Obermaubach: Was die Lebenden den Toten verdanken

Obermaubach: Was die Lebenden den Toten verdanken

Manchmal verdanken die Lebenden den Toten mehr als sie denken. Im Operationssaal beispielsweise. Bereits im Studium erarbeiten sich Studenten an Präparaten des menschlichen Körpers dessen Aufbau.

Sie lernen, Veränderungen an Organen zu erkennen, studieren Operationstechniken ein. Je näher an der Praxis, desto besser das Resultat. Später, bei der Facharztausbildung, sind die anatomischen Institute ebenfalls auf Körperspenden angewiesen. Auf Menschen, die ihren Körper nach dem Ableben in den Dienst der Wissenschaft stellen.

„Es mangelt auch in Düren nicht an Interessenten. Was hier bislang fehlte, ist die Möglichkeit, seinen Körper zu spenden”, sagt Dr. Dirk Schuster, Facharzt für Anatomie, der in der Pathologie des Dürener Krankenhauses arbeitet.

Aus diesem Grund hat er eine gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in Obermaubach gegründet, die Körperspenden annimmt - und der Forschung zur Verfügung stellt. „In den USA gibt es eine solche Gesellschaft auf nationaler Ebene”, sagt Schuster. Ziel soll es sein, mit Präparaten den von den Fachgesellschaften geforderten Bedarf an medizinischen Fortbildungskursen zu decken.

Denn der Engpass offenbart sich nicht unbedingt in den Hörsälen. „Die Unis haben für die Ausbildung der Studenten gewisse Kontingente”, erklärt Professor Andreas Prescher, der am Universitätsklinikum Aachen Chef der Prosektur ist, des Leichenwesens. Aus „räumlichen und personellen” Gründen nehme die Aachener Uniklinik gegen eine finanzielle Beteiligung von 500 Euro Körperspender nur noch aus dem Stadtgebiet an.

Diesen wird Formalin-Lösung in den Körper gepumpt; anschließend kommt dieser für sechs Monate in ein Formalin-Bad. Erst nach dieser Prozedur ist der Körper fertig für den Seziersaal. Für die Facharztausbildung reiche dieses Kontingent jedoch nicht aus, zumal für das Erlernen technisch anspruchsvoller Operationstechniken die einbalsamierten Präparate unzulänglich seien. „Die profunde anatomische Ausbildung an den Leichen ist die absolute Basis und Grundlage für jeden Arzt”, sagt Prescher. Ohne Körperspenden sieht er den Qualitätsstandard in der Medizin gefährdet. Denn der Trend, bei der Anatomie einzusparen, gefährde auf lange Sicht die Chirurgie.

Eine Gesellschaft wie das „Center of Surgical Anatomy” in Obermaubach sei daher eine Möglichkeit, um den Bedarf an Präparaten, besonders für die Facharztausbildung und Weiterbildungen, über die Kontingente der Universitäten hinaus zu decken. Die Zeiten, in denen entsprechende Kurse in der Pathologie der Krankenhäuser stattfanden, möchte er nicht zurück. „Das ist zurecht aus ethischen Gründen heute nicht mehr möglich”, sagt Prescher. Der Umgang mit den Körperspendern sei heute von „tiefem Respekt und Dankbarkeit” geprägt. Die Würde der Menschen werde gewahrt.

Doch wie wird jemand Körperspender? Nach einer ausführlichen Information unterschreibt der potenzielle Spender ein Antragsformular und erhält einen Körperspendeausweis. Dirk Schuster rät, diesen Schritt genau mit seinen Angehörigen zu besprechen - und den Hausarzt zu informieren. Nach dem Tod wird im Obermaubacher Fall eine finanzielle Beteiligung von 870 Euro erhoben. „Es fallen keine weiteren Kosten beispielsweise für die Beerdigung an”, erklärt Schuster. Nur, wenn der Körperspender in einem Familiengrab oder einem besonderen Friedhof beigesetzt werden möchte, müsse der Mehrpreis bezahlt werden. Sonst übernimmt die deutschlandweit tätige Gesellschaft die Einäscherung und Bestattung auf einem Friedhof in Hannover. Auf einer Trauerfeier können Verwandte und Freunde Abschied nehmen.

„Etwas schwierig” sei, dass der Leichnam meist erst nach einem Jahr bestattet wird. Doch die Lebenden verdanken den Toten viel. Das, was bis dahin an den Präparaten einstudiert wurde, kommt später Patienten zugute.