Welche Auswirkungen hatte der Kapp-Putsch vor 99 Jahren auf Düren?

Vor 99 Jahren : Putsch in Berlin, Großdemo in Düren

Auf den Tag genau vor 99 Jahren, in der Nacht zu Samstag, dem 13. März 1920, kam es in Berlin zu einem Putsch, dessen Folgen bis ins Dürener Land zu spüren waren.

Rechtsextreme besetzten das Regierungsviertel. Das Kabinett um Reichskanzler Gustav Bauer und Reichspräsident Friedrich Ebert floh, und Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp wurde als kommissarischer Reichskanzler eingesetzt. Der nach ihm benannte Kapp-Putsch zog daraufhin Wellen durch das ganze Land und konnte nach vier Tagen dadurch beendet werden, dass die Bürger in einen Generalstreik traten.

Die öffentliche Versorgung war lahmgelegt, in Berlin gab es weder Strom noch Wasser. Auch die Menschen aus Düren und Umgebung setzten nur zwei Tage nach dem Beginn des Putsches ein deutliches Zeichen: Mitglieder aller Parteien und Gewerkschaften kamen unter dem Motto „Gegen die Gegenrevolution“ zu einem Protestzug zusammen. 20 000 Teilnehmer sollen es gewesen sein, die vom Neuen Wasserturm zu Rathaus und Kreishaus zogen.

20 000 – diese Zahl finden die Sozialdemokraten Dietmar Nietan (MdB), Felix Röhlich und Bernd Hahne (erster Vorsitzender des Stadtmuseums) beeindruckend. Sie führen vor Augen, dass zu der Zeit nur rund 34.000 Menschen in der Stadt Düren lebten. Natürlich kamen auch Demonstranten aus dem Umland hinzu, aber so viele Menschen in so kurzer Zeit zu versammeln und das in einer Zeit, in der Lebensmittel rationiert und der Hunger groß waren – „das zeigt, welche Bedeutung das für die Menschen damals hatte“, unterstreicht Röhlich.

„Die Bereitschaft der Bürger, so wenige Jahre nach dem Kaiserreich für die noch junge Demokratie auf die Straße zu gehen, ist es wert, daran zu erinnern“, ist Röhlich überzeugt. Der 89-Jährige hat sich der regionalen Geschichte verschrieben, verbringt viele Stunden im Stadtarchiv, durchforstet leidenschaftlich gern alte Zeitungen und Ratsprotokolle. Im Moment sei die Weimarer Republik dran, erzählt er. Als er per Zufall auf den Kapp-Putsch stieß, war er so beeindruckt davon, wie viel Staub dieser in Düren aufgewirbelt hatte, dass er Nietan und Hahne informierte.

Bernd Hahne, Felix Röhlich und Dietmar Nietan (von links) wollen weiter zum Thema recherchieren. Foto: Anne Welkener

Noch am Tag des Putsches, zwei Tage vor der großen Demonstration, kamen einige Demonstranten vor dem Rathaus zusammen. Sie forderten, dass das Bild des Kaisers aus dem Ratssaal entfernt wird. Gegen den Protest von Bürgermeister August Klotz holte Josef Radermacher von der MSPD (Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands) das Bild und schlug vor den Augen der Demonstranten mit der Faust hindurch. „Eineinhalb Jahre nach dem Kaiserreich weigert sich der Bürgermeister, das Bild von der Wand zu nehmen. Das sagt schon was aus“, meint Nietan. Auch bei der großen Demonstration zwei Tage später habe sich gezeigt, dass die „einfachen Bürger“ die Weimarer Republik unterstützt haben, die „hohen Herren der Dürener Industrie, die politischen und wirtschaftlichen Eliten“ aber nicht, erklärt Nietan.

Er und seine Mitstreiter appellieren, aus der Geschichte für die aktuelle Verteidigung der Demokratie zu lernen. Bernd Hahne sieht bei diesem Thema eine „fast brennende Aktualität“. „Zwar haben wir heute nicht 100.000 Leute in Freikorps die putschen, aber doch unterschwellige Gesinnungen. Das ist in Ansätzen vergleichbar.“ Dietmar Nietan ergänzt: „Ich sehe im Bundestag, welche Anträge die AfD stellt. Da geht es unter anderem darum, die Förderung für Geschichtsprojekte zu streichen.“ Mit Verweis auf Alexander Gaulands (AfD) Vergleich des Nationalsozialismus mit einem „Fliegenschiss“ in der deutschen Geschichte, sagt Nietan: „Wir erleben gerade im öffentlichen Diskurs eine Relativierung der Geschichte – das ist unsere große Sorge.“

Um aber aus der Geschichte lernen zu können, müsse man sie kennen, betont der Bundestagsabgeordnete. Aus diesem Grund machen er und seine Mitstreiter schon jetzt – und nicht erst 100 Jahre nach dem Putsch – auf das Thema aufmerksam. Bis zum 100. Jahrestag erhofft sich Nietan zum Beispiel, Geschichtslehrer und deren Leistungskurse für das Thema begeistern zu können. Außerdem sollen der Putsch und die Dürener Reaktionen darauf nach Ansicht der drei Herren zukünftig eine größere Rolle in der lokalen Geschichtsschreibung spielen.

„Es gibt blinde Flecken in der offiziellen Geschichtsschreibung der Stadt“, kritisiert Nietan. Wer neuer Kaplan geworden ist oder wann die Annakirche eine neue Glocke bekommen habe, werde festgehalten, viele politische Ereignisse fänden jedoch keine Erwähnung. Röhlich, Hahne und Nietan wünschen sich deshalb eine explizitere Auseinandersetzung, „um denen, die sich in Düren für die Demokratie stark gemacht haben, zu gedenken, und zu schauen, wo die Feinde der Demokratie waren“, erklärt Nietan.

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