Bergstein/Brandenberg: Warum die „Unabsteigbaren“ aufgeben

Bergstein/Brandenberg: Warum die „Unabsteigbaren“ aufgeben

Ein paar Stunden bevor Roland Wirtz die Entscheidung verkünden wollte, wurde ihm klar, wie schwer ihm das fallen würde. Es war kein günstiger Zeitpunkt, Wirtz lief durch Brandenberg, mit dem Sankt-Martins-Zug.

Das Pferd trug den Martin, die Kinder trugen Laternen und Wirtz trug seine Verantwortung als Fußball-Obmann der SG Germania Burgwart Brandenberg/Bergstein, und es kann gut sein, dass sie sich nie schwerer anfühlte als in diesem Moment. Wirtz sagt: „Mir war so schlecht, ich hätte mich übergeben können.“

Die Funktionäre lächeln tapfer: Roland Wirtz (von links), Angelika Wirtz und Karsten Pelzer wollen jetzt einen Neuanfang auf den Weg bringen.

Die erste Mannschaft der SG Germania Burgwart Brandenberg/Bergstein hatte die Fußball-Saison in der Landesliga, Staffel 2, begonnen wie so viele davor auch, aber diesmal lief es derart schlecht, dass die Verantwortlichen das Gefühl hatten, eine Entscheidung treffen zu müssen, die niemand gerne trifft. Zumindest niemand, dem sein Verein etwas bedeutet.

Unabsteigbar. Das war einmal.

Immer einer von den Kleinen

Bei Germania Burgwart wurden Gespräche geführt, und am Ende war klar, dass sie die Mannschaft aus der Liga zurückziehen. Es war keine leichte Entscheidung, und jetzt musste sie auch noch jemand den Spielern erklären. Nach dem Sankt-Martins-Zug in Brandenberg fuhr Wirtz also zum Sportplatz nach Bergstein, die erste Mannschaft hätte an diesem Tag eigentlich trainieren sollen. Aber dazu kam es gar nicht mehr, weil der Obmann den Spielern sagte, dass der Verein sich aus der Landesliga zurückziehen werde. Er steht damit als Absteiger fest.

Im Amateurfußball ist es nichts Besonderes, dass Mannschaften zurückgezogen werden, es passiert in jeder Saison, in jeder Liga. Der FC Bergheim 2000, auch ein Landesligist, hat es früh in dieser Spielzeit getan. Manchmal haben sich Teams zerstritten, manchmal bekommen sie nicht mehr genug Spieler zusammen, manchmal ziehen sich Sponsoren zurück, manchmal kommen sie in einem Verein zu dem Schluss, dass das Team nicht konkurrenzfähig ist. So war das bei Germania Burgwart.

Die SG Germania Burgwart Brandenberg/Bergstein ist ein sogenannter Fusionsklub, beide Dörfer liegen in der Gemeinde Hürtgenwald und die liegt am Rand der Eifel. Auch nachdem die Vereine vor fast 40 Jahren beschlossen hatten, gemeinsame Teams auflaufen zu lassen, gehörten sie immer noch zu den Kleinen, sie haben zusammen nur ein paar mehr als 1500 Einwohner.

Aber behaupten konnten sie sich trotzdem: acht Jahre in der Landesliga, davor lange in der Bezirksliga. Dass viele Menschen aus den beiden Dörfern darauf stolz sind, liegt auch daran, dass die meisten Fußballer, die für Brandenberg und Bergstein spielten, auch aus der Gemeinde Hürtgenwald kamen. Das ist selbst in den Amateurligen besonders.

Mit dem Verein identifiziert

Der Verein hat in der Landesliga oft gegen den Abstieg gespielt, immer erfolgreich, manchmal war es ziemlich knapp. Vielleicht wäre er auch mal oben dabei gewesen, wenn er sich ein paar teure Spieler geleistet hätte, aber das war nie eine Option. Es fehlte das Geld. Germania Burgwart war immer Außenseiter, und Menschen mögen Außenseiter im Sport.

Auch das war wohl ein Grund dafür, warum immer so viele Zuschauer kamen, vor allem bei Heimspielen. Die Gegner sind nie gerne nach Bergstein gefahren. Germania Burgwart war immer ein kampfstarkes Team, unbequem; „Bauerntruppe“ haben Gegenspieler manchmal gesagt. Gekümmert hat das weder Spieler noch Fans; sie haben sich alle mit dem Verein identifiziert.

Auch bei Karsten Pelzer ist das so. Er steht dem Verein sogar noch ein bisschen näher als viele andere, und besonders deutlich wurde das im letzten Spiel vor dem Rückzug, gegen den SV Rott, in der 85. Minute. Da zog sich Pelzer ein Trikot über, es spannte ein bisschen über seinem Bauch, dann wurde er eingewechselt. Man muss wissen, dass Pelzer gar nicht zum Kader gehört, er ist Vorsitzender des Vereins. Pelzer hat zuletzt nur noch bei den Alten Herren gespielt, fit genug für die Landesliga war er eigentlich nicht. Aber er wurde gebraucht in dieser 85. Minute. Das zeigt ganz gut, wie es am Ende um den Kader von Germania Burgwart bestellt war.

Vieles eine Nummer zu groß

Pelzer, Vorsitzender, und Wirtz, Obmann, und Angelika Bergs, Pelzers Vorgängerin, sitzen jetzt an einem Holztisch, der besser in einen Konferenzraum passen würde, als in den Klubraum des Vereinsheims in Bergstein. Der Tisch ist irgendwie zu groß für diesen Raum, so wie es zuletzt die Landesliga für den Verein gewesen ist. Bergs hat ein paar alte Zeitungsartikel mitgebracht, eingeklebt in eine Mappe.

Es wird viel über die Vergangenheit gesprochen, ein bisschen über die Zukunft, aber vor allem darüber, wie das denn gekommen ist, mit dem Rückzug. Sie hätten den Gedanken schon länger mit sich herumgetragen, sagt Pelzer, aber eigentlich waren es Überlegungen für die nächste Saison. Die Entscheidung fiel früher. „In den vergangenen zwei Wochen ging alles ratzifatzi“, so sagt Pelzer das.

Am ehesten kann sie wohl Wirtz erklären; er war als Obmann seit Jahren für die erste Mannschaft zuständig. Er sagt: „Es ist alles zusammengekommen.“ Germania Burgwart hat in den vergangenen Jahren viele Stammspieler verloren, vor dieser Saison waren es sieben. Schicksal eines finanzschwachen Dorfvereins. Neu gekommen sind vor der Saison nur junge, unerfahrene Spieler, viele aus der eigenen Jugend und einige aus Zülpich, Kreisliga A.

Dass das für die Landesliga zu wenig sein könnte, sei klar gewesen, sagt Wirtz, dann hätten sich auch noch wichtige Spieler verletzt. Der Kader war ohnehin klein, manchmal bekamen sie kaum elf Fußballer zusammen, und einmal mussten sie sogar Pelzer einwechseln. In der Winterpause hätten noch mehr Spieler den Verein verlassen, das hatten sie schon angekündigt. Die Bilanz bis zum Rückzug: zehn Spiele, ein Punkt, keine Perspektive.

Dass die Punkte fehlten, lag wohl am Ende auch daran, dass das Geld fehlt. Mit Leidenschaft und Identifikation hat der Verein das lange kompensieren können, aber endlos funktioniert so etwas nicht. Germania Burgwart hatte nie einen großen Sponsor, dabei ist das bei vielen Vereinen üblich, selbst im Amateurfußball, manche Klubs haben einen sechsstelligen Etat. Wirtz sagt: „Wir haben die Landesliga im Grunde acht Jahre karikiert.“ Das Überraschendste am Abstieg ist vielleicht, wie lange es dauerte, bis es soweit war. „Wir sind jedem Einzelnen — Spielern, Trainern, Helfern, Fans — dankbar, dass sie uns diese schöne Zeit ermöglicht haben“, sagt Wirtz.

Alois Rabenbauer sieht die Geschichte des Klubs nicht als Einzelfall, er ist Leiter der Landesliga-Staffel 2, er hat also einen guten Überblick. Rabenbauer hat festgestellt, dass immer mehr kleine Klubs ihre Mannschaften aus höherklassigen Ligen zurückziehen, er sagt: „Die Gründe sind meist dieselben.“ Oft seien es Klubs, die wenige Sponsoren hätten, nicht in Stadtnähe lägen, und sich deswegen höherklassigen Spielbetrieb nicht leisten könnten. „Vorstände müssen damit verantwortungsbewusst umgehen“, sagt Rabenbauer. Es gehe nicht nur um die Klasse, in der eine Mannschaft spielt, es gehe auch ums Vereinsleben. „Und das kann auch zwei Klassen tiefer schön sein“, sagt Rabenbauer.

Und jetzt ein Neuanfang

Die Kreisliga A sei für einen Klub wie Germania Burgwart vollkommen okay, das sieht auch Wirtz so. Und das ist jetzt das Ziel des Vorstands: Im Sommer soll ein Team stehen. Neuanfang, „auch eine schöne Aufgabe“, sagt Pelzer.

Zur Geschichte von Germania Burgwart gehört auch ein Schlachtruf, er geht so: „Burgwart, Burgwart — unabsteigbar!“ Das „Unabsteigbar“ steht sogar auf einer Bande am Rand des Spielfeldes, der Verein hat sich darüber ein bisschen definiert. Bis jetzt.

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