts der Schlagzeilen und Bilder aus Garzweiler und Hambach durch den Kopf?

Gatzke: Was wird aus den Hunderten Strafanzeigen gegen die Aktivisten, die Hausfriedensbruch und andere Straftaten begangen haben? Gibt es Sanktionen? Wie geht diese Entwicklung weiter?

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