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„Aus dem Leben“-Vortrag: Wie ein Dürener vorbildliche Hilfe für Bosnier organisierte

„Aus dem Leben“-Vortrag : Wie ein Dürener vorbildliche Hilfe für Bosnier organisierte

Dieses Mal nimmt Marcus Seiler, Pressesprecher des Wasserverbandes Eifel-Rur, auf der Couch des Stadtmuseums Platz. In den Neunzigern setzte er sich mit dem damaligen Bürgermeister für Geflüchtete aus Bosnien ein.

Aus einem ereignisreichen Leben erzählen: Das Stadtmuseum Düren lädt immer wieder Menschen ein, auf der Couch Platz zu nehmen und genau dies zu tun. Am 29. September um 19 Uhr ist es endlich wieder einmal soweit: Marcus Seiler, Pressesprecher des Wasserverbandes Eifel-Rur, wird Ausschnitte seines Lebens mit dem Publikum teilen. Leo Neustraßen, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Stadtmuseums, wird in gewohnt gekonnter Art durch die Veranstaltung führen.

Der in Birkesdorf geborene Marcus Seiler schloss bereits im Jugendalter erste Kontakte ins ehemalige Jugoslawien, insbesondere nach Kroatien. Bei einer der zahlreichen Urlaubs- und Jugendreisen, die ihn in verschiedene Teile des Landes verschlugen, lernte er einen kroatischen Geistlichen kennen, über den er mit der Zeit nicht nur die Gebräuche, sondern vor allem auch die Sprache sehr genau lernte. Dies ermöglichte ihm nach seinem Abitur am Stiftischen Gymnasium und während seines Studiums in Köln schließlich, in den Semesterferien eine Nebentätigkeit als Touristenführer auszuüben.

Anfang der 1990er Jahre brach die sozialistische Republik im Vielvölkerstaat Jugoslawien zusammen. 1992 begann die militärische Eskalation zwischen den Konfliktparteien, die sich durch große Brutalität auszeichnete. Beim Völkermord von Srebrenica wurden innerhalb weniger Tage mehr als 8.000 Menschen ermordet. Das jüngste Opfer war ein Mädchen im Säuglingsalter. Hunderttausende Menschen versuchten damals, das Land zu verlassen, um sich und ihre Familien im Ausland in Sicherheit zu bringen. Ab Mitte 1992 trafen zahlreiche dieser Geflüchteten in Düren ein. Die meisten kamen aus der Region Gradačac/Modriča.

Der damalige Dürener Bürgermeister Josef Vosen sagte: „Ich will keine Menschen in Turnhallen sehen!“, und sorgte dafür, dass die Neuankömmlinge in richtigen Wohnungen untergebracht wurden. Es gab damals keinen Verteilschlüssel, der vorschrieb, wie viele Menschen in Düren aufgenommen werden müssten. Die Dürener Bemühungen um angenehme Unterbringung der Geflüchteten sprach sich auch unter diesen herum. Dies führte dazu, dass deutlich mehr Menschen an die Rur kamen, als in umliegende Städte. In Düren lebten auf diese Weise prozentual zur Bevölkerung zeitweise ähnlich viele Geflüchtete wie in Berlin.

Nach einem Streit der Geflüchteten mit Vorbewohnern der Unterkünfte kam es zu einem klärenden Gesprächstermin bei Bürgermeister Vosen. Zu diesem wurde Marcus Seiler, der damals bereits mit den Geflüchteten im engen Kontakt war, seitens der bosnischen Geflüchteten als Dolmetscher hinzugebeten. Josef Vosen, der derartig beeindruckt von den Sprach- und Vermittlungskenntnissen Seilers in Bezug auf die bosnischen Geflüchteten war, engagierte diesen kurzerhand umgehend als Büroleiter seines Bundestagsbüros. Dort sollte Seiler unter anderem an einer Lösung für die Situation der Geflüchteten arbeiten.

Im Rahmen dieser Tätigkeit hielt Marcus Seiler Kontakt mit zahlreichen deutschen Ministerien, der EU sowie diversen bosnischen Stellen und organisierte gemeinsam mit diesen und Bürgermeister Vosen ein einzigartiges Projekt zur Rückführung der bosnischen Geflüchteten in ihre Heimat. Das Vorhaben schien zunächst aussichtslos, denn die ehemaligen Wohnorte der Menschen waren durch den andauernden Krieg nahezu vollständig zerstört.

Doch die Initiative von Marcus Seiler und Josef Vosen sowie Gelder des Landes Nordrhein-Westfalen, der EU und des Innenministeriums ermöglichten es schließlich, in Bosnien eine ganz neue Gemeinde aufzubauen, um eine neue Bleibe für die Menschen zu schaffen. Dieses Unterfangen war ungewöhnlich, abenteuerlich, gefährlich, beinhaltete zähe Verhandlungen und so manches Hindernis. Marcus Seiler und Josef Vosen reisten mehrfach gemeinsam in das Krisengebiet, um sich vom Gelingen der Aktion zu überzeugen und sie immer wieder voranzutreiben.

Das Projekt zur Rückführung der bosnischen Geflüchteten war erfolgreich und ist bis heute einzigartig, vor allem, weil es einzig von einer deutschen Kommune – Düren – bewerkstelligt wurde. Sogar das Wallstreet Journal Europe berichtete 1998 darüber und druckte ein Foto des „German Mayor“ Josef Vosen.

Am 29. September wird Marcus Seiler dem Publikum von seinen außergewöhnlichen Erfahrungen aus dieser Zeit berichten und so manche Anekdote erzählen. Es verspricht, ein spannender, emotionaler und unterhaltsamer Abend zu werden, durch den Leo Neustraßen vom Stadtmuseum Düren führt. Die Veranstaltung findet im Veranstaltungsraum im Stadtmuseum Düren, Arnoldsweilerstraße 38, statt. Beginn ist um 19 Uhr. Das Museum öffnet ab 18 Uhr seinen Seiteneingang in der Cranachstraße. Der Eintritt ist frei.