1. Lokales
  2. Düren

Digitalisierung: Wenn die Walze ihren Hersteller zur Wartung bittet

Digitalisierung : Wenn die Walze ihren Hersteller zur Wartung bittet

Die Firma Krafft-Walzen hat ein intelligentes System entwickelt, das den Austausch von Teilen oder deren Reparatur zum rechten Moment meldet.

Die eine wird in einem Windkanal bei der Formel 1 eingesetzt, von der nächsten wird in Asien einmal Verpackungsfolie abgewickelt, die dritte wird Papier bedrucken: Die Walzen, die von der Schoellerstraße in Düren bald auf Reisen gehen werden, haben sehr unterschiedliche Funktionen. Eines haben sie aber gemein: Irgendwann müssen sie gewartet, überholt oder ausgetauscht werden. Wann der ideale Zeitpunkt dafür ist, will die Firma Krafft-Walzen künftig digital ermitteln.

Die Grundüberlegungen dazu wurden für den wichtigsten Kunden, die Papierindustrie, angestellt. „Die Anlagen in der Papierindustrie müssen eine hohe Verfügbarkeit haben. Sie sind zu 99 Prozent ausgelastet. Jede Stunde, die nicht produziert wird, kostet viel Geld“, erläutert Geschäftsführer Michael Hess. Besonderen Extremen ausgeliefert sei der Tambour, der das Papier aufwickelt. Er wird mit einem Gewicht von bis zu 100 Tonnen belastet und im laufenden Betrieb ausgetauscht, wenn er voll ist.

Rapides Abbremsen, Austauschen, enorme Beschleunigung der neuen Walze, hohe Torsionskräfte auf Zapfen und Walze – nach einer gewissen Zeit sei der Tambour zerkratzt, verbogen, verschlissen. Aber wann? Da mehrere vorgehalten, aber nicht immer im gleichen Rhythmus getauscht werden, kann der eine Tambour täglich im Einsatz sein, während der andere vielleicht wochenlang unberührt bleibt. „Da kommt die Idee her, einen Sensor einzubauen, der die Nutzung erfasst“, erklärt Hess.

Mehrere Vorteile hat das: Bauteile, die zum idealen Zeitpunkt gewartet werden, halten länger und minimieren das Risiko von Betriebsunfällen. Kosten spart das auch, denn erst dann, wenn ein Teil kurz vor dem Ende seines Lebenszyklus ist, wird es ausgewechselt.

Der QR-Code lässt sich auslesen und gibt je nach Berechtigung des Nutzers Auskünfte über das Bauteil. Ins Innere kann zusätzlich ein Sensor eingebaut werden, der Daten während des Einsatzes des Bauteils erfasst.
Der QR-Code lässt sich auslesen und gibt je nach Berechtigung des Nutzers Auskünfte über das Bauteil. Ins Innere kann zusätzlich ein Sensor eingebaut werden, der Daten während des Einsatzes des Bauteils erfasst. Foto: MHA/Verena Müller

Denkbar ist, dass ein Hinweis zur fälligen Wartung oder Ersatzteilbestellung beim Kunden oder beim Hersteller direkt „aufploppt“. „So ähnlich wie bei einem Auto, das während der Fahrt Nutzungsdaten sammelt und sich meldet, wenn der nächste Service ansteht“, erläutert der zweite Geschäftsführer der Carl Krafft & Söhne GmbH & Ko. KG, Peter Kayser.

Wie sieht das in der Praxis aus? Jede Walze wird an den Enden mit sogenannten Wuchtstopfen verschlossen. Anstelle eines solchen Stopfens lässt sich in gleicher Größe ein zylinderförmiges Teil einsetzen, das je nach Zielsetzung zwei Dinge kann. Erstens kann man in den Zylinder besagten Sensor einbauen, der Daten generiert und überträgt. Der trägt den Namen „Carl“. „Opel hat den Adam, Krafft-Walzen hat den Carl“, sagt Kayser zur Taufe. „Carl“ ist zugleich eine Abkürzung für Computer-Aided-Roller-Logger.

Zweitens kann man einen QR-Code auf der Oberfläche des Stopfens scannen, über den in einer Cloud der sogenannte digitale Zwilling hinterlegt ist. Das ist nichts anderes als ein Etikett. Der Hersteller entscheidet dabei, wer nach dem Einscannen des Codes welche Informationen über die Walze sehen darf. „Bislang erhält der Kunde von uns unterschiedlich umfangreich in Papierform oder digital ein Paket mit Materialzeugnissen und Zeichnungen“, erklärt Hess.

Betriebsgeheimnisse bleiben natürlich weiterhin verborgen. Die neue digitale Produktbeschreibung hat das Unternehmen „Carllexa“ getauft. Das Anhängsel „lexa“ ist aus dem Produktnamen des bekannten Online-Versandhändlers entlehnt und so etwas wie das Premium-Angebot von Krafft-Walzen.

„Daraus lassen sich auch neue Geschäftsmodelle ableiten“, sagt Peter Kayser. „Normalerweise liefern wir eine Walze aus und wollen danach nichts mehr davon hören.“ Kayser lacht. Denn im gegenteiligen Fall bedeute dies eine Reklamation. Mit einer Erweiterung des Service seines Unternehmens und dessen Produktangebots sei es aber gut, wenn man von den Walzen während ihres Einsatzes eine Rückkopplung erhält. Je präziser die Angaben über den Verschleiß, desto passgenauer können neue Walzen hergestellt werden.

Und mit den Erfahrungen, die man mit „Carl“ in der Papierindustrie sammelt, könne man auch andere Geschäftsmodelle aufbauen. Sich drehende Bauteile gibt es bekanntlich viele.