Düren: Was Fernfahrer bewegt, wenn sich ihr Laster nicht bewegt

Düren : Was Fernfahrer bewegt, wenn sich ihr Laster nicht bewegt

Urlauber in vollbeladenen Kombis und Wohnwagen, Tagesausflügler im Cabrio, Reisende aus Belgien und den Niederlanden — sie alle sind auf dem Sprung. Gekommen, um zu bleiben, sind aber die vielen Fernfahrer, die an diesem Sonntag auf dem Autobahnrastplatz Rurscholle in Fahrtrichtung Aachen gestrandet sind.

Während im vorderen Bereich des Rastplatzes Paare, Familien oder ganze Gruppen das Bild dominieren, sind hinten bei den langen Parkplätzen für Laster ausschließlich Einzelgänger zu sehen. Allesamt männlich. Sämtliche 20 Parkplätze sind belegt, einige Lkw stehen sogar quer davor. Ihre Fahrer sind vom Sonntagsfahrverbot zu einem Tag zwischen Autobahnlärm und Rattenködern verdammt.

Atmosphärisch eine Mischung aus Campingplatz und Werkstatt: In einer Klappe neben der Fahrertür sind alle Küchenutensilien aufbewahrt (links), das kleine Toilettenhäuschen (Mitte) teilen sich Touristen und Trucker und mit Campingstühlen machen es sich die Lastwagenfahrer so gemütlich wie möglich. Viele bringen sich Eintöpfe mit. Foto: wel

Dort, wo in nur wenigen Metern Abstand unzählige Autos mit mehr als hundert Sachen vorbeiheizen, stehen die großen Reifen für 24 Stunden still. Man muss zweimal hinschauen, um die Fahrer und damit gleichzeitig die Bewohner der großen Fahrzeuge zu entdecken. Nur wenige haben in den schattigen Schluchten zwischen zwei Lastern die Campingstühle ausgepackt. Häufiger sieht man eine offene Fahrertür, mal hängt ein behaartes Bein heraus, manchmal erkennt man noch eine Plauze. Auf einem Kühlergrill hängen Boxershorts in der Sonne. Badelatschen auf den Stufen nach oben zur Kabine verraten, dass jemand an Bord ist. Manche haben sich zu zweit in die Fahrerkabine gesetzt und unterhalten sich bei einer Zigarette, die meisten bleiben aber allein, hören Musik oder dösen.

Atmosphärisch eine Mischung aus Campingplatz und Werkstatt: In einer Klappe neben der Fahrertür sind alle Küchenutensilien aufbewahrt (links), das kleine Toilettenhäuschen (Mitte) teilen sich Touristen und Trucker und mit Campingstühlen machen es sich die Lastwagenfahrer so gemütlich wie möglich. Viele bringen sich Eintöpfe mit. Foto: wel

Ins Gespräch zu kommen, ist hier schwierig. Deutsch und Englisch sprechen die Wenigsten. Mit Russisch kommt man zwischen den Lkw mit vorwiegend osteuropäischen Kennzeichen etwas weiter. Zum Beispiel bei Pavel. Der 49-Jährige stammt aus der Ukraine und fährt gerade eine Tour von Deutschland nach Belgien.

Atmosphärisch eine Mischung aus Campingplatz und Werkstatt: In einer Klappe neben der Fahrertür sind alle Küchenutensilien aufbewahrt (links), das kleine Toilettenhäuschen (Mitte) teilen sich Touristen und Trucker und mit Campingstühlen machen es sich die Lastwagenfahrer so gemütlich wie möglich. Viele bringen sich Eintöpfe mit. Foto: wel

Was er geladen hat, kann er gar nicht sagen. Das stehe irgendwo in den Papieren. Auf die Frage, ob es geplant gewesen ist, auf der Rurscholle Halt zu machen, grinst er verschmitzt. Planen könne man einiges, aber dann müsse man ja doch schauen, wie es sich ergibt. „Hier war Platz. In Deutschland ist es immer schwierig, einen Platz zu finden.“

Da nimmt er auch einen Sonntag auf einem kleinen Parkplatz in Kauf — ohne Dusche, ohne Restaurant oder Geschäft. Wenn er sonntags auf einem Parkplatz nahe der Stadt hält, macht er sich schon mal zu Fuß auf den Weg, um sich Sehenswürdigkeiten anzuschauen. „Aber hier ist ja nichts“, sagt er und macht eine ausschweifende Geste. Zu Mittag hat er sich auf dem Campingkocher ein Steak mit Bratkartoffeln gemacht, später möchte er noch einen Film schauen und die Unterlagen für den nächsten Tag vorbereiten.

Ein Vierteljahrhundert am Steuer

Ist das ein Job, den er gern macht? Er zieht die Schultern hoch und fängt an zu erzählen: Seit 25 Jahren fahre er jetzt, das sei ein Teil seines Lebens. „Es gibt Vor- und Nachteile“, meint er. Natürlich mache der Job nicht jeden Tag Spaß, aber grundsätzlich bereite es ihm schon Freude, neue Länder und Städte zu sehen und unterwegs zu sein.

Genau dieses ständige Unterwegssein ist es, was auf dem Autobahnparkplatz in entgegengesetzter Fahrtrichtung ein Rumäne am wenigsten an seiner Arbeit leiden kann. Der 33-jährige Nicu fährt seit sieben Jahren Lkw. Für ihn ist das Problem, so lange von der Familie getrennt zu sein. Sechs Wochen fährt er, bevor er für zwei bis drei Wochen bei Frau und Kind ist. „Ich mache das fürs Geld“, sagt er auf Englisch. „Als ich jung war, habe ich es aus Leidenschaft gemacht. Jetzt für die Kohle“. In Rumänien sei das ein gut bezahlter Job.

Nicu transportiert Fahrzeugteile für einen Hersteller von Luxuswagen, ist häufig zwischen England, Deutschland und Rumänien unterwegs. Die Frage, ob es viel Druck in seinem Job gebe, verneint er. Stress habe er keinen, es sei eine gute Firma. Für ein anderes Unternehmen arbeitet Adi, der neben Nicus Laster auf dem zweiten Campingstuhl sitzt, zwischen den beiden steht eine Kanne Kaffee auf einem Klapptisch.

Sie kannten sich vorher nicht, stammen aber beide aus Rumänien und kamen schnell ins Gespräch. Mittags aßen sie ein traditionelles rumänisches Gericht, später vertreiben sie sich die Zeit mit Musik und dem Internet. Am nächsten Tag geht es für Nicu nach Regensburg und in einer Woche endlich wieder zurück zur Familie. Mit diesem Gedanken vergeht die Zeit auf der Rurscholle wenigstens ein bisschen schneller.

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