Niederzier: Waldbesetzer: Umweltaktivist setzt sein Leben aufs Spiel

Niederzier: Waldbesetzer: Umweltaktivist setzt sein Leben aufs Spiel

Aus der Räumungsaktion im Hambacher Forst ist ein dramatischer Rettungseinsatz geworden. Rund sechs Meter tief unter der Hütte der Besetzer harrt seit Dienstagmorgen ein junger Braunkohlegegner in einem kleinen, nach oben mit Holz abgestützten Raum aus. Der Demonstrant hat sich nach Polizeiangaben zusätzlich an einen Betonblock gekettet.

„Ja, der Mann ist noch immer da unten”, sagte ein Polizeisprecher am Freitagmorgen. Der Plan sei nun, ihn im Laufe des Tages rauszuholen. Wie genau, das konnte der Sprecher aber nicht sagen.

Er habe erklärt, dass er sich aus eigener Kraft aus seiner Situation nicht mehr befreien könne. Von der Verlobten des Mannes habe die Polizei einen Schlüssel bekommen. Ob der tatsächlich zu dem verwendeten Schloss passe, sei noch nicht klar.

„Der junge Mann ist in Lebensgefahr. Er setzt sein Leben offensichtlich bewusst aufs Spiel”, sagte Polizeisprecher Anton Hamacher zur Lage im Hambacher Forst. Die Furcht der Hilfskräfte: Der von den Besetzern gegrabene Tunnel könnte einstürzen. Die Rettungsarbeiten sollten noch die ganze Nacht andauern.

Mitarbeiter der Grubenwehr der Stadt Herne waren in der Nacht zu Donnerstag in den Schacht hinabgestiegen und hatten Sichtkontakt zu dem Mann hergestellt. Sie mussten den Erdbunker wegen der Einsturzgefahr aber wieder verlassen, hätten aber einen Schlauch für seine Sauerstoffversorgung legen können, sagte ein Polizeisprecher.

Es gehe dem Aktivisten körperlich gut, er sei mit Proviant ausgestattet, sagte seine Verlobte Laura, die laut Polizei im ständigen Kontakt mit dem Aktivisten steht. Trotzdem bleibe die Gefahr, dass er jederzeit verschüttet werden könne.

„Wir kommen nicht an den Mann heran”, sagte der Polizeisprecher. Aus Sicherheitsgründen würden keine weiteren Hilfskräfte in das Tunnelsystem gelassen, das nur durch eine kleine Luke in einer massiven Betonplatte zugänglich ist. Von außen wollte die Polizei zu dem Aktivisten vordringen, dazu wurde zunächst „langsam und behutsam” (Hamacher) das Gebäude aus Lehm und Holz abgetragen und die umgebenden Bäume entfernt.

Erschütterungen des Erdreichs mussten dabei vermieden werden, was die Arbeiten verlangsamte. Im zweiten Schritt war geplant, dass Bagger sich seitlich zu dem Mann vorarbeiten - ebenso unter der Vorgabe, das Tunnelsystem nicht zum Einsturz zu bringen. Den neuen Schacht sollten Rohrelemente aus Beton stützen.

Baustatiker und Geologen waren in dem Wald ebenso im Einsatz wie Kräfte des Technischen Hilfswerks, der Feuerwehr und Forstexperten. Ausgerüstet waren sie mit Sonargeräten, verschiedenen Baggern, Kameras, Mikrofonen und Stützmaterial. Rund 200 Polizisten, schätzte der Polizeisprecher, waren am dritten Tag der Räumung vor Ort.

Nach Informationen unserer Zeitung gehen die Kosten für die Räumung in die Hunderttausende. Nach Angaben der Polizei sind die Beamten verpflichtet, den Mann aus seiner Lage zu befreien. Strafrechtlich könne der Mann nicht belangt werden. Nach Abschluss der Räumung soll jedoch geprüft werden, ob der Mann für die Kosten des Einsatzes aufkommen muss. RWE will sich rechtliche Schritte vorbehalten.

„Wir hoffen, dass es gut endet”, sagte Antje Grothus von der Initiative Buirer für Buir, die regelmäßig das Camp besucht und Kontakt zu der Verlobten des Mannes hat. „Sie hat gesagt, es sei seine Entscheidung gewesen, sich dort einzugraben.” Grothus findet indes, ein Menschenleben aufs Spiel zu setzen, sei der Kampf gegen die Braunkohlenverstromung nicht wert.

Die Aktivisten nennen den Mann, der Mitte 20 sein soll, den „Endgegner” der Polizei. „Ich wundere mich ein bisschen über die große Aufmerksamkeit dafür, dass die Polizei mit dem Räumungsversuch mein Leben aufs Spiel setzt. Hier unten ist es riskant und ungemütlich, aber RWE riskiert die Zukunft unseres Planeten. Wenn nicht endlich mehr Menschen selber handeln um den Braunkohleabbau zu stoppen, macht RWE die Erde nicht nur ungemütlich, sondern unbewohnbar”, ließ der Mann in der Höhle durch das Aktivistennetzwerk ausrichten.

Er sehe sich keinen Gefahren ausgesetzt, wenn die Polizei keine „unverantwortlichen Maßnahmen” ergreife. Der Aktivist selbst bezeichnet seine Aktion doppeldeutig als „praktizierten Klimaschutz von unten” und betont: „Täglich sterben Hunderte an Hunger, Durst und Vertreibung als direkte Folgen des menschengemachten Klimawandels.” Seine Mitstreiter ließen von ihm ausrichten, die Beamten sollten die Räumung abbrechen oder ein auf solche Fälle spezialisiertes Räumungsteam aus Großbritannien anfordern.

Dass die Polizei die Schwierigkeiten des Einsatzes unterschätzt haben könnte, verneinte Sprecher Hamacher. „Wir waren gut vorbereitet. Was aber in die Erde hineingeht, war im Vorfeld nicht zu überprüfen.” Mehrfach waren Beamte in dem Camp gewesen und hatten die Situation fotografisch dokumentiert.

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