„Tag der Heimat“: Von Traditionen, die verloren gehen

„Tag der Heimat“: Von Traditionen, die verloren gehen

Es gab Zeiten, als Vertriebene aus Ostpreußen, Schlesien oder dem Sudetenland das Bild der Stadt Düren mit geprägt haben – wesentlich in den 1950er Jahren beim Aufbau der Stadt, aber auch weit bis in die 2000er Jahre, nicht zuletzt auch mit dem umstrittenen „Tag der Heimat“.

Dokumentiert ist diese Geschichte kaum, und sie droht in Vergessenheit zu geraten. „Es ist traurig, dass man den ‚Tag der Heimat’ heute als erstes mit den Landsmannschaften verbindet“, sagt Judith Hages vom Stadt- und Kreisarchiv Düren. Ihr wäre lieber, man würde sich an das kulturelle Erbe der Landsmannschaften erinnern.

Hages hatte vor zwei Jahren die Ausstellung „Neue Heimat Düren“ konzipiert, in der sie sich mit den Flüchtlingen, die zwischen 1945 und 1960 aus den ehemaligen Ostgebieten nach Düren gekommen sind, auseinandergesetzt und versucht hat, deren Geschichte nachzuzeichnen. Dass Hages sich für dieses Thema interessiert, hat familiäre Gründe: Ihre verstorbene Oma musste selbst flüchten, die Enkelin begab sich in Archiven auf die Suche nach der eigenen Geschichte.

Ein schleichender Prozess

Kulturelle Beiträge für die Stadt Düren würden fehlen, sagt Judith Hages, Traditionen, Erinnerungen verloren gehen. Und das schleichend. Da ist der „Tag der Heimat“ nur ein Beispiel für und vielleicht noch nicht einmal das beste. Dennoch: So umstritten wie er aufgrund der Auswahl der Gastredner oft war, so wenig wurde bemerkt, dass er sang- und klanglos eingestellt wurde. Als die „DN“ 2014 den damaligen Kreisvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen befragten, wie denn die Erinnerung an die alte Heimat aufrecht erhalten werden könne und ob es den „Tag der Heimat“ irgendwann nicht mehr geben werde, antwortete der im Brustton der Überzeugung: „Ich hoffe nicht.“ Es war die letzte Veranstaltung dieser Art.

Judith Hages vermisst diese Veranstaltung nicht, es ist für sie aber ein deutliches Zeichen, dass ein Stück der Identität dieser Stadt verloren geht. Zumal sie so gut wie gar nicht dokumentiert ist.

Foto: Stadt- und Kreisarchiv Düren

Dabei ist die Geschichte der Vertriebenen aus mehreren Gründen interessant. Das ergibt sich schon aus zwei simplen Zahlen, die Hages recherchiert hat. 1950, zu Zeiten des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg, lebten 1570 Flüchtlinge in Düren, bei einer Einwohnerzahl von 34.000 Menschen. Zehn Jahre später waren es 4500 Flüchtlinge bei 49.000 Einwohnern. Das allein lässt erahnen, wie groß der Anteil dieser Menschen an der Wiederaufbauleistung gewesen sein muss. Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Aspekt. Um den zu verstehen, kann ein Blickwechsel helfen.

Gerda Wornowski ist 77 Jahre alt. Wenn der Kreis Düren einmal im Jahr zur Begegnung mit Flüchtlingen einlädt, nimmt sie daran teil. 2017 war sie in Nörvenich, 2018 in Kreuzau. Würde man ein Foto dieser Treffen machen, könnte man vermutlich feststellen, dass es auch bei einem Begegnungstreffen Berührungsängste gibt. Auf der einen Seite sitzen die deutschen Bürger, auf der anderen die ausländischen. Gerda Wornowski hat keine Berührungsängste. Sie setzt sich zu einem syrischen Ehepaar mit ihrer Tochter, die schon ein paar Brocken deutsch kann und unterhält sich mit ihr. „Die haben sich richtig gefreut, dass ich auf sie zugegangen bin“, erzählt sie.

Bei der Begegnung in Kreuzau hat sie sich mit einer Familie aus Afrika unterhalten, sie saß wieder mittendrin, hatte zwischendurch das kleine Kind der Familie auf dem Schoß. Das ist typisch für Gerda Wornowski. Neulich stand sie in Köln in einem Café. Neben ihr ein junger Mann aus Eritrea, der auf dem Handy tippte. Der Türöffner: „Du schreibst bestimmt mit Deiner Mutter.“ Der junge Mann strahlte sie an und das Gespräch dauerte länger. „Mir tut das Herz weh wenn ich sehe, wie wir teilweise mit den Flüchtlingen umgehen“, sagt Gerda Wornowski. Und: „Die Flüchtlinge, die heute zu uns kommen, haben es sehr viel schwerer“, stellt sie fest. Sie ist Vorsitzende der Landsmannschaft Ost-Westpreußen Kreisgruppe Düren und Geschäftsführerin im Kreisverband des Bundes der Vertriebenen.

Dabei würde sie sich gar nicht mal als Vertriebene bezeichnen, schließlich hat sie 1971 freiwillig ihre Heimat verlassen. „Wir haben zu Hause immer deutsch gesprochen, uns immer als Deutsche verstanden“, erzählt sie. Für Düren hatte sich ihre Familie entschieden, weil es hier Verwandte gab und sie nicht in eine Großstadt ziehen wollte. „Wir standen in Düren am Bahnhof und wussten nicht wohin. Uns hat keiner empfangen“, erinnert sich Gerda Wornowski. So schwer es ihr auch gefallen sein mag, in Düren Fuß zu fassen und heimisch zu werden, weiß sie, dass sie entscheidende Vorteile hatte: „Wir konnten uns verständigen, etwa alleine auf Ämter gehen. Und wir konnten sofort eine Arbeitsstelle finden.“

Wenn also Gerda Wornowski heute offen auf Flüchtlinge zugeht, weiß sie aus eigener Erfahrung, wie wichtig dies als Beitrag zur Integration ist. Und genau diese Integrationsleistung der Dürener Bürger könnte der zweite wichtige Grund sein, die Geschichte der Landsmannschaften zu dokumentieren. Wie ist es 1960 gelungen, 4500 Menschen zu integrieren? Immerhin waren das zehn Prozent aller Dürener Bürger. Und warum tut man sich heute schwer, circa 4000 Flüchtlinge zu integrieren? Und zwar bezogen nicht etwa auf die Stadt Düren, sondern den gesamten Kreis mit 270.000 Einwohnern.

Foto: Stadt- und Kreisarchiv Düren

„Die Sprache ist der Schlüssel“, sagt Helmut Krebs, Leiter des Stadt- und Kreisarchivs, und Judith Hages hat eine weitere Erklärung: „Nach dem Krieg haben die Dürener und die Flüchtlinge bei Null angefangen und sind so auch zusammengewachsen. Es gab einen Austausch. Heute erwarten wir, dass man sich anpasst.“

Nicht mehr existent

28 Mitglieder hat die Landsmannschaft der Ostpreußen heute noch in Düren. Wenn Gerda Wornowski zum Heimatabend einlädt, kommen zwei bis drei Leute. „Früher sind 200 bis 300 Leute gekommen“, erinnert sie sich. Andere Landsmannschaften sind bereits gar nicht mehr existent. „Die jungen Leute, unsere Kinder, kommen nicht. Die Enkel haben mehr Interesse“, sagt Wornowski. Judith Hages ist ein Beispiel dafür.

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