Düren: Weihnachten: Keine Zeit für Moralpredigten

Düren: Weihnachten: Keine Zeit für Moralpredigten

Vieles mag Kommerz sein, manches Kitsch. Stressig wird es auch schon einmal. Monsignore Norbert Glasmacher regt sich darüber nicht auf. „Ich freue mich auf Weihnachten“, sagt der katholische Seelsorger. „Weihnachten ist für mich ein faszinierendes Geheimnis. Jedes Jahr aufs Neue. Etwas, das den Menschen unmöglich erscheint, ist möglich geworden“, sagt er.

Es freut ihn, dass Heiligabend die Kirchen voll sein werden. Dass auch Menschen kommen, die sonst nicht da sind. „Wir fühlen uns von etwas angezogen“, sagt er. „Vielleicht drückt sich so die Sehnsucht der Menschheit nach Hoffnung aus.“

Von einem „kollektiven Anhalten“ spricht Pfarrer Stephan Schmidtlein, Vorsitzender des Presbyteriums der Evangelischen Gemeinde. Das Weihnachtsfest sei eine der wenigen kollektiven Erfahrungen, die Menschen in einer stark fragmentierten und individualisierten Gesellschaft noch teilen. Vielleicht ist es deswegen an Weihnachten besonders schwierig, eine Predigt zu halten, mutmaßen beide Pfarrer.

„Der Gottesdienst ist keine Einbahnstraße. Es ist ja nicht so, dass einer vorne steht und Weihnachten macht und die anderen hören zu“, sagt Stephan Schmidtlein. Er möchte etwas predigen, das auch bei den Menschen etwas zum Schwingen bringt, die vielleicht nur aus Rücksicht auf Angehörige in die Kirche gekommen sind. „Weihnachten ist keine Zeit für eine Moralpredigt. Aber es wird auch keine Harmoniesoße über alles gegossen.“

Genau das mache Weihnachten so glaubwürdig, so aktuell, ist Norbert Glasmacher überzeugt. „Gott kommt inmitten politischer Wirren als Baby in die Welt der Menschen. Er ist auf Hilfe angewiesen, auf Schutz, auf Pflege. Auf Menschlichkeit.“

„Dieses Weihnachtsfest ist anders. Die Flüchtlinge sind Botschafter einer Krise, in der wir uns seit Jahren befinden“, ist Stephan Schmidtlein überzeugt. Eine Krise, die sich langsam, aber sicher nicht mehr aus dem sonst so behüteten Leben aussperren lasse.

„Es gibt viele Probleme, die wir gerne verdrängen“, fährt er fort. Er erinnert an den beinahe nicht mehr existenten sozialen Wohnungsbau und die damit verbundene Suche nach bezahlbarem Wohnraum, an Hunger auf der Welt und Krieg. Die Liste ließe sich fortsetzen.

„Weihnachten ist eine Chance, neu anzufangen. Inmitten des Unheils gibt es Heil. Inmitten des Unglücks Glück. Das zeigt uns, dass Konflikte lösbar sind“, betont Norbert Glasmacher. Weihnachten bedeute, in eine Kraft zu vertrauen, die größer als der Mensch ist. „Dieses Vertrauen ermöglicht geduldiges, lebenslanges Handeln, das nicht in der Angst vor einer Katastrophe oder in der Angst zu scheitern gründet, sondern in der Zuversicht“, fügt Stephan Schmidtlein hinzu. „Wir leben in einer schwierigen Zeit“, sagt Norbert Glasmacher. Die gewaltige Hilfsbereitschaft der Menschen zeige, dass es Hoffnung gibt. Dass es Weihnachten gibt. Trotz aller kommerzieller Äußerlichkeiten.

(sj)
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