Welt-Chefreporter Ansgar Graw über Donald Trump

Berufswunsch US-Präsident : Ansgar Graw aus Gey ist Chefreporter der „Welt“

Ansgar Graw (57) ist in Gey aufgewachsen und war acht Jahre für „Welt“ und „Welt am Sonntag“ in Korrespondent in Washington. Demnächst hält er einen Vortrag in der alten Heimat.

Graw muss acht Jahre alt gewesen sein, als er sich in Gey ein Kinderbuch über die amerikanischen Präsidenten gekauft hat. Das Thema hat den Grundschüler offenbar fasziniert, jedenfalls hat der Junge seiner Mutter damals erklärt, auch Präsident werden zu wollen. Das konnte nicht funktionieren, weil US-Präsidenten bekanntermaßen in den USA zur Welt gekommen sein müssen.

Graw hat trotzdem acht Jahre in Washington gelebt und regelmäßig mit dem Weißen Haus zu tun: Von 2009 bis zur Bundestagswahl 2017 war er US-Korrespondent für die „Welt“. Heute ist er Chefreporter im Ressort Innenpolitik dieser Zeitung. Am Montag, 29. Oktober, spricht Graw auf Einladung der CDU-Mittelstandsvereinigung in Merzenich.

Graw hat seine Grundschulzeit an der Dürener Südschule und in Gey verbracht, Abitur hat er am Stiftischen Gymnasiums gemacht und anschließend Politikwissenschaften und Geschichte in Hamburg studiert. „Mit zehn Jahren“, erzählt der 58-Jährige, „wollte ich Schriftsteller werden. Ich war ein fanatischer Leser und habe Fantasy-Geschichten geschrieben, in denen ich selbst Häuptling einer Jugendbande, zu der auch meine Brüder gehörten, war.“ Einige Jahre später, sagt Graw nicht ohne zu schmunzeln, sei ihm klar geworden, dass auch Schriftsteller Geld verdienen müssten und ein regelmäßiger Job durchaus von Vorteil sein könnte. „So ist mein Wunsch entstanden, Journalist zu werden.“ Ein Wunsch, den er bis heute nicht bereut hat. „Mit gefällt an meinem Beruf immer noch die Perspektive, ganz selten in eine  Routine zu verfallen und fast täglich neue Herausforderungen zu erleben.“

Für Politik hat Graw sich immer schon stark interessiert, diese Begeisterung hat er mit seiner Liebe zum Schreiben in seinem Beruf kombiniert. Seine Zeit in den USA beschreibt der Chefreporte als „absolut positiv“. „Ich war immer ein Befürworter der USA und habe es beispielsweise auch immer als positiv empfunden, wie optimistisch und freundlich die Amerikaner sind.“ Gleichwohl ist Graw jetzt auch froh wieder in Berlin zu sein – auch wenn er die Amtszeit von Trump schon gerne bis zum Ende betreut hätte. „Deutschland“, sagt er, „hat heute einen viel größeren Zugriff auf weltpolitische Themen als noch vor vier Jahren. Wir sind dicht dran am Ukraine-Konflikt, den Schwierigkeiten mit der Türkei und auch an den faktischen Handelskriegen, die es gibt,“

Müsste Graw die Situation in Europa mit nur einem Wort entscheiden, würde er das mit dem Begriff Polarisierung tun. „Es gibt mehr Polarisierung als in den vergangenen 50 Jahren“, sagt er. Nicht nur Länder wie Polen und Ungarn, auch Teile von Frankreich, Dänemark und natürlich Großbritannien würden sich immer mehr von der EU abwenden. „Der weitgehende Konsens“, sagt Graw, „ist aufgebraucht. Das ist eine Entwicklung, die mir Sorge macht.“

Was die Bundespolitik angeht, ist Graw überzeugt, dass Deutschland auch nach den Landtagswahlen in Hessen weiter von einer Großen Koalition regiert wird. „Die Stärke der deutschen Regierung ist gleichzeitig ihre Schwäche.“ Die Regierungsmitglieder hätten absolute Angst vor Neuwahlen. Neueste Umfragen haben gezeigt, dass in Hessen eine grün-rot-rote Regierung mit grünem Ministerpräsident möglich werden könnte. Graw: „Wenn das so kommt, ist es denkbar, dass Angela Merkel im Dezember nicht mehr zur Parteivorsitzenden gewählt und vielleicht Wolfgang Schäuble Interims-Kanzler wird. Dass es sofort Neuwahlen gibt, glaube ich nicht.“

In seinem Vortrag in Merzenich geht es um Amerika, Trump und die dort anstehenden Zwischenwahlen. „Ich bin großer Trump-Kritiker. Seine moralische Integrität ist unterirdisch, und für mich ist es der schlechteste Präsident, die die USA jemals hatten, weil er den Westen schwächt und das Ansehen des Weißen Hauses massiv beschädigt.“ Trotzdem wolle er für Verständnis werben, warum ein Teil der Amerikaner Trump gewählt hätte. Und erklären, warum nicht alles schlecht sein müsste, nur weil es von Trump käme. Graw freut sich auf den Besuch in der alten Heimat. „Ich bin gerne in Gey und in Düren“, sagt er. „Ich verbinde sehr schöne Erinnerungen mit den Plätzen meiner Kindheit.“

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