Wolfgang Bosbach zu Gast bei Jazz und Politik im Dorint Hotel Düren

Wolfgang Bosbach in Düren : Deutschland feiern, aber Europa nicht vergessen

Wenn Politik und Jazz vor dem Hintergrund der Europawahl zusammenkommen, ist die Auswahl des ersten Stücks kein Zufall. Oscar Petersons „You look so good to me“ (Du bist so schön für mich), zum Klingen gebracht von Willy Ketzer am Schlagzeug und Marius Preda am Cymbal, leitete einen politisch-musikalischen Abend im Saal des Dorint-Hotels ein, der sich erfrischend von Talkshow-Formaten absetzte.

Jazz, der einst den Stellenwert einer Art Befreiungsmusik hatte, lieferte den Soundtrack für ein ebenso lebensfrohes wie selbstkritisches Plädoyer für Demokratie, für Europa, gegen Populismus sowie für einen „fröhlichen Patriotismus“.

Die CDU Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung im Kreis Düren (MIT) hatte dazu den langjährigen CDU-Bundestagsabgeordneten und Innenpolitiker Wolfgang Bosbach und die erneut kandidierende Europaabgeordnete Sabine Verheyen eingeladen. Die Politiker setzten verbal fort, was das Duo Ketzer/Preda musikalisch begonnen hatte: Sie stellten Freude und Mut all denen entgegen, die bei Licht am Ende des Tunnels lieber den Tunnel verlängern. „Wer steht in Deutschland eigentlich morgens auf und denkt sich: Ist das nicht toll? Wir leben in Frieden und Wohlstand in einer stabilen Demokratie“, fragte Bosbach in die Runde der mehr als 500 Zuhörer. „Wir kennen es ja nicht anders, aber selbstverständlich ist es nicht“, rief er dazu auf, das Gute nicht hinzunehmen, sondern sich dafür einzusetzen. „Deutschland ist ein tolles Land. Das dürfen wir auch einmal feiern“, forderte er einen „fröhlichen Patriotismus“.

Die vergangenen 70 Jahre sei es gelungen, „Maß und Mitte zu halten“, politischen Extremisten keine Chance zu geben. Eine Konstante der Vergangenheit, deren Zukunft ungewiss sei. Bosbach: „Die zwei großen Volksparteien CDU und SPD sind kein Garant mehr dafür, diesem Land politische Stabilität zu geben.“ Doch was tun, um nationalistischen und populistischen Kräften entgegenzutreten – angefangen bei der Europawahl im Mai? „Entweder wir bleiben in Europa als starke und einige politische Kraft zusammen oder wir werden marginalisiert“, warnte Bosbach davor, die eigene Rolle zu überschätzen. Kein Staat könne alleine bestehen und sich im weltweiten Wettbewerb durchsetzen.

Apropos Marginalisierung: Beim Wandel von der Industriegesellschaft zur digitalisierten Technologiegesellschaft hinke Deutschland hinterher und drohe den Anschluss zu verlieren, wenn nicht mehr in Bildung investiert werde. Bosbach: „Anstatt über Schulformen zu streiten, sollten wir mal über die Inhalte der Lehrpläne diskutieren“, wagte er einen Exkurs in die Bildungspolitik.

Im europapolitischen Gespräch skizzierten Sabine Verheyen und Wolfgang Bosbach, dass es trotz aller Fortschritte noch viele offene Baustellen gibt – beispielsweise bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit von Polizei und Strafverfolgungsbehörden. Dass die einzelnen Polizeibehörden der deutschen Bundesländer wissen, was die anderen Kollegen wissen, sei bis zur Einrichtung eines gemeinsamen Terrorabwehrzentrums in Berlin nicht selbstverständlich gewesen.

Auf europäischer Ebene werde es nicht leichter, zusammenzuführen, was eigentlich zusammengehört. „Wenn Europa nicht mehr handlungsfähig ist, werden wir den weltweiten Wettbewerb verlieren“, rief Verheyen dazu auf, die Europawahl ernst zu nehmen und vom Stimmrecht Gebrauch zu machen. „Diese Europäische Union ist das Beste, was wir im Moment haben.“ (sj)